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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Integration gibt es nicht auf Recep

Die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan haben dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan Trikots überreicht, eines signiert mit "für meinen Präsidenten". Sollen sie weiter für Deutschland spielen?

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über Erdogan

Die Fußballer Ilkay Gündogan und Mesut Özil haben den türkischen Präsidenten Recep Erdogan getroffen und ihm Trikots überreicht. Sollten sie deshalb aus der Nationalelf ausgeschlossen werden?

Ich bin nicht sauer. Ich bin einfach nur enttäuscht. Klingt ein bisschen wie die Schuldinjektion einer Mutter. Aber ein wenig so fühlt es sich doch an, oder? Wie ein pädagogisches Kollektivversagen. Als würde man harten Alkohol unterm Bett der lieben Kleinen finden.

"Ja, haben wir euch denn nicht stets all unsere Liebe gegeben!" Dass sie die deutsche Hymne nicht mitgesungen haben, geschenkt. 80 Millionen Bundestrainer haben sich nach Kräften bemüht, Mesut Özil auch nach schlechten Spielen im DFB-Dress konsequent als Deutschen zu sehen, aber DAS...! Fotos, auf denen Özil und Gündogan - eben noch Filetstücke im deutschen Integrationsschaufenster - sich mit Erdogan zeigen. 

Mehr noch: Sie überreichen ihm Trikots ihrer Vereine, signiert mit "für meinen Präsidenten". Wie jetzt? Man sollte doch meinen, der Präsident eines deutschen Nationalspielers hieße Steinmeier. Oder doch nicht?

Das Foto ist mindestens ernüchternd. Wir hatten doch stets angenommen, dass speziell ein junger, intelligenter Mann wie Ilkay Gündogan auch im Herzen Merkels Bundesrepublik einem System Erdogan vorziehen würde. Ist wohl nicht so.

Die Gründe dafür mögen vielfältig sein. Sei es, dass einem der Familienfrieden (Mutter und Onkel sind AKP-Wähler) über die politische Vernunft geht. Mögen es handfeste wirtschaftliche Interessen sein (Gündogan pflegt rege wirtschaftliche Beziehungen mit der Türkei).

Womöglich ist es auch einfach ein - wenn auch arg verunglücktes - Bekenntnis zur türkischen Herkunft, so wie Erdogan für viele Fans in erster Linie nicht der Diktator und Feind freiheitlichen Denkens ist, sondern Sehnsuchtsfigur und potente Projektionsfläche für Menschen, die es hierzulande nie über den Status des Gemüsehändlers hinaus geschafft haben. Und sei es nur in den Augen anderer.

Emre Can hat das Diktatoren-Meet&Greet verweigert

Was es definitiv nicht war, war ein unbedachter Verposter, dessen Verfasser ja gar nicht wussten, was sie da tun. Wer Gündogan und Özil als unbedarfte Kicker ohne jegliche Kenntnis der weltpolitischen Lage darstellt, erklärt beide für unmündig und degradiert sie. In einer Welt, in der jeder Instagram-Post wichtiger und wertvoller ist, als so mancher Spielberichtsbogen, sind Fotos wie der Erdogan-Flirt natürlich alles andere als zufällig.

Zu sagen, die beiden seien genötigt worden, weil ihre Familien in der Türkei sonst schlimme Konsequenzen zu befürchten hätten, erscheint in einem System Erdogan zwar absolut schlüssig - hatte den ebenfalls in England spielenden Deutschtürken Emre Can aber nicht davon abgehalten, das Diktatoren-Meet&Greet zu verweigern. Yes, we Can.

Übrigens: Man kann auch gut integriert sein und trotzdem einen beschissenen Geschmack haben. Nicht jeder AfD-Wähler massakriert seine Frau am Frühstückstisch mit dem Buttermesser. Dennoch ist die Aufregung berechtigt.

Würde Sandro Wagner sich neben Gauland ablichten lassen, wäre das Geschrei zu Recht nicht leiser. (Den hätte man auch viel leichter aus moralischen Gründen aus dem Team werfen können, weil er sportlich verzichtbar ist.)

Bierhoff weiß "wie Türken ticken"

Wenngleich es schon traurig ist, welch latenter bis offener Rassismus im Zuge dieser unschönen Episode gleich mit nach oben gespült wird. Muss befriedigend sein für viele, endlich mal wieder den Daumen heben oder senken zu dürfen.

Wenn man den Türken schon nicht aus dem Land schmeißen kann, dann doch wenigstens aus der Nationalelf. Bierhoff weiß "wie Türken ticken". Blöderweise glauben das Millionen Deutsche (jetzt) auch. "Wir haben es ja immer gewusst!" Der DFB hat einerseits sehr richtig reagiert und schnell Stellung bezogen, die Aktion kritisiert. Vor allem deshalb, weil man beim DFB für freiheitliche Werte stehe - und das System Erdogan natürlich ziemlich genau das Gegenteil davon repräsentiert. 

Also wie geht man jetzt vor? Schmeißt man die beiden aus der Nationalelf? Schneidet man Özil und Gündogan aus allen großen Spielen der DFB-Elf raus und lässt die Szenen mit den Bender-Zwillingen nachdrehen?

Warum ist es bei Özil und Gündogan plötzlich Landesverrat?

Wäre man ideologisch somit nicht auf einer Linie mit den Erdogans dieser Welt, die Menschen mit einer anderen politischen Meinung mit Repressalien überziehen? Warum war es immer putzig, dass Podolski trotz DFB-Adler sich auch immer klar als Pole positioniert hat und warum ist es bei Özil und Gündogan plötzlich Landesverrat?

Ist ja nicht so, als sei die politische Landschaft in Polen das, was man sich hierzulande erträumt. (Wobei...)

Ja, natürlich war das Erdogan-Foto schwer erträglich. Dämlich. Ärgerlich. Enttäuschend. Es war Wahlkampfpropaganda für einen Despoten, der so ziemlich alle freiheitlichen Werte mit Füßen tritt. 

 Was soll man denn beim Grillen gucken? 

"Das Politische hat im Sport nichts zu suchen!" Richtig. Als wären die Bilder von Kohl oder Merkel in der Kabine spontane Schnappschüsse fürs Familienalbum gewesen.
Es ist ja schön, dass der DFB sich von der Aktion distanziert, sie kritisiert und leidenschaftlich für Werte wie Freiheit, Toleranz und Menschenrechte eintritt.

So weit, so honorig. Sollten sie das in Frankfurt allerdings ernst nehmen, dann dürften Özil und Gündogan nicht zum Turnier nach Russland fahren. Genau wie die anderen 20 Spieler. Dann dürfte man gar nicht bei einem Turnier wie Putins Leistungsschau antreten. Man hätte streng genommen 2014 nicht nach Brasilien reisen dürfen. Und Katar 2022 dürfte nicht einmal eine kurze Überlegung wert sein.

Aber so konsequent möchte dann auch niemand sein. Außerdem ist das Wetter so schön. Was soll man denn beim Grillen gucken? Das bisschen Diktatur. Das hat man nach dem zweiten Bier auch vergessen.

Oder nach dem ersten Tor von Gündogan.