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Leistungssteigerung im Sport: Geschichten aus einer Zeit, als Doping seine Unschuld verlor

Erst kam Strychnin, dann Heroin und Crystal Meth, später Anabolika und Eigenblut. Die Geschichte des Dopings ist ein einziger Zug durch Apothekerschränke. Ein Geheimnis wurde selten daraus gemacht.

Von Niels Kruse

Als der Schweizer Verband für Leibesübungen seine Dopingliste erstellte, "wurden zwar Substanzen wie Heroin, Strychnin, Amphetamin, Benzedrin und Kokain angeprangert, nicht aber Anabolika". So notierte es 1974 die "Stuttgarter Zeitung" in einem Artikel über die "Muskelpille", die damals in Sportlerkreisen heiß begehrt war. Über die Vor- und Nachteile des Wachstumshormons wurde erbittert diskutiert, nur über eines herrschte weitgehend Einigkeit: Ein Verbot von Anabolika sei sinnlos, weil man es ohnehin nicht nachweisen könne.

Heute, 40 Jahre später, lesen sich solche Sätze wie Relikte aus einer längt untergegangenen Zeit. Aber sie wirkten nach: Obwohl zu den Olympischen Spielen 1976 Anabolika verboten wurden, waren bis in die 80er-Jahre hinein noch Steroidberge auf zwei Beinen, mit undefiniertem Geschlecht und sagenhaften Leistungen Stammgäste bei allen Sportgroßereignissen. Vor allem Athleten aus dem Ostblock schienen die Wachstumshormone schon zum Frühstück zu verschlingen. Nun kommt eine Studie zu dem Ergebnis, dass Doping auch in Westdeutschland gang und gäbe war, mehr noch: sogar staatlich gefördert wurde.

Kolbe gestand und galt danach als Verräter

Man hätte es damals vielleicht schon ahnen können. Ein Blick ins Pressearchiv fördert eine erstaunlich offene, teilweise unschuldige Debatte über die Praktiken zur Leistungssteigerung zu Tage. Da war zum Beispiel der Fall des Ruderers Peter-Michael Kolbe, der bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal im Einer-Finale kurz vor dem Ziel zusammenbrach. Der Grund war eine Spritze mit Cocarboxylase, einem Verwandten des Vitamins B1, das eigentlich die Muskeln vor der Übersäuerung bewahrt, in Fall des Sportlers aber leider unerwartete Nebenwirkungen hatte. Kolbe gestand vor der Weltpresse die Behandlung, nannte die Namen von deutschen Mitolympioniken, denen ebenfalls das Zeug gespritzt wurde und galt im Team danach als Verräter.

Der damalige Chefarzt der Deutschen, Josef Nöcker, verteidigte den Einsatz des Wundermittels mit der Begründung, es führe zu Chancengleichheit und sei ohnehin in jeder Apotheke rezeptfrei zu erhalten. Kurzum: "Das ist kein Doping", wie er damals sagte. NOK-Präsident Willie Daume gab zähneknirschend zu Protokoll: "Wir sind zumindest noch diesseits der Grenze." Welche Rolle der 1996 verstorbene Funktionär spielte, ist bis heute nicht gänzlich geklärt. In zahllosen Interviews hatte er bereits damals vor einer "Hochzucht von Sportlern mit allen Mitteln" gewarnt. Doch in seine Amtszeit fiel zum Beispiel die "Aktion Luft-Klistier", bei der (West-)Schwimmern Luft in den Darm gepumpt wurde. Zur Leistungssteigerung.

100 D-Mark Strafe für Doping

Oder der Fall des Hammerwerfers Walter Schmidt, der 1977 aus Sorge um seine Gesundheit zugab, Anabolika genommen zu haben. Er wurde zunächst gesperrt, das Urteil aber später auf "sportschädigendes Verhalten" reduziert. Strafe: 100 D-Mark (50 Euro). Auch er gehörte 1976 zum deutschen Olympia-Team. Vermutlich hatte der Deutsche Leichtathletikverband das Urteil deswegen zurückgenommen, damit Leute wie Schmidt nicht allzu viel Interna ausplauderten.

Daume war es aber auch, der immer wieder auf die Doping-Realität hinweis. Mitte der 70er Jahre kam Eigenblutdoping in Mode. Einige Ärzte, wie der berühmte Freiburger Dopingarzt und Anabolika-Fan Josef Keul, rieten davon ab. Nicht, weil es möglicherweise verboten sei, sondern weil es nichts bringe. Andere wiederum schwörten darauf, wie etwa die Sportfunktionäre der DDR. In einem Interview 1974 sagte der damalige Olympia-Chef, "es gäbe bereits ein System, das auch angewandt würde, den Athleten vor den Entscheidungskämpfen Blut abzuzapfen, und es mit hoch hormonisiertem anderen Blut zu ersetzen."

Doping ist wie "reines Dynamit"

Aber es gab auch die anderen Stimmen, diejenigen, die ganz offen das Potenzial von Doping priesen. Da war zum Beispiel der britische Reiter Harvey Smith, der 1972 alle Sportler aufforderte, Drogen zu nehmen: Auf Doping zu verzichten, sei wie beim Autorennen einen Gang weniger als die Konkurrent zu haben", schrieb er in seinen Memoiren. Oder der schwedische Diskuswerfer Ricky Bruch, der zwei Jahre später offen über die Hormonbehandlung sagte, diese medizinischen Präparate seien wie "reines Dynamit." Wiederum andere, wie der Kugelstoßer Gerhard Steines, bestand 1975 darauf, dass man ihm ständig auf Anabolika kontrolliere. Er könne auch so mithalten. "Kein Nachwuchsmann muss seine Disziplin aufgeben, weil ihm von allen Seiten eingeredet wird, dass er ohne Anabolika keine Chance hätte, in die Weltspitze vorzudringen."

Erste Dopingkontrollen gab es bei den Olympischen Spielen in Tokio 1964. 60 Jahre zuvor gewann der Engländer Thomas Hicks den Marathonlauf in St. Louis dank eines Cocktails aus Strychnin und Brandy. Danach kamen und gingen Kokain und Crystal Meth (Benzedrine), Anabolika, Testosteron, Eigenblutdoping Insulin, EPO und all die anderen Mittelchen. Es wurde mal mehr, mal weniger offen darüber gesprochen. Wissen können, hätten es viele. Wenn es wirklich interessiert hätte.

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