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Olympia: Der Mythos lebt

An diesem Wochenende beginnen die Spiele von Athen. Olympia kehrt zurück in seine Heimat, 2800 Jahre nach den ersten Wettkämpfen. Für den stern inszenierte der Fotokünstler Thomas Herbrich deutsche Athleten als Heroen und Götter des antiken Griechenland - eine Hommage an die Gastgeber

Christian Ewers

Die Augen fieberrot, die Stimme nur noch ein Krächzen, und die Nase tropft. Doch der Wille ist stärker als die Sommergrippe. "Jungs", sagt Thomas Herbrich und hustet, "jetzt mach ich das allerletzte Bild!" Doch allerletzte Bilder gibt es viele an diesem Nachmittag in Halle 9 der Sporthochschule Köln. Herbrich hat immer etwas zu mäkeln. Mal stört ihn, dass Daniel Stephan in die Kamera grinst, mal steht Markus Baur nicht breitbeinig genug, und Volker Zerbe, 2,11 Meter groß, soll sich bitte schön ducken, damit mehr als sein Hals aufs Foto kommt.

Knapp zwei Stunden geht das so. Dann verstummt das Surren der acht Blitzgeneratoren, und auch Thomas Herbrich wird leise. "Danke schön", flüstert er ermattet. "War wunderbar mit euch. Macht's gut." Kapitän Markus Baur und die anderen Handballer der deutschen Nationalmannschaft wollen aber nicht gleich gehen. Wie um eine Taktiktafel hocken sie um Herbrichs Laptop, der in der Hallenmitte steht. Hier sind alle Fotos digital gespeichert, und Herbrich tut den Spielern den Gefallen und klickt ein Bild nach dem anderen auf den Bildschirm. Zu sehen sind: 19 Männer, halbnackt, nur mit einem Lendenschurz oder Tanga bekleidet, die ein Seil in der Hand halten. "Und dafür stehen wir uns die Füße platt?", sagt Markus Baur, der Spielmacher. "Ist das alles?" Nein, das ist nicht alles. Noch lange nicht. Bloß, man muss viel Geduld haben mit Thomas Herbrich, dem 48 Jahre alten Fotokünstler aus Düsseldorf. Seine Bilder entstehen nicht in einer fünfhundertstel Sekunde. Sie brauchen Wochen, manchmal sogar Monate. Fotos sind für ihn nur eine Art Rohstoff. Ein Marmorblock, den es zu behauen und zu schmirgeln gilt.

Und zwar am Computer. Hier will Herbrich die Idee des stern umsetzen, deutsche Olympia-Teilnehmer als griechische Heroen und Götter zu inszenieren und so dem Gastgeberland der Sommerspiele eine Hommage zu erweisen. Die virtuellen Welten des Thomas Herbrich entstehen allerdings nicht allein per Doppelklick. Die Bildbearbeitung, das kunstvolle Vermengen vieler Fotos zu einem großen Gemälde, mag der kreative Höhepunkt sein - doch möglich gemacht hat den Schöpferakt erst klassische Handwerkskunst.

In der Werkstatt von Herbrichs Fotostudio hockt der Requisitenbauer Nils Carstensen. Eingerahmt von Kanthölzern und Metallrohren, bastelt er kleine Modelle, die erst fotografiert und dann am Bildschirm ins Gigantische vergrößert werden. Gerade leimt Carstensen einen Gaul zusammen, etwa einen Meter hoch, nicht schwerer als eine leere Kiste Bier: das später riesig wirkende Troianische Pferd, das die Handballer, angefeuert von Odysseus alias Markus Baur, ziehen werden.

Das hölzerne Ross zu basteln ist eine vergleichsweise einfache Aufgabe für Carstensen. Aber woher braune Greifvogelfedern nehmen für die Flügel von Ikaros× Tim Lobinger? Und wie lässt sich die Knetgummischlange, die Apollon Dennis Leyckes erlegt, zum Bluten bringen?

Für solche Herausforderungen gibt es Herbrichs Bruder Marcus, einen hartnäckigen Rechercheur und cleveren Improvisator. In einem österreichischen Naturkundemuseum spürte Marcus Herbrich eine ausgestopfte Großtrappe auf, die von der Wand gefallen war. Die Schwingen hatten den Sturz glücklicherweise unbeschadet überstanden; der Vogel wurde zerlegt nach Düsseldorf geschickt. Im Fall der Blut spritzenden Python genügte ein Gang zum Küchenschrank. Aus Ketchup und eingelegten Pilzen mixte Marcus Herbrich eine glibberige Paste. Die schmierte er auf ein Trampolin, schlug von unten gegen das Sprungtuch, und Bruder Thomas fotografierte die rote Fontäne.

Die Produktionscrew wechselte ständig zwischen Hausfrauentrick und Hollywood-Produktion. Der mondbeschienene Weiher zum Beispiel, auf dem Leda Ditte Kotzian in einer Muschel schwimmt, ist im Original der Düsseldorfer Schwanenspiegel. Dessen Oberfläche reflektiert jedoch keine liebliche Landschaft, sondern die oberen Stockwerke der umliegenden Hochhäuser. Herbrich wartete mit der Aufnahme so lange, bis ein Windstoß Wasser und Spiegelung erzittern ließ. Wesentlich aufwendiger war dagegen die Konstruktion der Muschel. Nils Carstensen versuchte, mit Maschendraht die geriffelte Oberfläche einer Karibikmuschel zu kopieren. Nach vier Tagen feinfühligen Biegens sah das 60 Zentimeter große Drahtgeflecht noch immer recht grob aus. Carstensen überzog den Rohbau erst mit Verbänden, dann vollständig mit Gips. Es folgten nach dem Trocknen noch mehrere Schleifgänge und schließlich die Verzierung mit grau-weißer Farbe aus der Airbrush. "Für das Material habe ich zwar nur 50 Euro ausgegeben", sagt Carstensen, dem am Schluss die Finger schmerzten, "aber die Muschel hat mich zehn Tage und so manche Nachtschicht gekostet. Ich bin zum Leidwesen meiner Familie ein Perfektionist."

Weniger Zeit, dafür eine Menge Geld forderte die Hintergrundaufnahme für das Ikaros-Bild. Fotograf Herbrich charterte eine Propellermaschine und flog von Osnabrück Richtung Nordsee, um bei hohem Sonnenstand Wattewölkchen an stahlblauem Himmel zu fotografieren. Kein Wunder, dass ein Bild aus dem Hause Herbrich auch mal 60 000 Euro kosten kann. Mit der Produktion der stern-Fotos war Herbrich insgesamt viereinhalb Monate beschäftigt; er lichtete 31 Olympiateilnehmer an acht Orten ab und fuhr dafür 2500 Kilometer kreuz und quer durch Deutschland.

Herbrichs Karriere begann Ende der 70er Jahre mit einer Ausbildung zum Werbefotografen. Nach der Lehre produzierte er Spezialeffekte für Roland Emmerichs ersten Film "Das Arche-Noah-Prinzip". 1983 machte er sich als Fotokünstler selbstständig. Seit zwei Jahrzehnten nun inszeniert er mit Hilfe von Kamera und Computer Traumwelten - oder erzählt Lügengeschichten, wie seine Kritiker behaupten. Darüber kann Herbrich nur lächeln. Er sagt: "Einem Romanautor wirft auch niemand vor, dass er die Unwahrheit schreibt. Ich bin ein Magier. Die Wirklichkeit können andere besser darstellen als ich." Manchmal jedoch holt ihn die ungeliebte Realität ein. Thomas Herbrich kann zwar Handballer troianische Pferde ziehen lassen und die Fechterin Britta Heidemann alias Daphne in einen Baum verwandeln - doch eine Sommergrippe, die kann auch er nicht per Doppelklick wegzaubern.

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