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WM-Aus: Schwach geführte Egoisten: Philipp Lahm kritisiert DFB-Nachwuchs und Joachim Löw

Ex-DFB-Kapitän Philipp Lahm versucht in einem Text, das frühe WM-Aus der deutschen Elf zu erklären. Dabei kommen weder die Nachwuchsspieler noch der Führungsstil von Bundestrainer Joachim Löw besonders gut weg.

Ex-Fußballprofi Philipp Lahm ist im Profil zu sehen. Sein Kopf füllt die linke Hälfte des Bildes, der Hintergrund ist schwarz

DFB-Ehrenspielführer Philipp Lahm benennt genau, was Bundestrainer Joachim Löw seiner Meinung nach im Vorfeld der WM in Russland falsch gemacht hat

DPA

Beim DFB lässt die sportliche Aufarbeitung des desaströsen WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft noch auf sich warten. Philipp Lahm, Ehrenspielführer der DFB-Elf, ist da schon weiter. In einem Text auf dem Karrierenetzwerk Linkedin geht er unter der Überschrift "Wenn ausbleibende Veränderungen Erfolg verhindern" mit Nachwuchsspielern und auch Bundestrainer Joachim Löw erstaunlich hart ins Gericht.

"Erfolg ist eine heikle Angelegenheit. Er ist süß. Er eröffnet neue Möglichkeiten. Aber er schafft auch neue Herausforderungen", schreibt Lahm zu Beginn seines Textes. Es sei praktisch unmöglich, zweimal auf dieselbe Weise erfolgreich zu sein. Das zeige das Beispiel des deutschen Teams bei der Fußball-WM 2018 sehr deutlich. Weder hätten die Weltmeister von 2014 das Fußballspielen, noch habe das Trainerteam etwas in Sachen Taktik  verlernt.

Den Unterschied zwischen WM-Titel 2014 und WM-Vorrundenaus 2018 sieht Lahm vor allem im Unterschied zwischen jungen und alten Spielern. Die Spielergeneration von 2014 habe zwar in Leistungszentren gelernt, aber noch in ihren Familien gelebt und sei dort auch geprägt worden. "Ein wesentlicher Grundstein dieser familiären Prägung ist für mich der Blick fürs Ganze: für die Familie, aber auch für die jeweilige Mannschaft, deren Teil du bist."

Nachwuchs "wird fast automatisch zu Egoisten"

Dagegen würden heutige Nachwuchsspieler in den Zentren trainieren, spielen und leben. "Die Idee, die sie dort vermittelt bekommen, ist klar definiert: Sie wollen Profi werden. Sie wollen eine Karriere hinlegen wie ihre großen Vorbilder. Sie wollen sozial aufsteigen. Sie wollen Geld verdienen. Ein fünfzehnjähriger Spieler, der beim FC Bayern im Jugendleistungszentrum lebt, hat kein anderes Ziel, als möglichst bald einen Profivertrag zu unterschreiben", schreibt Lahm.

Eine Karriere wie die von Miroslav Klose sei heute nicht mehr möglich: "Dass ein 23-jähriger Debütant einmal zum Rekordtorschützen der deutschen Nationalmannschaft aufsteigt, ist eine unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte. Sie wirkt wie aus der Zeit gefallen."

Das aktuelle Ausbildungssystem mache einen jungen Spieler, so Lahm, fast automatisch zu Egoisten.

"Für ihn lauten die wichtigsten Fragen:

  • Wie komme ich weiter?
  • Was hilft meiner Karriere?
  • Welche Begleitumstände sind für mich am besten?

Der Blick für das Ganze, die Verantwortung des Einzelnen für die Mannschaft, tritt als Leistungsmotiv in den Hintergrund."

Hat Joachim Löw zu locker geführt?

Darauf müsse sich ein Trainer einstellen. Die jungen Spieler bräuchten eine straffere Führung als die Spieler früher. "Denn Fußball ist und bleibt eine Mannschaftssportart. Es ist die Aufgabe des Trainerteams, seinen Spielern zu jeder Zeit die notwendige Identifikation mit der Mannschaft zu vermitteln." Diese klare Ansprache hätte es auch gebraucht in der Affäre um die Erdogan-Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Das Trainerteam hätte nach Lahms Einschätzung beide überzeugen müssen, sich öffentlich zu äußern. Doch das sei unterblieben. "Das Trainerteam hat sich darauf verlassen, dass die praktizierte Führungskultur der vergangenen, erfolgreichen Jahre ausreicht, um einmal mehr erfolgreich zu sein."

Lahm formuliert hier so klar wie kaum jemand - erst recht niemand vom DFB - Kritik an Bundestrainer Joachim Löw und seinem Team. Trotzdem endet der Text versöhnlich: "Ich bin überzeugt davon, dass Jogi Löw seinen kollegialen Führungsstil der letzten Jahre ändern muss, wenn er mit der neuen Generation von Nationalspielern wieder Erfolg haben möchte. Das ist kein Zeichen der Schwäche, sondern der Weiterentwicklung. Er muss Individualisten klar machen, dass sie Verantwortung für die gesamte Mannschaft tragen. Er muss eine Kultur strafferer, klarerer Entscheidungen etablieren als er selbst das gewohnt war. Wenn ihm das gelingt, bin ich für die Zukunft unserer Mannschaft sehr optimistisch."

+++ Im Video: Warum nicht alle es gut finden, dass Joachim Löw Bundestrainer bleibt. +++

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tkr

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