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Athen 2004: Trübes Fest

Frohe Spiele? Von wegen. Terrorangst und Sicherheitswahn vermiesen die Stimmung - und die Dopingaffäre um Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou verdirbt vielen Griechen vollends den Spaß.

Water Plaza - das klingt doch vielversprechend. Es weht eine Brise hier unten in Faliro, im kleinen Hafen dümpeln Yachten in der Abendsonne. Ein großer, wunderbarer Platz, der Athens Antwort auf Darling Harbour in Sydney sein könnte. Treffpunkt für Tausende, die Olympia zur Party machen. Aber wer lässt sich schon gern einsperren beim Feiern?

Water Plaza - das liegt hinter einem kilometerlangen Zaun, ein öffentlicher Platz, Zutritt durch eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen. Paar Cafés mit Coca-Cola-Plastikstühlen, Souvlaki-Grill, Bierstand. Eine Bongo-Combo trommelt gegen eine Band an, die Songs von Melissa Etheridge kopiert; dazwischen vielleicht hundert Leute, zu ermattet zum Tanzen. Über allem ein wachsamer Uniformierter in einem Turm wie bei Baywatch. Wie sich das anfühlt? Wie eine Fete ohne Gäste und Gastgeber, nur die Kellner sind schon da. Und die Türsteher.

2004 hat Olympia kaum eine Chance. Der Sicherheitswahn in Athen erstickt die Begeisterung an den Spielen. Und die war bei den Griechen ohnehin nicht allzu ausgeprägt. Am liebsten erfreuen die sich sowieso nur an den eigenen Helden. Und die Helden? Ausgerechnet ihre beiden größten, die Top-Sprinter Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou, sind in einen Dopingskandal verstrickt, der die Gastgeber bis auf die Knochen blamiert. Und ihnen das Fest vollends versaut.

"Griechenlands große verlorene Hoffnung", schrieb "Athens News" zunächst. Danach kippte die Stimmung, Wut wallte auf in den Griechen, dass ihre Spiele, gerade glanzvoll eröffnet, schon überschattet waren. Die Tragödie um Kenteris/Thanou entwickelt sich mittlerweile zur Daily Soap mit Comedy-Elementen.

Einen Tag vor Beginn der Spiele begann die Schmierenkomödie. Die beiden Sprint-Stars flüchteten aus dem Olympischen Dorf, als ihnen das griechische NOK mitteilte, Dopingfahnder seien unterwegs zu ihnen. Kenteris soll nach dem Anruf am ganzen Leibe gezittert haben, berichteten Augenzeugen. Er ist Olympiasieger von Sydney über 200 Meter, Thanou Europameisterin von 2002. Und beide sind Weltmeister in der Disziplin, Dopingkontrollen auszuweichen. Die Trainingspartner pflegten in den letzten Jahren nur zu großen Wettkämpfen aus ihren Verstecken aufzutauchen. Oft hinterließen sie bei der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada falsche Adressen. Beide hatten nun wohl geglaubt, im Olympiadorf sicher zu sein vor den Spürnasen der Wada.

Gefunden wurden sie tags drauf an einem anderen sicheren Ort - im Krankenhaus. Sie sollen auf der Fahrt zurück ins olympische Dorf mit dem Motorrad gestürzt sein. Mit dem Krad ihres Trainers Christos Tsekos, Spitzname "Der Dealer", weil er im Internet mit verbotenen Starkmachern handeln soll. Berühmt wurde er, als er einen Dopingfahnder niederschlug.

Das Motorrad wurde später in der Garage von Tsekos entdeckt, mit leichten Kratzern an der linken Seite. Kenteris und Thanou haben aber Verletzungen an den rechten Körperseiten. Nicht genug der Absurditäten. Der Unfall, für den es keine Zeugen gibt, soll sich im Süden Athens ereignet haben. Beide wurden jedoch in ein Krankenhaus eingeliefert, das sich im Norden der Stadt befindet. Die Funktionäre spielen fleißig mit. Permanent verschob das IOC die Anhörung der Sportler. Und das griechische NOK versucht alles, um seine Stars vor einer Sperre zu retten.

Als die Posse ihren Lauf nahm, drohten schwedische Leichtathleten mit Boykott, falls Kenteris und Thanou doch in Athen starten dürften. Auch einflussreiche Griechen lassen ihre Stars fallen. "Es ist eine Schande für Griechenland", sagte Staatspräsident Konstantinos Stefanopoulos. Das Justizministerium soll inzwischen sogar erwägen, die gestrauchelten Läufer wegen "Verunglimpfung des Landes" anklagen zu lassen.

Die einstigen Idole sind gerade dabei, sich selbst komplett zu demontieren. Kenteris ließ sich im Krankenbett filmen, mit Halskrause und theatralisch leidend. Die Liebe seiner Landsleute wird er damit nicht zurückgewinnen. Kenteris und Thanou haben mit ihren Geschichten die Griechen vor aller Welt lächerlich gemacht. Das verzeiht man auch Helden nicht.

Kann gut sein, dass diese Affäre bei den meisten Griechen das letzte Fünkchen Begeisterung für die Spiele ausgeblasen hat. Nicht, dass das Feuer allzusehr gelodert hätte. Zwar haben in Athen viele Cafés und Bars Fernseher aufgestellt - aber es sind zu wenige Menschen in der Stadt, als dass sich olympisches Flair entwickeln könnte. Im August ist die Stadt traditionell von den Griechen verlassen, sie flüchten auf die Inseln, in ihre Heimatdörfer. Diejenigen, die daheim geblieben sind, haben Angst vor Anschlägen - und äußern dennoch Unverständnis über die Überwachung. Griechenland ist arabienfreundlich und antiamerikanisch, man fühlte sich nicht im Fokus - bis der Terror nach Europa kam.

Athen, das sind die ersten Sommerspiele nach dem 11. September, die ersten seit den Anschlägen von Madrid. Faszinierenden Sport, den bietet Athen - auch, weil die Athleten begeistert sind von den Anlagen. Olympia ist aber auch das Fest der Völker. Das findet nicht statt. Es sind viele Weltmeisterschaften, die parallel laufen, doch es gibt keinen Ort, an dem ein Herz schlägt. Der Olympiapark? Brütet tagsüber vor sich hin, nachts ist er leer.

Auch in Sydney und Salt Lake City gab es strikte Sicherheitsvorkehrungen, die Polizisten waren dort sogar rabiater. Aber Salt Lake war Winter. Und in Sydney trafen sich die Menschen am Martin Place oder eben am Darling Harbour und feierten zu Tausenden vor großen Leinwänden. Die fehlen in Athen.

Es gibt da ein paar Zahlen, die klingeln einem richtig in den Ohren: 70 000 Sicherheitskräfte von Polizei und Militär, fast an jeder Kreuzung steht ein Uniformierter; vor der Küste patrouillieren 51 Kriegsschiffe der Marine; Froschmänner sind im Einsatz, Unterwassersensoren; den Luftraum überwachen Awacs-Flugzeuge. 1000 Kameras und Mikrofone sind in der Stadt verteilt, und am Himmel kreist ein Zeppelin, der Handy-Gespräche abhört und derart gestochen scharfe Bilder liefert, dass neulich ein Polizist verwarnt wurde, der im Dienst seine Mütze nicht trug. Nichts wird übersehen. Wirklich nichts? "Sunday Mirror"-Reporter Bob Graham behauptet, er habe unbemerkt Bombenattrappen ins Olympiastadion geschmuggelt. Akkreditiert als Robert bin Laden. Die Griechen fühlten sich mal wieder provoziert.

"Griechenland ist das sicherste Land der Welt", versichert Ioannis Lambropoulos, der stellvertretende Verteidigungsminister. Leicht genervt. Hat die Regierung doch 1,2 Milliarden Euro für die Sicherheit ausgegeben, das ist viermal so viel wie in Sydney. Wie der Staat das finanziert? Weiß noch keiner so recht. Den anderen Preis bezahlen die Zuschauer: Es gibt keine Verbrüderung, keine Spontaneität, keine Euphorie.

Mitunter fragt man sich: Wen be- oder überwachen die eigentlich? Beim Radrennen um die Akropolis ist Athens Zentrum ausgestorben wie eine Kleinstadt-Fußgängerzone am Sonntag. Die City ist für den Verkehr großräumig gesperrt. Die Läden sind zwar offen, aber die Verkäufer stehen aus lauter Langeweile rauchend davor; auf den Straßen niemand zu sehen. Für potenzielle Touristen waren die unfassbaren Hotelpreise schon mal ein wirksames Abschreckungskonzept. Und den paar Leutchen, die sich doch in die Plaka und nach Monastiraki verirren, mutet man mit Barrieren und Zäunen absurde Umwege durch diese Steinwüste zu, bei 38 Grad im Schatten. Wenig Schatten.

Drei Jahre lang, bis zuletzt, erlebten die Athener ihre Stadt als eine einzige Baustelle. Deshalb wirbt Dimitris Charalambis um Verständnis, er ist Politikprofessor an der Athener Uni und als Vizepräsident des Rundfunkrats einer der einflussreichen Intellektuellen des Landes: "Es waren ja nur 25 Prozent der Bevölkerung dafür, die Olympischen Spiele zu veranstalten." Er sagt: "Die Athener werden erst in ein paar Jahren begreifen, was ihnen diese Spiele gebracht haben. Das ist wie in Ost-Berlin sechs, sieben Jahre nach Fall der Mauer - kaum, dass die Baustellen weg sind, entdecken die Menschen ihre Stadt neu."

So viel Geduld hat das IOC nicht. Nach Tagen halb leerer Arenen erhöhte es den Druck. Gerüchte machten die Runde, dass Soldaten in Zivil, wie einst 1988 in Seoul, die Ränge füllen sollen. Wird schon noch, beteuern die Veranstalter. Dabei entsteht die Stimmung der Spiele stets zu Beginn - oder auch gar nicht.

Rüdiger Barth/Markus Götting

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