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Fußball-Verband in der Krise Vom Multikulti-Gegner zum DFB Präsidenten - so tickt Reinhard Grindel

DFB-Präsident Reinhard Grindel im Porträt
An Kritik am DFB-Krisenmanagement des Özil-Falls und Präsident Reinhard Grindel (Archivbild) mangelt es nicht 
© Andreas Arnold / DPA
Nach dem Skandal um die Millionenzahlungen zur WM-Vergabe 2006 sollte Reinhard Grindel als neuer DFB-Präsident den Verband aus der Krise führen. Nun steht der vermeintliche Krisenmanager selbst unter Druck.

Als Krisenmanager war Quereinsteiger Reinhard Grindel im April 2016 zum Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes gekürt worden. Der 56-jährige CDU-Politiker löste Wolfgang Niersbach ab, der im Zuge des Skandals um die WM-Vergabe 2006 zurückgetreten war. Grindel sollte die Reputation des DFB wieder herstellen und für einen Neuanfang sorgen. Zwei Jahre später ist er nicht nur wegen seines fatalen Schlingerkurses in der Foto-Affäre um Mesut Özil und dessen massiven Vorwürfen stark unter Druck geraten.

Der zurückgetretene Nationalspieler griff Grindel massiv an. Er fühlte sich schlecht behandelt und warf dem DFB-Boss in seiner Erklärung vom Sonntag "Inkompetenz" und "Unfähigkeit" vor. Tatsächlich hat Grindel, der ehemalige Bundestagsabgeordnete, im Fall Özil Fehler gemacht und Widerspruch herausgefordert.

Eine katastrophale Kommunikation

Kurz nach Veröffentlichung der gemeinsamen Fotos von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan twitterte er, dass sich die Fußballprofis für ein Wahlkampfmanöver hätten "missbrauchen lassen". Vor und während der WM gelang es ihm nicht, kraft seines Amtes die durch das Schweigen von Özil verschärfte Affäre zu beenden.

Vielmehr befeuerte Grindel nach dem Vorrunden-K.o. des DFB-Team die Debatte noch, indem er vom Spielmacher des FC Arsenal eine Erklärung für die Erdogan-Fotos und sein Schweigen forderte und Druck machte: Es sei für ihn "völlig klar, dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte", sagte Grindel in einem Interview des "Kicker". Nachdem Özil sein Schweigen mit seiner spektakulären Erklärung brach, verzichtete Grindel jedoch auf eine persönliche Replik zu den Attacken.  

An Kritik am DFB-Krisenmanagement des Özil-Falls und Grindel mangelt es seitdem nicht. Liga-Präsident Reinhard Rauball warnte schon früh, dass man das "Thema in der Tat unterschätzt" habe und machte sich Sorge über einen möglichen "dauerhaften Schaden bei beiden Sportlern." Mit scharfen Tönen kritisierte auch Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge das PR-Desaster: Er sei irritiert, was man beim DFB als Krisenbewältigung verstehe, "weil mir da ein bisschen die Fußballkompetenz" fehle. Mehrere Parlamentarier, darunter die Bundestagsabgeordneten Renate Künast, Omid Nouripour (beide Grüne) und Frank Schwabe (SPD), forderten sogar den Rücktritt Grindels. 

Reinhard Grindel und das Rassismusproblem

Dabei stellt sich eine weitere Frage: Hat der DFB in Person seines Präsidenten Reinhard Grindel ein Rassismusproblem? Die Rücktrittserklärung von Fußballnationalspieler Mesut Özil enthält genau diesen Vorwurf. Das Problem für Grindel: Er kann dies nicht ohne Weiteres als das üble Nachtreten eines gekränkten Fußballers abtun. Denn schon in seiner Laufbahn als Politiker war Grindel mit Anschuldigungen konfrontiert, die nicht zu den Integrationsbemühungen des weltgrößten Fußballverbands passen.

Der am 19. September 1961 in Hamburg geborene Fußballfunktionär hat nämlich vor seiner DFB-Karriere noch zwei andere große berufliche Stationen gehabt.  Zunächst als Journalist, wo er es bis zum Leiter der ZDF-Studios in Bonn und Brüssel brachte. Und dann als Berufspolitiker - seit 2002 saß der Jurist vierzehn Jahre für die CDU im Bundestag. Mit der Übernahme des Chefpostens beim DFB 2016 gab Grindel das politische Mandat auf.

Aus seiner Zeit als CDU-Politiker sind von dem vor allem innenpolitisch engagierten Grindel harte Positionen überliefert. "Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel", sagte Grindel 2004 etwa im Bundestag und kritisierte, Multikulti sei eine Lebenslüge und habe in vielen Städten nur Monokultur geschaffen. Als 2013 im Bundestag über das Zuwanderungsrecht gestritten wurde, lieferte sich Grindel eine hitzige Debatte mit der Opposition. In dieser rief ihm die Grünen-Abgeordnete Ekin Deligöz wütend die Frage zu: "In welcher Welt leben Sie?"

Deligöz gehörte später zu einer Gruppe an Unterzeichnern, die Grindel in einem offenen Brief eine Haltung vorwarfen, die "rassistische Elemente" aufweise. Nach der Özil-Erklärung gingen wohl auch deshalb Grünen-Politiker, die sich im Bundestag scharfe Auseinandersetzungen in der Migrationspolitik mit Grindel geliefert hatten, als Erste mit Rücktrittsforderungen an die Öffentlichkeit. "Grindel muss auch gehen", forderte etwa Renate Künast.

Keine Empfehlung für 2024

Der ehemalige Hobby-Fußballer hat noch andere Herausforderung vor sich: Die Sommermärchen-Affäre um den Zweck der dubiosen Zahlung von 6,7 Millionen Euro im Zusammenhang mit der WM 2006 ist weiter nicht restlos aufgeklärt. Außerdem muss Grindel nach dem Scheitern bei der WM mit dafür sorgen, dass es einen erfolgreichen Neubeginn mit Bundestrainer Joachim Löw gibt - dessen Vertrag er vor der WM in Russland bis zur WM-Endrunde 2022 in Katar verlängerte.

Und: Ende September wird der europäische Fußballverband Uefa bekannt geben, ob Deutschland die Europameisterschaft 2024 ausrichten darf oder die Türkei. Zuletzt verstärkte sich der Eindruck, die eigentlich als Außenseiter geltenden Türken genössen wachsende Zustimmung in der Uefa. Die nun erhobenen Rassismusvorwürfe gegen den DFB-Präsidenten bedeuten sicher keine Unterstützung für die Bewerbung.

Andreas Schirmer / Ralf Isermann / fs DPA AFP

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