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Sterbehilfe Im Rollstuhl wurde sie zur erfolgreichen Sportlerin. Nun hat Marieke Vervoort ihr Leben beendet

Marieke Vervoort starb mit einem Glas Sekt in der Hand
Marieke Vervoort, hier mit ihrer Silbermedaille in Rio de Janeiro 2016, hatte schon vor Jahren beschlossen, irgendwann Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Sie starb mit einem Glas Sekt in der Hand.
© Yasuyoshi Chiba / AFP
Marieke Vervoort litt an einer unheilbaren und äußerst schmerzhaften Muskelkrankheit. Schon vor Jahren hatte sie beschlossen, irgendwann Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen – das hat sie nun getan.

Marieke Vervoort hat ihr Ende selbstbestimmt: Am Dienstag schied die mehrfache Paralympics-Medaillengewinnerin per Sterbehilfe freiwillig aus dem Leben - mit einem Sektglas in der Hand, wie sie es sich gewünscht hatte. Das bestätigte ihr Leibarzt Wim Distelmanns mehreren Medienberichten zufolge. Sie starb mit 40 Jahren in ihrem belgischen Heimatort Diest. Vervoort litt an einer unheilbaren und extrem schmerzhaften Muskelkrankeit. "Bis zu ihrer letzten Minute führte sie Regie über ihr Leben", sagte Distelmans demnach.

Ihr Tod löste in Belgien große Bestürzung aus. Vervoort und ihre Leidensgeschichte waren landesweit bekannt. "Ein wahrer Champion und eine Quelle der Inspiration", twitterte Tennis-Grand-Slam-Gewinnerin Kim Clijsters zum Tod ihrer Landsfrau, "aber vor allem war sie eine wunderbare, warmherzige Frau."

Der Gedanke an die Sterbehilfe verschaffte ihr "Seelenfrieden"

Mit 14 Jahren war die Krankheit bei ihr diagnostiziert worden. Den Entschluss, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, fasste sie bereits vor elf Jahren und besorgte die dafür notwendigen Dokumente. Damals hatte sich ihr Zustand stark verschlechtert. Vor vier Jahren machte sie ihren lange gefasste Entscheidung im belgischen Fernsehen öffentlich.

An den Olympischen Spiele in Rio de Janeiro nahm sie aber noch teil. In einem Interview während der Spiele schilderte sie ihr Leiden: In manchen Nächten schlafe sie wegen der Schmerzen nur zehn Minuten. Sie seien bisweilen so stark gewesen, dass andere Menschen schon schwer mitgenommen gewesen wären, sie während akuter Attacken nur gesehen zu haben. "Es ist eigentlich zu hart für meinen Körper, in jedem Training leide ich wegen der Schmerzen. Aber Training, Rennen zu fahren und der Wettkampf sind Medizin für mich. Ich arbeite so hart - und schiebe so all die Angst und den Rest weg von mir."

Über den Entschluss, irgendwann Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, sagte Vervoort: "Ich habe große Angst, aber diese Papiere verschaffen mir Seelenfrieden. Ich weiß, dass ich diese Papiere habe, wenn ich merke, dass es reicht. Wenn ich sie nicht haben würde, hätte ich mich sicher schon umgebracht." Sie plädierte eindringlich dafür, Sterbehilfe auch in anderen Ländern zu erlauben: "Ich denke, es wird deutlich weniger Selbstmorde geben, wenn jedes Land eine Euthanasie-Gesetzgebung hat. Ich hoffe, dass irgendwann jeder erkennt, dass es dabei nicht um Mord geht, sondern darum Leben zu verlängern."

Marieke Vervoort in Rio 2016 nach dem Gewinn der Silbermedaille über 400 Meter im Handbike 
"Rennen zu fahren ist Medizin für mich": Marieke Vervoort in Rio 2016 nach dem Gewinn der Silbermedaille über 400 Meter im Handbike
© Yasuyoshi Chiba / AFP

Vor ihrem Tod erfüllte sie sich einige Wünsche

"Das "Biest von Diest", wie sie in Belgien genannt wurde, saß seit 2000 im Rollstuhl und startete danach eine beeindruckende Karriere. 2006 und 2007 wurde sie Weltmeisterin im Paratriathlon und gewann den Ironman auf Hawaii. Später wandte sie sich ganz der Leichtathletik zu. Bei den Paralympics in London 2012 holte sie als Handbikerin Gold über 100 Meter und Bronze über 200 Meter. In Rio de Janeiro vier Jahre später gewann sie Silber über 400 Meter und Bronze über 100 Meter. In dem Jahr landete sie bei der Wahl zum Sportler des Jahres in Belgien auf Platz zwei hinter Fußballstar Kevin de Bruyne.

Vor zwei Jahren verschlechterte sich Vervoorts Gesundheitszustand nochmals stark. "Ich werde immer depressiver, diese Gefühle hatte ich vorher nie. Ich weine sehr oft", schilderte Vervoort dem Londoner Telegraph, "jetzt schwindet auch mein Sehvermögen immer mehr. Bei einem Auge liegt die Sehkraft nur noch bei 20 Prozent, beim anderen bei zehn Prozent. Mein Arzt sagt, er könne nichts machen," erzählte sie.

Vor ihrem Tod erfüllte sie sich einige Wünsche, dazu gehörten Bungeejumping und mit einem Lamborghini über die Rennstrecke von Zoldern zu rasen. Für ihre Beerdigung hatte sie klare Vorstellungen. Es soll keinen Gottesdienst geben und keinen Kuchen. Bereits im Dezember 2017 erklärte sie der britischen Zeitung "Telegraph": "Ich möchte, dass alle mit einem Glas Champagner dastehen und an mich denken."

Quellen: "Guardian", n-tv, "Sport1" "Telegraph" (Bezahlinhalt)


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