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Wiechmanns WM-Kolumne Showtime mit Gewehr im Anschlag


Noch 60 Tage bis zur Fußball-WM in Brasilien. Um Touristen zu beruhigen, rückt das Militär in Rio in weitere Favelas ein. Den Menschen vor Ort nützt das wenig, denn die Maßnahmen sind nur Schau.
Von Jan-Christoph Wiechmann

Im Moment dreht sich in Rio vieles um Maré. Maré ist eine Favela am Flughafen, in die das Militär gerade mit etwa 2700 Soldaten einmarschiert ist. Die Soldaten sollen Maré sicherer machen. Sie sollen vor allem die WM sicherer machen. Sie sollen die Touristen beruhigen.

In Maré ist vor vier Wochen ein Polizist von Drogengangs erschossen worden. Davor waren in den Favelas des Complexo do Alemao schon vier Polizisten erschossen worden. 2700 Soldaten in Maré entspricht etwa der Anzahl aller deutschen Soldaten in Afghanistan. Es ist derzeit nicht so leicht, aus Rio über Fußball zu berichten.

Favelas sind Neuland für reiche Brasilianer

In den Tagen vor der Militärinvasion begleitete ich 80 Brasilianer auf einem kulturellen Ausflug nach Maré. Sie kamen aus der wohlhabenden Zona Sul, aus den Stadtteilen Ipanema und Leblon. Sie fuhren in klimatisierten Luxusbussen nach Maré, um das Tanzprojekt einer bekannten Choreographin zu sehen. Sie zahlten 80 Reais, 25 Euro. Sie stiegen aus, schauten die Show und klatschten. Dann fuhren sie wieder heim.

Es sind nur 20 Kilometer von Ipanema nach Maré, aber den Besuchern aus der Zona Sul kam es vor wie eine Reise nach Nigeria. Viele waren noch nie in einer Favela gewesen.

Die Bewohner in Maré selber sahen nichts von dem Tanzprojekt. Sie sahen auch nichts von den Besuchern aus der Zona Sul. Sie sahen vier klimatisierte Luxusbusse mit getönten Scheiben, die in ihr Viertel hineinfuhren und wieder hinaus.

Soldaten-Abzug nach der WM

So ähnlich ist das mit der Fußball WM. Die Menschen aus der Zona Sul und dem Ausland werden in klimatisierten Bussen ins Maracaná fahren, ins "Stadion des Volkes". Sie bezahlen 90 bis 990 Dollar für ein Ticket. Die fußballbegeisterten Menschen aus den Favelas dagegen werden kein einziges Spiel im Stadion des Volkes sehen. 90 Euro ist für manche ein Monatseinkommen. Sie werden von der WM nicht viel mehr als klimatisierte Luxusbusse mit getönten Scheiben sehen. Und Soldaten, die die Busse und Ausländer beschützen.

Wenn die WM vorbei ist, sollen die Soldaten aus Maré wieder abziehen. Die Sicherheit der Menschen dort ist dann nicht mehr so wichtig. Die Show ist dann vorbei. Das Datum steht schon fest: 31. Juli.

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