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Olympia: Ruderer erleiden Totalschaden

Fatale Fehlentscheidungen und katastrophale Leistungen - die deutschen Ruderer steuern nach der historischen Olympia-Pleite in schwerem Fahrwasser. Zum ersten Mal seit 52 Jahren blieben die deutschen Vorzeige-Athleten ohne Gold. Jetzt aber geht der Zoff erst richtig los.

Die dürftige Bilanz mit nur einer Silber- und Bronzemedaille dokumentierte den seit Jahren währenden Niedergang. Selbst Sportdirektor Michael Müller verzichtete am Ende einer pannenreichen Regatta auf die zuletzt übliche Schönfärberei: "Das ist eine bittere Niederlage für unsere Nationalmannschaft. Wir sind nicht mehr die beste Ruder-Nation der Welt."

Unvermögen, Pech und die Erkrankung von insgesamt sechs Sportlern brachten das Team um reichere Beute. Fast im Minutentakt platzten Medaillenträume. Von einem Ergebnis wie in Athen, wo der Deutsche Ruderverband (DRV) mit je zweimal Gold und Silber noch im Soll geblieben war, können alle Beteiligten derzeit nur träumen. Selbst in Athletenkreisen regte sich Kritik. "Beim DRV ist der Wurm drin. Von Zufällen oder fehlendem Glück kann man nicht sprechen", befand Berit Carow (Hamburg) aus dem leichten Doppelzweier.

Tränen wegen Bronze

Selbst auf den Frauen-Doppelvierer, seit Einführung der Bootsklasse bei den Spielen 1988 von Seoul stets auf dem obersten Treppchen, war kein Verlass. Mit dem dritten Platz blieb der viermaligen Olympiasiegerin Kathrin Boron (Potsdam) der angestrebte goldene Abschluss ihrer großen Karriere verwehrt. Auf dem Weg zur Siegerehrung kämpfte sie gegen die Tränen an, hatte aber schon danach das Lachen wiedergefunden: "Wir hatten uns Gold vorgenommen. Wenn es dann Bronze ist, ist erst einmal eine Enttäuschung da. Aber mit ein bisschen Abstand kommt Freude dazu", sagte die 38-Jährige, die mit ihren Boots-Partnern "ums Überleben gekämpft" hatte.

Fast wäre dem DRV die Diskussion um fehlendes Gold erspart geblieben. Nur eine hundertstel Sekunde trennte Christiane Huth (Potsdam) und Annekatrin Thiele (Leipzig) nach 2000 Metern von einem Sieg. Erst nach der Auswertung des Zielfotos wurde Neuseeland zum Doppelzweier-Sieger erklärt. Eine ähnlich knappe Entscheidung hatte es zuletzt im Skiff-Finale der Frauen 2000 in Sydney gegeben. "Auf den letzten Metern ging es nur noch darum, den Hintern zusammenzukneifen und die Zähne zusammenzubeißen. Ich habe das Ziel nicht gesehen und die Ziel-Hupe nicht gehört", beschrieb Bug-Frau Thiele den hochdramatischen Endspurt.

Kritiker bekommen Oberwasser

Angesichts der bedenklichen Entwicklung bekommen die verbandsinternen Kritiker mehr und mehr Oberwasser. Vor allem die riskante Achter-Umbesetzung nur zwei Monate vor der Abreise erwies sich als Schlag ins Wasser. Die für die Weltmeister von 2006 ins Rennen geschickte junge Crew bescherte dem kriselnden Verband mit dem blamablen letzten Platz einen weiteren kapitalen Imageschaden.

Nicht minder zweifelhaft war die Entscheidung, die beiden Medaillenhoffnungen Lenka Wech und Maren Derlien sowohl im ungesteuerten Zweier als auch im Achter starten zu lassen. Auf den letzten Metern des Zweier-Endlaufs fehlte dem Duo die Kraft, um noch in die Medaillenränge zu rudern. Diesen Einbruch wollte Lech aber nicht als Indiz für eine fehlgeschlagene Doppelstart-Strategie werten: "Wir hatten zwei Tage Pause, das muss ausreichen."

Erfolgreichste Nation in Peking war Großbritannien mit jeweils zweimal Gold, Silber und Bronze. Den hartumkämpften Skiff-Thron bestieg wie 2004 wieder der Norweger Olaf Tufte. Das Einer-Finale der Frauen dominierte die Bulgarin Rumjana Nejkowa, die damit die Nachfolge der nicht mehr aktiven Katrin Rutschow-Stomporowski (Berlin) antrat.

Heinz Büse und Christian Kunz/DPA / DPA

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