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Zwanziger-Nachfolger Wolfgang Niersbach: Ein Mannschaftsspieler

Wolfgang Niersbach ist designierter DFB-Präsident. Er will den größten Sportverband der Welt als allürenfreier Mannschaftsspieler führen - und sich vielfach von Theo Zwanziger abgrenzen.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

Zur Mittagszeit am Mittwoch hat Wolfgang Niersbach schon einen Vorgeschmack erhalten, was ihn künftig erwartet. Dutzende von Kameras und Mikrofonen umzingelten den Mann im dunklen Anzug, der medialen Ansturm ja allein deshalb gewohnt ist, weil er an der Seite seines Freundes Franz Beckenbauer die WM 2006 organisiert hat. Doch derlei Trubel um einen Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) kam zuletzt eher selten vor, doch der Anlass war nun ja auch ein besonderer: Niersbach hat nun nicht ganz unerwartet seine Bereitschaft zur Kandidatur für das Präsidentenamt des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erklärt – nach tagelanger Bedenkzeit "und einigen kurzen Nächten", wie der 61-Jährige selbst verriet.

Gewaltigen Respekt und großes Selbstvertrauen

Ihn, den Amtsinhaber Theo Zwanziger schon im Sommer 2010 bei seinen wiederholten Rückzugsgedanken als möglichen Nachfolger kontaktierte, hat sich die Zusage nicht einfach gemacht, doch letztlich sei der Posten als wichtigster Funktionär des deutschen Fußballs eben doch zu delikat. "Dieser Job hat einen unglaublichen Reiz. Mir sind 1001 Gedanken durch den Kopf gegangen. Das ist ein Riesenschritt. Ich habe gewaltigen Respekt, aber auch großes Selbstvertrauen."

Denn: Niersbach, der einst 1988 in der Pressestelle noch unter der Herrschaft von Hermann Neuberger seine erste hauptamtliche Tätigkeit in der Otto-Fleck-Schneise 6 begann und nach der WM 2006 zum Generalsekretär aufstieg, kennt komplizierte Strukturen und handelnden Personen in diesem Hause wie kaum ein anderer. Dass er bei seiner Antrittsrede scheinbar beiläufig den Wert von Hausmeister und Sekretärinnen erwähnte, hat einen ernsten Hintergrund: Seine heutige Frau arbeitete einst im Empfang der Verbandszentrale.

Kaiser Franz als Vorbild

Nun wird Niersbachs Konterfei ab Oktober 2012 – wenn auf einem außerordentlichen Bundestag die offizielle Kür zum DFB-Boss erfolgt – in jene Ahnengalerie aufgenommen, die hinter Plexiglas in Schwarz-Weiß-Porträts auf dem Gang zum Sepp-Herberger-Tagungsraum hängt. Als elfter DFB-Präsident. Wie er den wichtigsten und größten Sportverband Europas künftig führen will, hat er auch verraten: "Ein Präsident eines solchen Verbandes kann kein Solist sein. Er ist mehr Kapitän." Dabei diene ihm zuvorderst sein jahrelanger Unterstützter Beckenbauer "als Vorbild". Niersbach: "Franz ist ein echter Freund, der immer ein Lächeln auf den Lippen hat." Ihn beispielsweise in der Halbzeitpause des WM-Endspiels 1990 erlebt zu haben, seien prägende Erinnerungen gewesen. Überhaupt sei das Tätigkeitsfeld in der Öffentlichkeitsarbeit der Nationalmannschaft von 1998 bis 2001 für all sein Wirken ausgesprochen nachhaltig gewesen, "ich habe über die Jahre fast alle Nationalspieler erlebt, die heute wichtige Position bekleiden." Dann zählte er die Geschäftsführer, Manager und Sportdirektoren auf, die heute die Liga prägen: Rudi Völler und Christian Nerlinger, Klaus Allofs und Fredi Bobic. Und einen wie Karl-Heinz Rummenigge, den Bayern-Boss, "über den habe ich noch als Journalist geschrieben."

Basisarbeit in der Dorfkneipe

Die Akzeptanz im Profibereich ist ihm also aus seiner Vita schon sicher, die von den Amateuren aber auch. Dabei half, dass der bisher hauptamtlich mit einem ordentlichen Salär entlohnte Niersbach diesen lukrativen Vertrag im Oktober nächsten Jahres auflösen lassen und wie alle Vorgänger ehrenamtlich arbeiten will – gegen eine angemessene Aufwandsentschädigung allerdings. "Es ist eine Ehre, dieses Amt ausüben zu dürfen." Der bei der Sitzung mit den Vertretern des DFB-Präsidiums und den fünf Regionalverbänden anwesende Hermann Korfmacher, DFB-Vizepräsident Amateure, hörte solche Worte naturgemäß gerne und stellte klar, dass die beim Bundestag in der Mehrheit befindlichen Amateurvertreter gegenüber Niersbach "loyale Partner" seien.

Gleichwohl: Um sich an der Basis besser zu verankern, ist Niersbach gut beraten, sich gesellschaftlichen und sozialen Aufgaben zumindest teilweise in jener eindringlichen Form stellen, wie es Zwanziger meist außerordentlich leidenschaftlich tat. Einerseits. Andererseits steht ein Präsident, der nun weniger selbstverliebt und selbstgerecht referiert, dem größten Sportverband der Welt auch nicht schlecht. Und wie versprach der pragmatische Gestalter Niersbach an diesem verregneten Mittwoch im Frankfurter Stadtwald: "Als Mensch werde ich mich nicht verändern. Ich will weiter am Wochenende Tennis gegen Jüngere spielen und in meiner Dorfkneipe ein Bier trinken."

Kampf gegen die Gewalt in den Stadien

Vielleicht rührt daher auch sein Gespür dafür, wo dem deutschen Fußball wirklich der Schuh drückt. Denn nicht die von Zwanziger munter fortgeführte Schlammschlacht mit dem früheren Schiedsrichterobmann hält den DFB wirklich in Atem, sondern Niersbach nannte ungefragt die Gewalt in den Stadien als sein größtes aktuelles Anliegen. "Das kann man nur gemeinsam lösen, damit wir wieder eine so friedliche Atmosphäre in den Stadien erschaffen wie bei einer Weltmeisterschaft", sagte der designierte DFB-Boss, der in den nächsten Monaten den Spagat bewältigen muss, als Generalsekretär Entscheidungen seines mitteilsamen Präsidenten Zwanzigers mittragen und umsetzen zu müssen, die er möglicherweise als Chef des Verbandes nicht angestrebt hätte. Interessant wird dabei sein, wie sich Zwanziger in seinen neuen Herausforderungen in UEFA- und FIFA-Exekutive aufstellt, obwohl "Wolfgang Niersbach international viel besser vernetzt ist", wie Zwanziger einräumte. Der 66-Jährige selbst wird, wie er überraschend deutlich ankündigte, noch einen Feldzug gegen die WM 2022 in Katar führen, mit der Vergabe seien "die sportlichen Aspekte ein Stück weit pervertiert – eine Fußball-WM braucht für Fans und Spieler andere Grundvoraussetzungen."

Charmant, pragmatisch, konservativ

Niersbach, der mit UEFA-Boss Michel Platini beste Verbindungen unterhält und mit FIFA-Chef Sepp Blatter gut harmoniert, hat so etwas noch nie gesagt. Wenn Zwanziger von "unterschiedlicher Mentalität und unterschiedlichem Charakter" im Vergleich zu Niersbach parliert, dann ist das also richtig. Niersbach ist ein Funktionär, der auch charmant und doch verbindlich, aber nie so larmoyant und arg aufgesetzt wie Zwanziger referieren wird. Niersbach gilt als pragmatischer Gestalter, nicht als bürokratischer Verwalter – und wann immer er zweifelt, lässt er lieber den gesunden Menschenverstand als praxisferne Regularien entscheiden. Sich selbst hat er einmal als "ein Stück weit konservativ" bezeichnet, "aber in dem Sinne, dass ich das Gute bewahren möchte." Und das Schlechte hat er ja auch miterlebt. "1998, der Tod des französischen Polizisten David Nivel in Lens, als wir mit unserer Delegation in Nizza waren", erinnerte Niersbach am Mittwoch. "Das waren damals Zerreißproben für den deutschen Fußball." Solche Krisenerfahrungen, Niersbach scheint es zu ahnen, können ihm im neuen Job nur helfen.

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