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Vuvu-Tela - Die WM im TV Kleiner Kick abseits der Gebührensender


Allesgucker können während der Fußball-WM in Südafrika die Fernbedienung getrost vergessen. Das stundenlange Tagesprogramm wird in der Regel auf einem Sender abgespult. Manchmal muss man aber doch umschalten. Denn auch RTL zeigt ein paar Spiele - und das auf die ganz eigene Art.
Von Dieter Hoß

Dass RTL einst der erste Sender war, der den Fußball der "Sportschau" entriss und ins Privatfernsehen zerrte, daran kann sich kaum noch jemand erinnern. Ein wenig Fußball-Affinität haben sich die Kölner aber wohl bewahrt, denn anders ist es kaum zu erklären, warum sich der erfolgreiche Spaß- und Unterhaltungskanal bei Fußball-Weltmeisterschaften ein bisschen ins Zeug legt und ein paar Spiele den Vollversorgern ARD und ZDF entreißt, um sie lieber selber zu senden. Zum Fußball-Kanal wird RTL trotz der eigenen Historie dadurch kaum mehr werden. Die Auswahl der Spiele scheint eher beliebig, wenn auch ein gewisses Augenmerk auf die Favoriten des Turniers erkennbar ist - Deutschland freilich ausgenommen; die Live-Spiele der DFB-Elf gehören den Öffentlich-Rechtlichen.

Was also soll diese Stückwerk-Berichterstattung? Vermutlich geht es den Kölnern gar nicht so sehr um die Sache selbst als vielmehr um den Event. Eine WM ist nicht nur Sport, sondern natürlich auch Erlebnis. Die Fan-Kultur lebt zudem immer stärker auf, längst ist der Fußball auch abseits der Stadien Anlass für Gemeinschaft und Party. Während des Sommermärchens 2006 haben wir das alle hautnach miterlebt. Und genau hier ist RTL in seinem Element.

Pappkamerad Rooney auf Abwegen

Ihre WM-Abende ziehen die Kölner dementsprechend als kleine Events auf. "RTL gibt Dir den Kick", heißt der laut und quiekend von scharz-rot-gold bemalten Mädchengruppen verkündete Slogan. Mit einem Truck fährt man durch die deutschen Lande und baut in verschiedenen Städten eine Art Freiluft-Studio mit Public Viewing auf. Mit Günther Jauch als Moderator, Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp als beliebtem und medienerprobtem Fußball-Vermittler sowie Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann als Experten in Südafrika ist für reichlich Prominenz gesorgt. Wenn dann noch, wie am Freitag passend zum Spiel der Engländer gegen Algerien, die Hermes House Band den englischen Fußball-Hit "Three Lions" mit der berühmten Textzeile "Football is comin' home" spielt, dann ist schnell Party angesagt.

Was auch immer der "ernsthafte" Fußball-Freund davon halten mag, diese Art der Präsentation ist dem Charakter einer Fan-Meile deutlich näher als die anhaltenden, inzwischen etwas bieder wirkenden Experten-Moderatoren-Duos in den WM-Studios des Ersten und Zweiten. Und es ist ganz sicher näher am Fan als das bisher verunglückte Experiment des ZDFs mit seinem sogenannten Fan-Experten. Schön sind auch Kleinigkeiten, wenn sich zum Beispiel das Moderatorenduo bei der Analyse der englischen Mannschaftsaufstellung statt durch eine Namensliste durch ein britisches Team aus Pappkameraden bewegt und auf diese Weise Verschiebungen im Mannschaftgefüge verdeutlicht. Verfolgt schließlich ein Papp-Wayne-Rooney Jürgen Klopp auf der Bühne und schiebt sich unmerklich ins Bild, dann weiß man: Ok, hier nimmt man die Sache nicht so bierernst.

Meist zu wenig Action auf der Bühne

Fußball-Spezifisches gibt es trotzdem reichlich: Klopps lebendige Erläuterungen mit den bunten Kringeln auf dem Bildschirm waren schon während der WM 2006 ebenso beliebt wie aufschlussreich, und ein Live-Spiel statt von einem einzelnen Moderator von einem Kommentator und einem Experten im Zwiegespräch zu begleiten, war noch nie ein Fehler. England gegen Algerien wurde durch die Plaudereien von Kommentator Florian König mit Jürgen Klinsmann vielleicht sogar zu einem besseren Spiel als es in Wirklichkeit war.

Andererseits funktioniert das Duo Jauch/Klopp über längere Phasen des Abends auch nicht anders als die Kombinationen Delling/Netzer und Müller-Hohenstein/Kahn bei ARD und ZDF. Auf Dauer ist das einfach zu wenig Action für eine große Bühne - Teile des Publikums demonstrieren ihr Desinteresse dementsprechend durch Fangesänge. Dennoch: Ein wenig Lockerheit in ähnlichem Stil möchte man den Gebührensendern schon wünschen. So staatstragend wie ARD und ZDF die WM manchmal anbieten, ist der Fußball dann doch nicht. Ein bisschen mehr Event, ein bisschen mehr Freude, ein bisschen mehr Fan-Fest dürfte es schon sein. RTL macht den großen Sendern bei der WM selbstverständlich keineswegs etwas vor, zeigt aber andere Wege auf. Ein kleiner Kick für die als Platzhirsche auftretenden Öffentlich-Rechtlichen.

P.S.: Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.


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