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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: WM 2018: Es gibt kein richtiges Jubeln im falschen

Fußball ist wie Sex. Macht am meisten Spaß, wenn der Kopf aus ist. Trotzdem fällt es schwer, die politischen Zustände im WM-Gastgeberland Russland zu ignorieren, findet Micky Beisenherz.

Jubelnde Fans während der WM 2014 am Brandenburger Tor

Jubelnde Fans während der WM 2014 am Brandenburger Tor

Selten war es verkehrter, sich auf eine große Sportveranstaltung zu freuen als heute. Da ist die Meldung, dass Dopingexperte wegen Sicherheitsbedenken nicht nach Russland reist, fast nur noch eine Randnotiz. Wirklich, es gibt objektiv keinen Anlass, den nächsten Lidl zu plündern, sich schwarzrotgolden anzumalen und den heimischen Balkon auf Cottbus-Niveau hochzuflaggen,

Wer nochmal so richtig in Stimmung kommen möchte, dem sei direkt das heutige Eröffnungsspiel empfohlen: gegen Saudi Arabien. Das Sommerfest der Menschenrechte. Die schönste Begegnung seit Trump und Kim.

Wer nach dem -Bild des Grauens mit Erdogan ernsthaft behauptet, der Fußball dürfe "sich nicht für politische Zwecke missbrauchen lassen", hat die letzten 40 Jahre vermutlich auf einem Baum in Vanuatu gelebt.

Schon immer haben Diktatoren, Despoten, Tyrannen Weltmeisterschaften (und/oder Olympische Spiele) genutzt, um sich als gütige Landesväter zu präsentieren. Indirekt unterstützt von Fans, Funktionären oder Spielern wie zum Beispiel Berti Vogts, der in Argentinien 1978 "keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen" hatte. Was wenig überraschend ist. Wer mit Beton an den Beinen überm Meer abgeworfen wird, taucht danach relativ selten auf einem Trainingsgelände auf.

Heute präsentieren sich deutsche Nationalspieler lächelnd mit Autokraten wie Erdogan, die Ägypter um Mo Salah scharwenzeln dekorativ wie Corgies um den tschetschenischen Tyrannen Kadyrow (selbst für Putin so etwas wie Putin) herum - Kim Jong Un muss fast enttäuscht gewesen sein, dass ihm statt Messi nur ein schlecht gekämmter Orang Utan geschickt wurde. Der Kapitän der mexikanischen Nationalelf ist mutmaßlicher Geldwäscher der Drogenmafia und seine Teamkollegen nehmen ihn nur deshalb nicht ins Gebet, weil sie zu beschäftigt sind, sich bei ihren Frauen für eine Orgie mit 30 Prostituierten zu entschuldigen.

Es ist wirklich jämmerlich.  Dabei möchte man diesen Typen doch zujubeln. Immer vorne dabei, wenn es um moralische Erosion geht: Die FIFA, jener dubiose Verein, der dem IOC oder SPECTRE in nichts nachsteht und von dem man bei jeder Präsidentenwahl erwartet, es möge künftig transparenter und ehrlicher zugehen, bis man feststellt: Es wird immer schlimmer.

Aber was willst du auch von einer Organisation erwarten, die ein Turnier grundsätzlich nur an ein Land vergibt, das Steuerfreiheit garantiert und für die Moral eine verdammt schwache Währung ist?

Tollen Fußball? Spielen auch die Franzosen

Wir lieben Fußball. Jau. Is richtig. Wofür tun wir uns das eigentlich an? Warum zittern und feiern wir mit einer Mannschaft, mit deren Akteuren uns eigentlich NICHTS verbindet? Außer der Nationalität vielleicht.

Ein im Grunde genommen sehr schwaches Argument, zu einer spezifischen Gruppe zu halten, wenn man genauer hinsieht. Im Italienurlaub macht man ja auch einen großen Bogen um die Mitgermanen. Warum also hier plötzlich die große Zuneigung? Wenn es der tolle Fußball ist, kann man ja auch mit den Franzosen fiebern.

Nur mit den wenigsten der Akteure, die da unten auf dem Feld agieren, würde man privat seine Zeit verbringen wollen. Mit denen, die ihnen von den Rängen zujubeln, übrigens auch. Mit denen, die sie auspfeifen, noch weniger.

Wie kann man Nestlé boykottieren und gleichzeitig DIESES Turnier schauen? Es gibt kein richtiges Jubeln im falschen. Und das Schlimmste daran: Sobald der Anpfiff ertönt, werde ich all das vergessen haben und nur noch gucken, gucken, gucken. Jubeln, schreien, zittern.

Fußball - eine Perle im Scheißhaufen

Aufregen wird mich höchstens noch, dass Jogi in der 70. Minute nicht Sané bringen kann - die Krim, Assad, die toten Regimekritiker habe ich zu dem Zeitpunkt längst vergessen. Hajo wer? Fußball. Ein unordentliches Gefühl. Wundervolle Irrationalität. Eine Perle im Scheißhaufen. War immer so, wird immer so sein. Ich bin schwach. Ich schäme mich. Bis Toni Kroos in den Winkel trifft. Dann bin ich wieder wer.

Fußball ist wie Sex. Macht am meisten Spaß, wenn der Kopf aus ist. Das Turnier boykottieren kann ich immer noch, wenn wir im Achtelfinale ausgeschieden sind. Dann aber mit Schwung!

Ach, wär ich doch bloß Curling-Fan.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo