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Russlands Sieg gegen Spanien: Russen feiern ihr Team frenetisch, nur der Trainer bleibt kühl

Für die russischen Fans glauben an ihre Mannschaft - und feiern ausgelassen in den Straßen Moskaus den Sieg ihres Teams gegen Spanien. Nur Trainer Tschertschessow bleibt weiter mehr als kühl.

Es schien, als sei ganz Moskau auf den Straßen. Die Menschen feierten vor dem Roten Platz. Sie feierten auf den Rolltreppen der U-Bahn. Sie wickelten sich sich in Nationalflaggen, veranstalteten Hupkonzerte und wussten nicht, wohin mit ihrer Freunde.

Sieg gegen Spanien im Elfmeterschießen. Gegen den großen Favoriten. Einzug ins Viertelfinale. Das hatte vorher keiner gedacht. Jedenfalls keiner der Experten. Die Russen schon.

Russen glauben an ihre Mannschaft

Vor der WM gab es unter Russen eine Umfrage: Wer wird Weltmeister? Am häufigsten nannten sie: Russland. Gefolgt von Teams wie Deutschland und Brasilien.

Es war kein Witz. Sie meinten es ernst. Russland mag der schlechteste Teilnehmer aller 32 Teams sein, jedenfalls gemäß der Weltrangliste. Aber sie glaubten an den Erfolg.

Sie sagten in der Umfrage außerdem, dass sie bei der WM nicht unbedingt guten Fußball sehen wollten. Sie wollten Russland siegen sehen.

Das bekamen sie nun in dieser historischen Nacht. Kein schönes Spiel. Keinen guten Fußball. Aber einen Sieg.

Die ersten 90 Minuten waren ziemlich langweilig

Die ersten 90 Minuten waren so ziemlich das Langweiligste, was es bisher bei der WM gab. Die Spanier hatten die Kontrolle, fanden aber keine Lücke in der russischen Abwehr. Die Russen schienen zufrieden zu sein, nicht über die Mittellinie zu müssen. Spanien hatte 74 Prozent Ballbesitz. Torchancen gab es so gut wie keine.

Die Russen stellten sich auch nach dem 0:1 Rückstand noch hinten rein, als wollten sie lieber nicht noch das 0:2 kriegen. Und als die spanischen Verteidiger schon einzuschlafen schienen, bekamen die Russen eher zufällig einen Elfmeter. Aus dem Spiel heraus war von ihnen keine Torchance zu erwarten gewesen.

Trotzdem waren die Zuschauer im Luschniki-Stadion aufgeregt, als wären sie das erste Mal bei einem Fußballspiel. Bei jeder Ecke standen sie auf. Bei jedem Befreiungsschlag jubelten sie, als hätte Russland ein Tor geschossen. Die Atmosphäre war so ziemlich das Gegenstück zur abgebrühten Allianz Arena in München.

Dass die Zuschauer ein schlechtes Spiel bejubeln, zeigt wie dankbar sie schon sind, überhaupt dabei zu sein. In jedem anderen Stadion dieser Welt hätte es Pfiffe gegen beide Teams gegeben: für die Einfallslosigkeit der Spanier und die Destruktivität der Russen. Nicht in Russland. Nicht in Moskau. Das Publikum ist fantastisch. Nach dem Elfmeterschießen war die Euphorie im Stadion grenzenlos.

Trainer Tschertschessow bleibt cool

Nach dem Spiel war die große Frage, ob man Russlands oft grimmig dreinblickenden Trainer Tschertschessow einmal lächeln sehen würde. Immerhin hatte er die Sensation geschafft. Auf der Pressekonferenz wurde er nach seinen Gefühlen gefragt. "Du zeigst Gefühle, indem du dein Team dirigierst", sagte er. "Ich denke nicht an Gefühle. Ich denke nur ans nächste Spiel."

Auf die unglaubliche Fitness angesprochen, die seine Männer über 120 Minuten in der Abwehrschlacht gezeigt hatten, antwortete er kühl: "Die können mehr."

Man habe ihn nicht vor Freude hüpfen gesehen nach dem Spiel, wollte ein Reporter wissen. "Ich muss mir meine Gefühle für die Zukunft aufsparen", war die barsche Antwort.

Er habe nicht mal bei den Strafschüssen zugeschaut, hakte der Reporter nach. "Ich habe mir das Ergebnis auf der Anzeigetafel angesehen."

In Moskau feiern sie die ganze Nacht

Die Journalisten wollten an seine Gefühle ran, aber er wollte nur raus, um sein Viertelfinalspiel vorzubereiten. Nach seinem Geheimrezept gefragt, sagte er, dass seine Spieler sich an seine Vorgaben halten. "Die verstehen das von innen“, sagte er. "Die fühlen das."

Da fiel doch einmal das Wort Gefühl.

Tschertschessow ist ein uriger Kerl, nicht humorlos, ganz und gar nicht. Er hat eher einen trockenen Humor. Er zeigt ihn in Gegenwart von Leuten, die er kennt.

Auch der Held des Spiels, Torwart Akinfeev, konnte sich bei der Pressekonferenz kein Lächeln abringen. Er hatte zwei Elfmeter gehalten. Er hatte alle Chancen der Spanier zunichtegemacht. Er sagte, "Man of the Match" seien die Zuschauer.

Da hatte er Recht.

Zum Spiel sagte er, dass es ein schönes war.

Da hatte er nicht Recht. Spannend war es vielleicht, ansonsten aber eher grausamer Fußball, vor allem von den Russen.

Für das weitere Turnier jedoch ist der Sieg nur gut. Die Stimmung im Land ist jetzt schon fantastisch. In Moskau feiern sie die ganze Nacht. Nicht nur Russen. Auch Japaner, Mexikaner, Peruaner. Vor allem die Underdogs.

Es ist die WM der Underdogs.

tis

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