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WM 2010 in Südafrika: Johannesburg - die Stimmungs-Metropole

Es ist angerichtet: Knapp 30.000 Fußballfans sahen eine tolle Show beim Eröffnungskonzert in Soweto mit vielen musikalischen Weltstars. Die Vorfreude auf das Turnier in Südafrika kennt keine Grenzen.

Es war wohl spätestens in dem Moment, als Nobelpreisträger Desmond Tutu gestern abend die Bühne des WM-Eröffnungskonzertes betrat und sich den knapp 30.000 Zuschauern in Sowetos Orlando-Stadium in Dress, Schal und Mütze von Bafana Bafana, der südafrikanischen Nationalmannschaft präsentierte, als schließlich auch den letzten hier im Land klar wurde, dass es nun tatsächlich los geht. Und dieser so erfahrene Desmond Tutu war selbst seltsam berührt. Denn was er eigentlich sagen wollte, schien er angesichts des Jubels vergessen zu haben. Zumindest erst einmal.

Das Konzert, Tutus Auftritt, waren der erstaunliche Höhepunkt einer rasanten Aufholjagd in Sachen WM-Stimmung. Denn trotz all der schon angereisten Teams, der Journalisten, der Funktionäre, ein WM-Fieber war noch vor wenigen Tagen keineswegs überall zu erkennen. Gerade außerhalb Johannesburgs herrschte oftmals tatsächlich einfach Alltag. In Kapstadt etwa, immerhin Austragungsort von acht Spielen, schmückten zwar auch kleine Fähnchen immer mehr Autos, auch hier tröteten Vuvuzelas an vielen Ecken – ausländische Fans aber traf man kaum.

Im Bafana-Shirt ins Büro

Passend dazu sickerte durch, dass die bisherige Buchungslage für die Hotels der Stadt desaströs ist. Gerade die Hoteliers, die sich auf die Zusammenarbeit mit Fifas Agentur "Match" verließen, stehen mit leeren Fluren da. Und dass, obwohl sich die Stadt mit neuen Straßen, Radwegen, Fußgängerbrücken wie kaum eine andere für das Fußballspektakel aufgehübscht hat.

Es könnte ein Trend dieser WM werden, dass Johannesburg wegen seine zentralen Lage und Nähe zu immerhin fünf Stadien (Soccer City, Ellies Park, Pretoria, Nelspruit und Rustenburg) den Großteil von Stimmung und Fans abbekommt, dagegen die Städte am Rand - wie Durban oder eben auch Kapstadt - zwar an Spieltagen auch proppevoll sein werden, dazwischen aber eher leer ausgehen. Viele Agenturen werden die Fans nach Spielen noch mit Nachtflügen wieder zurück in ihr Basislager bringen – und das ist fast immer bei Johannesburg.

Auch Johannesburg brauchte ein wenig, bis die WM-Stimmung Fuß fassen konnte, es ist ja ein Moloch ohne rechte Mitte, ohne den zentralen Platz für Aufläufe oder Aktionen. Doch ließen sich die Menschen hier auch schon in den letzten Wochen eher begeistern, Freitags zum "Football Friday", auch tatsächlich im gelben Bafana-Shirt im Büro zu erscheinen.

Stimmungsexplosion durch das Eröffnungskonzert

Richtig aber begann der Stimmungsendspurt erst vor zwei Tagen, als die südafrikanischen Elf in ihre Klausur vor dem ersten Spiel verabschiedet wurde. Es war fast schon eine Siegesparade. Zehntausende säumten die Straßen vom Johannesburgs schickem Bürozentrum Sandton und auch von Soweto, als die Busse mit den Spielern sich langsam durch die verstopften Straßen kämpften. Bafana-Coach Carlos Alberto Perreira war von dem Spektakel nicht sonderlich begeistert, doch es scheint, als ob die Buskarawane tatsächlich der Funken war, den die Stadt, den das Land gebraucht hatte.

Das Eröffnungskonzert gestern Abend war denn auch der bisherige Höhepunkt. Schon bei den Vorgruppen am Nachmittag tanzte, sang man, schrie man im Station, vor den Toren spielten Marimba Bands, und ganz in Nähe, in Sowetos Vilakazi Street – wo einst sowohl Nelson Mandela und Desmond Tutu gelebt hatten – machte ein Busladung Mexikaner die Bewohner des Townships mit ihrer Art des Fan-Gesangs bekannt: Gitarre, Sombrero und Trompete.

Top-Acts aus der internationalen Musikszene

Als im Stadion schließlich Alicia Keys, die Black Eyed Peas oder Shakira ihren Auftritt hatten, schien aus jedem Mitgesang bei den Refrains, aus jedem Wehen der Fahnen der Stolz, ja die schiere Freude darüber mitzuschwingen, dass diese Stars tatsächlich den Weg nach Soweto gefunden haben. Dass man es hier in Südafrika tatsächlich geschafft hatte, all das vorzubereiten, zu bauen, auf die Beine zu stellen. Aber trotz Shakiras Tanz, trotz der Stimme von Alicia Keys, trotz eines fantastischen südafrikanischen Vusi Mahlasela, es bliebt schließlich einem kleinen alten Mann überlassen, die Stimmung in Gänsehaut zu verwandeln.

Denn Desmond Tutu fand dann seine Worte doch wieder. Und dankte jenem Mann, dem Südafrika das alles am meisten zu verdanken hat: Nelson Mandela, nach seinem Clannamen hier meist nur ehrfurchtsvoll Madiba genannt. Auf Tutus "Viva, Madiba", schrieen die Zehntausend ein "Viva" zur Antwort in die kalte Nacht Sowetos, so laut, so verrückt, so gänsehautig, wie es vielleicht nur die Stimmen eines Landes zustande bekommen, das so lange als Pariah der Völker galt, so lange von allen, von allem vergessen schien, und nun für ein paar Wochen ganz in der Mitte steht.

Von Marc Goergen

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