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Wiechmanns WM-Kolumne: Überall Streik - Rio droht der Kollaps

Irgendjemand streikt derzeit immer in Rio. Mal sind es die Lehrer, mal die Ingenieure. Wenige Wochen vor WM-Start droht der Millionenmetropole ein riesiger Kollaps.

Es gibt immer wieder Streiks in Rio de Janeiro. Mal sind es die Busfahrer, dann die Lehrer, anschließend die Ingenieure und wieder die Busfahrer und auch die Angestellten des Außenministeriums und vielleicht noch einige andere mehr. Man verliert derzeit leicht den Überblick.

Die Frage ist eher, wer nicht streikt.

Es sind nur noch 30 Tage bis zur Fußball-Weltmeisterschaft. Das muss auch den Angestellten und Arbeitern aufgefallen sein. Es ist der beste Zeitpunkt, um Regierung und Unternehmen unter Druck zu setzen. Ihre Strategie ist ziemlich einleuchtend: Die Nachrichten vom Streik gehen um die Welt. Die Welt berichtet über das Chaos in Brasilien. Die Regierung kann sich das Chaos nicht leisten. Die Regierung reagiert mit einem besseren Angebot.

Druckmittel Olympia

Die Busfahrer wollen 40 Prozent mehr Gehalt, die Lehrer 20 Prozent und eine 30-Stunden-Woche. Die Ingenieure fordern einen Monatslohn von gut 2000 Euro. Sie haben ein weiteres Druckmittel in der Hand: Sie bauen gerade die Anlagen für die Olympischen Spiele. Wenn sie streiken, geht gar nichts mehr. Aber da ging bisher ohnehin wenig. Das große Desaster wird man nicht bei der WM erleben, vermuten Experten, sondern bei den Olympischen Spielen in zwei Jahren.

Jedenfalls ist wieder Streik in Rio, und einige Millionen Menschen können nicht zur Arbeit. Sie nehmen Taxis oder trampen oder nehmen die U-Bahn, aber es gibt gerade mal zwei Linien im Großraum dieser 11 Millionen-Metropole. Bei einer neuen Linie, die längst fertiggestellt sein sollte, herrscht erst mal Baustopp, weil die Sicherheit nach einem Unfall nicht gewährleistet werden kann.

Streiks ziehen Streiks nach sich

Wenn man mit den Cariocas, den Einwohnern Rios spricht, zeigen sie zwar Verständnis für die Streikenden, aber noch mehr Verständnis haben sie inzwischen für ihre eigene Wut. Viele sind Händler und Selbstständige oder Arbeiter, die pro Tag bezahlt werden. Sie verlieren durch die Streiks jede Menge Geld. Sie drohen mit eigenen Streiks, um die anderen spüren zu lassen, welche Spuren solche Streiks hinterlassen.

Man könnte die Polizei gut in diesem Chaos gebrauchen, aber die wird gerade eingesetzt, um die Busse vor wütenden Bürgern zu schützen. Beim Streik in der letzten Woche wurden mehr als 500 Busse beschädigt oder zerstört. Die Zerstörungswut hilft auch nicht gerade bei der Verbesserung des desaströsen öffentlichen Nahverkehrs. Es sind Busse, die man dringend braucht, weil zur WM in Rio das totale Verkehrschaos droht.

Kein Notfallplan für Verkehrskollaps

Das Chaos herrscht zwar schon jeden Tag, aber im Juni könnte es so schlimm sein, dass dann gar nichts mehr geht. Den in Rio ansässigen Nationalmannschaften wurde schon geraten, mehrere Stunden vor dem Training oder dem Spiel loszufahren, sonst könnte es mit der pünktlichen Ankunft zu Spielbeginn schwierig werden.

In der vergangenen Woche kam die Meldung, dass die Stadt für den Fall eines Verkehrskollapses keinen Notfallplan hat. Aber man arbeitet dran. Es sind ja noch dreieinhalb Wochen Zeit.

Von Jan-Christoph Wiechmann / print

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