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Flucht vor Ebola: Afrikanischer Sprintstar lebt obdachlos in London

Ein halbes Jahr lang fehlte von Sierra Leones Sprinter Jimmy Thoronka jede Spur. Dann wurde er gefunden - als Obdachloser auf Londons Straßen. Seine Begründung: Er habe Angst vor Ebola.

Er ist 20 Jahre alt und ein Top-Athlet - lebt aber lieber auf der Straße, als in seine Heimat Sierra Leone zurückzukehren

Er ist 20 Jahre alt und ein Top-Athlet - lebt aber lieber auf der Straße, als in seine Heimat Sierra Leone zurückzukehren

Er friert, sein Geld ist aufgebraucht, er hat Hunger. Vor allem aber hat Jimmy Thoronka Angst. Er fürchtet, an Ebola zu erkranken. Im Sommer 2014 hatte der Athlet an den Commonwealth Games in Glasgow teilgenommen - danach verlor sich seine Spur.

Thoronka kommt aus Sierra Leone, er ist der beste Sprinter des Landes. Vergangene Woche spürte der "Guardian" den 20-Jährigen in London auf. Sein Visum ist seit Monaten abgelaufen. Er lebt dort auf der Straße.

Seither erzählt Thoronka seine Geschichte. Fernsehbilder vom Anfang des Turniers zeigen ihn noch als strahlenden Athleten, er hoffe, dass sein Land weit kommen werde, sagte er damals in die Kameras. Auf aktuellen Bildern wirkt Thoronka wie ein anderer Mensch: verhärmt, ernst, mit müden Augen. Was war passiert?

Thoronka sagt, er habe während des Turniers erfahren, dass seine Familie an Ebola gestorben sei. Er habe Angst gehabt und nicht aufhören können zu weinen. Dann sei auch noch sein Pass und sein Geld gestohlen worden - er habe keine andere Wahl gesehen, als zu versuchen, auf den Straßen Londons zu überleben.

Von einem Bus in den nächsten

"Ich schlafe in Parks oder in Bussen", erzählt der 20-Jährige dem "Guardian". "Wenn der Fahrer sagt, der Bus endet hier, dann suche ich mir einen neuen Bus. So mache ich das, bis der Tag anbricht." Er hat oft Hunger und muss betteln. Besonders die Kälte mache ihm zu schaffen.

Nach wie vor trainiert er aber: Er läuft durch die Parks, macht Übungen. "Ich wollte wirklich ein großer Star werden", sagt er, "einer der größten Stars der Welt oder zumindest meines Landes. Ich habe also diesen Traum. Und selbst in dieser Situation sage ich mir immer wieder, dass ich weitertrainieren muss." Nach Sierra Leone wolle er nicht mehr zurück, seine Familie sei tot. Es gebe dort niemanden mehr, der sich um ihn kümmere.

Inzwischen hat sich aber auch der Generalsekretär des Olympischen Kommittee Sierra Leones gemeldet und widerspricht der Darstellung Thoronkas: Er wisse nichts davon, dass dessen Eltern etwas passiert sei. Sein Verschwinden sei peinlich für den Verband. Thoronka habe nur einen Grund vorgeschoben, um Asyl zu suchen. Ein anderer Offizieller bestätigte jedoch, dass die Adoptivmutter des Sportlers an Ebola gestorben sei.

40.000 Euro kamen schon an Spenden zusammen

Wie der korrekte Ablauf der Geschichte letztlich auch ist: Rein aus Spaß hat sich Thoronka sicher nicht für das Leben auf der Straße entschieden. Was immer ihn in seiner Heimat erwartet - Hunger, Kälte und Unsicherheit scheinen ihm das kleinere Übel zu sein. Seine Geschichte hat viel Mitgefühl ausgelöst. Auf einer Spendenseite im Internet kamen bereits rund 40.000 Euro zusammen, in einer Petition fordern Menschen, dass er in Großbritannien bleiben darf. Thoronka hat inzwischen um Asyl ersucht - der Antrag liegt bei den Behörden.

In Afrika ist die Ebola-Epidemie zwar rückläufig. Während aus Liberia keine Neuinfektionen mehr gemeldet werden, gibt es in Sierra Leone und Guinea jedoch noch immer neue Fälle.

Thoronka ist nicht der erste Athlet, der über den Sport den Weg nach Europa sucht. Schon von den Olympischen Spielen in London 2012 kamen einige afrikanische Teilnehmer nicht wieder nach Hause. Zugleich sind die britischen Behörden mit einer wachsenden Zahl von Asylanträgen konfrontiert, von denen viele abgelehnt werden. Viele Flüchtlinge wählen daher wie Thoronka den Weg in die Illegalität.

car

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