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P. Köster: Kabinenpredigt Hertha BSC - große Stadt, kleiner Geist

stern-Stimme Philipp Köster über Hertha BSC nach dem Aus von Trainer Labbadia
Trainer Bruno Labbadia entlassen, der Club taumelt im Abstiegskampf: Möchtegern-"Big City Club" Hertha BSC muss sich auf seine Wurzeln besinnen.
© Sören Stache / DPA / stern
Hunderte Millionen ausgegeben, im Abstiegskampf gelandet. Wie Möchtegern-"Big City Club" Hertha BSC jetzt noch einen Totalschaden vermeiden kann, beschreibt stern-Stimme Philipp Köster.

Es war, wie man im Fußball immer so schön sagt, der allertiefste Tiefpunkt in der jüngeren Geschichte des Berliner Erstligisten Hertha BSC. Gerade hatte sich Coach Bruno Labbadia nach der deprimierenden 1:4-Heimpleite gegen Werder Bremen den Fragen des Fernsehsenders Sky gestellt, da wurde ihm vom investigativ dreinblickenden Moderator im Studio verkündet, laut "Bild"-Schlagzeile sei er bereits entlassen.

Das war einerseits eine Geschmacklosigkeit des Senders, zugleich warf es aber auch ein grelles Licht auf den desaströsen Zustand der Hertha, bei der gerade wie bei kaum einem anderen Klub Ansprüche und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Hier der vom Investor Lars Windhorst leichtfertig herausgeblasene Anspruch, rasch auf Augenhöhe mit Real Madrid, Arsenal oder PSG zu agieren, dort der schmutzige Abstiegskampf in der Bundesliga, inklusive Rausschmiss der beide Funktionäre Bruno Labbadia und Michael Preetz. Und wer sich auf die Suche nach den Gründen für die rasante Talfahrt begibt, fängt am besten ganz oben an.

Investor Windhorst: In Sachen Fußball unbeleckt

Denn all die kühnen Träume von einer neuen Hertha, die schnurstracks in die Liga der etablierten Großklubs aufsteigt, fußen zuallererst auf einem grundlegenden Missverständnis zwischen der Klubführung und dem neuen Investor. Mehr als zwei Jahre ist es nun schon her, dass Lars Windhorst bei der Berliner Hertha eingestiegen ist. Seither ist der schillernde Multimillionär mehr durch visionäre Zielsetzungen als durch profunde Kenntnisse des Fußballgeschäft aufgefallen.

Kleine Anekdote gefällig? Als Lars Windhorst Jürgen Klinsmann als Hertha-Aufsichtsrat installierte, reagierte ein Hertha-Funktionär zunächst perplex. Daraufhin soll Windhorst erstaunt zurückgegeben haben: "Ach, Sie kennen ihn?" Geschichten wie diese nährten zunächst die Illusion der Berliner, mit Windhorst den perfekten Investor gefunden zu haben. Stinkreich und profitorientiert, aber so weit vom Profifußball entfernt, dass die Funktionäre ungestört agieren können.

Hertha BSC: Entscheidungen ohne Sinn

Tatsächlich aber bestimmt der Investor seit seinem Einstieg die Agenda des Klubs. Nicht durch krude Personalien wie etwa die Berufung des mit viel querulatorischen Potenzial ausgestatteten Ex-Keepers Jens Lehmann als Klinsmann-Nachfolger in den Aufsichtsrat. Stattdessen hat die öffentlich und intern immer wieder formulierte Anspruchshaltung seitens des Investors einen hektischen und bis heute nicht gebändigten Aktionismus im Klub ausgelöst. Keine der in den letzten zwei Jahren getroffenen Entscheidungen auf sportlichem Feld hatte Substanz, eine nachvollziehbare Struktur oder passte in den Masterplan der Hertha. Weder die spektakuläre Verpflichtung von Jürgen Klinsmann, der weniger an den Berliner Verhältnissen als an seiner eigenen Hybris scheiterte, noch die Verpflichtung von Bruno Labbadia, dessen Stärken bekanntermaßen in der Stabilisierung kriselnder Mannschaften liegt und nicht in der Entwicklung einer Spitzenmannschaft, machten Sinn.

Wie sehr die Hertha-Führung im Bann des Investors agiert, zeigen die eher unbeholfenen Abgrenzungsbemühungen. Als Jens Lehmann vorgestellt wurde, stellte Hertha-Präsident Werner Gegenbauer in einer hart am Rande der Unhöflichkeit navigierenden Tonlage klar, Lehmann spreche als Berater lediglich "über und nicht für Hertha". Und als Preetz und Labbadia gefeuert wurden, hieß es gleich, darüber habe allein die Klubführung und nicht Lars Windhorst befunden. 

Salomon Kalou zeigt Trainingsabläufe in Facebook-Live-Video.

Wo will der Verein denn nun hin?

Schlimmer noch als dieser Dauerkonflikt ist jedoch, dass in all diesen Abgrenzungskämpfen vollkommen aus dem Blick geraten ist, wo die Hertha eigentlich mittelfristig hin will. Klar ist ja, dass der Klub sein Potenzial als größter Verein einer Millionenstadt nicht annähernd ausschöpft, und dass die Hertha nicht einmal ansatzweise von der flirrenden globalen Projektionsfläche, die Berlin inzwischen nun mal ist, profitiert. Dieses vielbeschworene Potenzial zu aktivieren, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte immer mal wieder versucht worden -  jedoch stets mit untauglichen Mitteln und Zielsetzungen.

In den Neunzigern wollte Dieter Hoeneß unter dem Motto "Play berlin" die Hertha zu einer fußballerischen Disney-Variante umgestalten, kürzlich hatte der Klub mit etwas schwachbrüstigen Startup-Slogans wie "Die Zukunft gehört Berlin" versucht, die jüngere Klientel der Zugezogenen zu begeistern.

Hertha muss wieder "People's Club" sein

Dabei liegt das Potenzial ganz woanders, nämlich darin, was die Engländer einen "People's Club" nennen. Das nämlich ist die Hertha immer gewesen, ein Klub des einfachen Volkes. Schon in den dreißiger Jahren, als zigtausende Anhänger Hanne Sobek auf Schultern durch die Friedrichstraße trugen. In den Sechzigern, als sich die Anhänger aus dem Osten direkt an der Mauer versammelten, um die Torschreie der Hertha im Stadion am Gesundbrunnen zu hören. Und auch noch in der Gegenwart, da trotz des teilweise unerträglichen Gekickes stets rund 50.000 Zuschauer zur Hertha ins Olympiastadion kamen. Darin, in der dauerhaften Nähe zum Publikum, im respektvollen Dialog mit den Anhängern, in der ernsthaften Pflege der Tradition und in der Neugier auf Neues liegt die eigentliche Kraft des Klubs.

Das alles freizulegen und nutzbar zu machen, ist eine Mammutaufgabe. Sie zu bewältigen, würde Hertha zu dem machen, was Lars Windhorst sicher ganz anders gemeint hat: zu einem wirklichen "Big City Club".

dho

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