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WM 2018: Sie lieben Fußball und boykottieren die WM – wie hält man das bloß durch?

Normalerweise leben sie für Fußball. Doch um ein Zeichen gegen die Fifa und Putin zu setzen, wollen einige Fans kein WM-Spiel ansehen. Wir haben drei von ihnen gefragt: Wie schafft man das?

Fans im Deutschland-Trikot am Brandenburger Tor

Public Viewing am Brandenburger Tor – doch einige eingeschworene Fans wenden der WM den Rücken zu

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Am Sonntagabend hielt es Marcel Lindenau kaum noch aus. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bestritt ihr WM-Auftaktspiel gegen Mexiko, vom Public Viewing unweit seiner Wohnung war (wenig) Jubel und (viel) Stöhnen zu hören. Und Lindenau durfte nicht hinschauen. Irgendwann in der zweiten Halbzeit wagte er sich dann raus, beobachtete die mitfiebernden Fans – aber immer von hinter der Leinwand. Dass Deutschland mit 0:1 verloren hatte, erfuhr er später aus den Medien. Vom Spiel selbst hatte er keine Sekunde gesehen.

Wie er auch von allen anderen Spielen dieser WM nichts sehen wird. Marcel Lindenau gehört zu den wenigen Menschen, die, während sich die ganze Welt vier Wochen lang um einen Ball dreht, in dieser Zeit nichts mit Fußball zu tun haben wollen. 

Normalerweise sieht der Schalke-Fan fast jedes Fußballspiel, erst recht bei der WM, reist mit seinem Klub sogar ins Ausland zu Auswärtsspielen, doch jetzt bleibt sein Fernseher schwarz: "Die Entscheidung habe ich schon in dem Moment gefällt, als die WM nach Russland vergeben wurde. Als dann noch die WM 2022 nach Katar ging, war ich komplett überzeugt: Das war's für mich." Deshalb boykottiert er nun die WM.

WM-Boykott: Ein Zeichen gegen Putin und die Fifa

Wozu sich Verbände und Politik nicht durchringen konnten, ziehen Lindenau und einige andere Fans durch. Zu Zeiten der WM werden sogar Fußball-Agnostiker zu Fans – doch einige Fußballliebhaber gehen gerade den umgekehrten Weg. "Fußball macht mich glücklich, aber zu welchem Preis?", fragt Kevin Zahn und hat für sich die Antwort gefunden: Auch er will kein Spiel dieser Weltmeisterschaft ansehen.

Gewalt gegen Regierungsgegner, Einreiseverbote für unliebsame Journalisten, Diskriminierung von Homosexuellen, Korruption bei der Fifa – Gründe, die Lust an der WM zu verlieren, gibt es genug. Doch sobald der Ball rollt und die Tore fallen, ist bei den meisten die Skepsis schnell verloren. Zahn will mit seinem persönlichen Verzicht auch ein Zeichen setzen: "Es geht darum, eine Debatte anzustoßen."

Entzugserscheinungen: "Das schmerzt unheimlich"

Auch Stefan Vogel ist Fußballfan mit Leib und Seele: "Meine Frau sagt, ich hätte sie nicht alle, was Fußball angeht." Doch er hat ebenfalls der WM den Rücken gekehrt – eine echte Disziplinfrage: "Es gibt Momente, wo es mir kolossal schwerfällt, nicht nachzugeben. Etwa Spanien gegen Portugal. Das schmerzt unheimlich." Das politische Umfeld im Gastgeberland mache es ihm aber unmöglich, die Spiele zu sehen, erzählt der Rechtsanwalt aus München. Sein WM-Konsum beschränkt sich nun auf ein paar Artikel nach den Spielen, ansonsten arbeitet er jetzt konzentriert, statt am Nachmittag Partien wie Dänemark gegen Australien anzuschauen: "Ich wusste gar nicht, dass das geht."

"Es ist verdammt schwer", muss auch Marcel Lindenau zugeben. Ihm fehlt vor allem das Miteinander, das er am Fußball so liebt – das gemeinsame Zittern und Jubeln, die Sprüche mit den Kumpels, der Flachs mit den Menschen aus vielen verschiedenen Nationen in seinem Stadtteil. 

Wer sich nicht für Fußball interessiert, wird schnell zum Außenseiter, erst recht während der WM. Lindenau fühlt sich "wie der eine auf der Party, der keinen Alkohol trinkt". So ganz kann allerdings auch er sich nicht dem WM-Fieber entziehen: "Um dem Turnier komplett zu entgehen, müsste ich mich vier Wochen in der Wohnung einsperren. Aber wichtig ist mir, dass ich kein Spiel bewusst einschalte."

Rhesusaffen statt Neuer und Müller

Als Fußballliebhaber auf Entziehungskur – wie hält man das aus? Kevin Zahn, für den der WM-Spielplan normalerweise ein "Schlachtplan" war, auf dem er mit Vater und Bruder alle möglichen Konstellationen durchspielte, schreibt sich das Vermissen von der Seele. Der Journalist hat ein Boykott-Blog eingerichtet und lässt dort seine Leser an seinem Projekt teilhaben. Auch als Vorsichtsmaßnahme: "Weil ich meinen Boykott öffentlich mache, kann mich jeder kontrollieren. Da kann ich nicht heimlich doch Fußball schauen." Während des Deutschland-Spiels gegen Mexiko war er joggen – im DFB-Trikot. Über die Blicke der wenigen Passanten amüsiert er sich immer noch.

Marcel Lindenaus Ersatzdroge sind Tierdokus. Der 34-Jährige, eigentlich ein Public-Viewing-Liebhaber, kann jetzt vieles über Rhesusaffen erzählen: "Die sind in Indien eine richtige Plage, sie verwüsten ganze Büros." Vielleicht ist diese Information irgendwann einmal hilfreich, beim täglichen WM-Smalltalk kann er dafür aktuell nicht mitreden.

Etwas mehr als eine Woche haben die Boykotteure schon geschafft, doch die wirklich schwierigen Prüfungen kommen noch. "Ich weiß noch nicht, ob ich es schaffe, Halbfinale und Finale auch zu boykottieren", gibt Lindenau zu. Kevin Zahn ist für das Spiel Deutschland gegen Schweden auf eine Grillparty eingeladen: "Ich kann doch keine Einladung von einem Freund absagen, nur weil ich die WM boykottiere." Es werde wohl auf einen 90-minütigen Solo-Spaziergang hinauslaufen. Ansonsten hält er sich an eine alte Fußball-Weisheit: "Ich denke von Spiel zu Spiel." Und wahrscheinlich ist auch hier das nächste Spiel immer das schwerste.

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