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Wiechmanns WM-Kolumne: Erst das Fest, dann der Protest

Demonstrieren? Lieber wieder nach der WM, meinen viele Brasilianer. Trotz aller Unzufriedenheit macht sich im Land die Vorfreude breit.

Von Jan-Christoph Wiechmann

So langsam kippt die Stimmung im Land. Die Brasilianer beginnen sich auf die WM zu freuen. Man merkt es an Kleinigkeiten. In den Banken und Postämtern hängen plötzlich Schilder wie diese: "Wir informieren Sie darüber, dass diese Zweigstelle an Spieltagen der brasilianischen Nationalmannschaft schon um 12 Uhr mittags schließt."

Man sieht plötzlich auch die Nationalfarben in den Fenstern, die bis vor einigen Tagen nicht zu erblicken waren. Man sieht Fähnchen an den Autos und Trikots auf den Körpern. Die Medien streiten auf einmal nicht mehr darüber, ob die Arbeitslosigkeit steigt, sondern ob Brasiliens Superstar Neymar nun ein Bäuchlein hat oder nicht. Die Prioritäten verschieben sich.

Ausschlafen, Steaks kaufen und über Spiele reden

Man merkt es auch bei Taxifahrten. Bisher verliefen die Gespräche eher so: "Aus Deutschland? Habt ihr's gut. Bei euch funktioniert alles. Hier in Brasilien? Chaos! Nichts funktioniert. Korruption, Inkompetenz, teure WM-Stadien." Ähnliche Begegnungen hatte man bei der Polizei und sogar bei der Einreise mit Grenzbeamten.

Gestern sagte mir ein Taxifahrer: Deutschland? "Tut mir leid, ich muss dir leider die Nachricht überbringen, dass Brasilien Deutschland im Halbfinale schlägt." Ein anderer erzählte detailliert, wie seine WM- Tage aussehen: Ausschlafen. Steaks und Bier kaufen und dabei über die Spiele reden. Freunde einladen. Grillen. Drei Spiele pro Tag schauen. Nachts Taxi fahren und wieder über die Spiele reden.

In einer Umfrage sagten jetzt 84 Prozent, dass sie sich die Partien im Fernsehen anschauen werden. Auch die große Mehrheit derjenigen, die gegen die WM sind, wollen die Spiele sehen (74 Prozent).

In Brasilien ist das kein Widerspruch. Man kann gegen die WM protestieren und dennoch die WM genießen.

"Das sollen sie nach der WM machen"

Das wichtigste Stimmungsbarometer ist der Markt vor meiner Tür. Ein kleiner Markt im Stadtteil Urca, nur 20 Stände, sehr charmant. Seit diesem Sonntag sieht man hier verdächtig viele Menschen in Nationaltrikots. Aber man sieht nicht nur die brasilianischen. Man sieht auch die der Holländer, Italiener, Engländer. All diese Teams haben ihre WM-Unterkunft in Rio de Janeiro. (Man sieht in Rio hier und da auch mal deutsche Trikots - und dann fast ausschließlich die von Schweinsteiger.)

Die Themen drehen sich sonst gern um lokale Nachrichten, um Kriminalität, Inflation, Misswirtschaft, die großen Themen des Landes. Einige Gesprächsfetzen heute:
- Wo schaust du die Spiele?
- Ich würde nicht Oscar einsetzen, sondern Willian.
- Ich habe mir die ersten zwei Wochen der WM frei genommen.
- Ich verstehe nicht, wie man jetzt noch zu den Demos gehen kann. Das sollen sie nach der WM machen.

Der Unmut der Brasilianer ist groß, keine Frage. In São Paulo streiken die Arbeiter der U-Bahn. Auch in Rio denken sie wieder über einen Streik nach. Die Bewegung der Landlosen blockiert Straßen. 72 Prozent der Brasilianer sagen, dass sie unzufrieden mit den Zuständen im Land sind.

Aber jetzt beginnt erst mal die Festa.

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