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Nach Kramer-Zusammenprall: "Umgang der Fifa mit Kopfverletzungen ist inakzeptabel"

Bei der WM kehrten mehrere Spieler kurz nach Kopf-Zusammenstößen aufs Feld zurück. Ein US-Abgeordneter hält das für einen Skandal und fordert unabhängige Diagnosen. Experten unterstützen den Vorstoß.

Von Lea Wolz und Felix Haas

Als Christoph Kramer in der 16. Minute des WM-Finales mit Argentiniens Ezequiel Garay zusammenstieß, dürften viele Fans vor den heimischen Bildschirmen entsetzt zur Seite geschaut haben. Der Zusammenprall war eine dieser Szenen, in denen man den Schmerz vor dem heimischen Fernseher erahnen kann. Der italienische Schiedsrichter Nicola Rizzoli bestätigte in einem Interview, dass Kramer ihn bei der Rückkehr auf den Platz gefragt habe, "ob das wirklich das Finale ist". Der Nationalspieler durfte trotz der wohl leichten Verwirrung auf den Platz zurückkehren, wurde erst 15 Minuten später ausgewechselt.

Ein US-Kongressabgeordneter zeigt sich nun schockiert über den Umgang der Fifa mit Kopfverletzungen. Bill Pascrell, der den Bundesstaat New Jersey im Repräsentantenhaus vertritt, schrieb Fifa-Präsident Sepp Blatter persönlich, um darauf hinzuweisen, dass der "Umgang der Fifa mit traumatischen Kopfverletzungen inakzeptabel" ist. Pascrell sagte, es könne nicht sein, dass Spieler nach einem Zusammenstoß teilweise selbst entscheiden könnten, wieder zurück aufs Feld zu kommen. In vielen anderen Sportarten sei das nicht erlaubt. Der Abgeordnete verweist auf die National Football League (NFL), in der ein unabhängiger Arzt Kopfverletzungen von Spielern überprüft - dieser müsse dann entscheiden, ob der Spieler weiterspielen könne.

"Kein Spiel ist wichtiger als die Gesundheit"

In den Fifa-Richtlinien heißt es dazu: "Kopfverletzungen dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Kein Spiel ist wichtiger als die Gesundheit." Bislang verzichtet die Fifa auf klare Anweisungen, sie verweist darauf, dass Untersuchungen helfen könne, schreibt sie jedoch nicht vor: "Bei wichtigen Spielen sträuben sich Spieler oft gegen diese Entscheidung. Doch eine kurze Untersuchung (...) an der Seitenlinie kann bei der Entscheidung helfen."

Zuspruch von Experten

Professor Günter Seidel, Chefarzt der Neurologie an der Hamburger Asklepios Klinik Nord, freut sich über den Vorstoß von Bill Pascrell. Er sagt, es sei an der Zeit, dass das Thema diskutiert werde. Er kennt einen Fall aus eigener Erfahrung - dabei erlitt ein Torwart zunächst ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma, das letztlich zum Tod führte: "Er ist nach dem Ball gesprungen und gegen den Pfosten geknallt. Daraufhin war er kurz bewusstlos."

Der Spieler habe zwar nicht weitergespielt, sei aber noch selbst in die Umkleidekabine gegangen – "ohne sofort untersucht und behandelt zu werden", so Seidel. Anschließend wurde der Torwart leblos aufgefunden. Er starb an einer Hirnblutung. Daher sagt Seidel: "Es ist leichtfertig, die Spieler ohne umfassende Aufklärung über die möglichen Risiken, selbst entscheiden zu lassen. Sie können unter Umständen die Situation gar nicht richtig beurteilen."

Schwierig, wenn der Fall nicht geregelt ist

Es sei klar, dass Spieler in wichtigen Spielen auf den Platz zurückkehren wollten. Seidel sagt: "Umso schwieriger ist es, wenn dieser Fall nicht geregelt ist. Der Arzt kann also nur beraten. Wenn der Spieler sich unter Zeugen anders entscheidet, macht er das auf eigenes Risiko." Dennoch sieht er Handlungsbedarf: "In einem derart reglementierten Umfeld wie dem Fußballsport sollte man eigentlich festlegen können, dass bei einem Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma kein Spieler weitermachen darf", sagt Seidel, "aus meiner Sicht wäre das sinnvoll. Dann wäre die Sache klar."

FifaPro fordert Fifa zum Handeln auf

Die Spielergewerkschaft FifaPro hatte bereits während der WM von der Fifa gefordert, das Protokoll zur Gehirnerschütterung zu überarbeiten. FifaPro will erreichen, dass Spieler bei Kopfverletzungen kurzzeitig ausgewechselt werden können - bis eine vollständige Diagnose der Verletzung vorliegt.

Während der WM hatte es neben Kramers Zusammenstoß noch weitere Vorfälle gegeben. Unter anderem blieb Uruguays Alvaro Pereirra nach einem Zusammenstoß mit dem englischen Spieler Daniel Sturridge bewusstlos liegen. Eine Minute später kehrte er aufs Feld zurück. Im Halbfinale gegen die Niederlande gerieten die Köpfe von Argentiniens Javier Mascherano und Hollands Georginio Wijnaldum aneinander. Mascherano taumelte ein wenig, als er das Feld verließ - wenige Sekunden später stand er wieder auf dem Platz.

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