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Kommentar

Weltmeisterschaft in Russland: Keine Lust auf Party-Patriotismus – die AfD verdirbt mir die Freude an der WM

Zur WM schmückt sich das Land wieder in Schwarz-Rot-Gold. 2006 hat das noch Spaß gemacht. Die AfD und andere nationale Kräfte haben unserem Autor aber die Lust daran geraubt.

Menschen mit Deutschland-Fahnen jubeln beim Public Viewing

Public Viewing in schwarz-rot-gold – was vor einigen Jahren noch cool war, hat seine Leichtigkeit verloren

Picture Alliance

Leidenschaftlicher Fußballfan bin ich eigentlich schon, so lange ich denken kann. Fußballerisch sozialisiert wurde ich auf der Südtribüne eines notorisch erfolglosen Klubs aus . Wie für viele andere meiner Generation markiert aber auch für mich die WM 2006 einen entscheidenden Punkt in meiner Fußball-Biografie. 

Ich war damals 17 und es war Weltmeisterschaft im eigenen Land. Großartiges Wetter, großartige Stimmung und überall: . Schwarz-rot-goldene Fähnchen an den Autos, Flaggen an den Fenstern, DFB-Trikots und -Shirts. Es war eine großartige Zeit. Eigentlich wollte ich Begriffe wie "Sommermärchen" oder "schwarz-rot-geil" vermeiden, aber wenn es dabei hilft, zu verstehen, was ich meine – bitteschön. 

Deutschland ist weit weg von gesundem Patriotismus

Es ging nicht nur mir so. Die Weltmeisterschaft 2006 und vor allem die Atmosphäre, die zu dieser Zeit im Land herrschte, haben mittlerweile einen fast mythischen Charakter. 

Spätestens seit dieser WM ist Fußball in Deutschland auch ein gesamtgesellschaftlicher Faktor. Wir können uns feiern, wir können völlig unverkrampft mit unserem Deutschsein umgehen. Das war die große Errungenschaft der WM 2006. 

Wir konnten. Denn zwölf Jahre später, unmittelbar vor Beginn der WM 2018 in , sind wir wieder meilenweit davon entfernt. Und das liegt vor allem an dem Rechtsruck, der dieses Land in den vergangenen Jahren in eine äußerst fragwürdige Richtung bewegt hat. 

Ich will nichts mit euch zu tun haben

Jetzt sitzt mit der AfD eine – vorsichtig ausgedrückt – rechtskonservative Partei im Deutschen Bundestag, deren Vertreter die Grenzen des Sagbaren immer weiter verschieben. Die Partei und ihr Erfolg sind das Produkt einer längeren Entwicklung in Deutschland, die Ressentiments gegen Ausländer, Flüchtlinge und Andersdenkende wieder salonfähig gemacht hat. Fußball soll (in der Theorie) unpolitisch sein, aber nein, das ist er (in der Praxis) nicht. Denn gerade wenn sich 32 Nationalstaaten sportlich messen, ist das zwar in erster Linie ein Wettkampf um Tore, Siege und einen Pokal, aber auch ein Großereignis, das viele Wechselwirkungen mit der Gesellschaft hat, in der es stattfindet. 

Heute komplett in schwarz-rot-gold eingekleidet auf die Straße zu gehen, das ist zumindest für mich undenkbar geworden. Bei einer Masse, die Deutschland-Fahnen schwenkt und dabei womöglich auch noch laut Parolen ruft, denke ich nicht mehr an ein Fußballfest, sondern an Pegida-Demonstrationen. Wenn von Nationalstolz die Rede ist, dann ist der Weg zu Alexander Gauland, der uns den Stolz auf "die Leistungen deutscher Soldaten“ in den Weltkriegen wieder nahebringen will, gedanklich nicht weit. Gesichtsbemalung in Nationalfarben, schwarz-rot-goldene Flaggen, Autokorsos – all das ist mittlerweile vergiftet. Es hat einen bitteren Beigeschmack. Der Gedanke daran rückt mich sofort in die Nähe von Menschen, mit denen ich absolut nichts zu tun haben will. 

Die Nationalmannschaft steht für das, was die AfD verhindern will

"Zu Gast bei Freunden" – das Motto der WM 2006 klingt längst wie ein Hohn. Es sind ja nicht nur die Lautsprecher  , Weidel und Höcke. Fast noch schlimmer sind die vielen Deutschen, die Fremde mehr oder weniger subtil nicht mehr als willkommene Gäste behandeln. Stattdessen lassen sie Menschen, die anders aussehen, heißen oder denken, als es "echte Deutsche" aus ihrer Sicht tun sollten, ihr Misstrauen und ihre Herablassung spüren. Auch das ist einer der Gründe, warum ich auch zur WM (oder vielleicht gerade dann) lieber mit einem "Kein Mensch ist illegal"-Shirt vor die Tür gehe als mit einem Deutschland-Trikot. 

Das bedeutet allerdings ausdrücklich nicht, dass ich etwas gegen die DFB-Elf hätte. Ich werde die Daumen drücken, ich werde mitfiebern und jubeln. Und besonders werde ich mich darüber freuen, dass die Nationalmannschaft ausgerechnet das Deutschland verkörpert, das die und all die rechten Hetzer in Foren und Kommentarspalten verteufeln, das sie aber zum Glück nicht verhindern können: ein Land, in dem Menschen verschiedener Hautfarbe, Herkunft und Religion miteinander Spaß und Erfolg haben. Auf dem Spielfeld, auf den Tribünen, vor dem Fernseher. Die Landesfarben sind da egal.