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Olympische Schlaglichter: Coca-Cola oder Menschenrechte?

Entfernt von den Ursprüngen haben sich die Spiele vor allem durch ihren wichtigsten Treibstoff: Geld. Das IOC taktiert mit Großsponsoren ebenso wie mit Diktaturen, auch vor dem Risiko, weitere Glaubwürdigkeit einzubüßen. Der letzte Teil der stern.de-Serie über die Hintergründe der Olympischen Spiele.

Von Nico Stankewitz

Die Kommerzialisierung der Olympischen Spiele mag man beklagen oder bejubeln, aber längst ist das Ideal von der "Jugend der Welt" im sportlichen Wettstreit durch kommerzielle Interessen in ein anderes Licht gerückt worden. Die Spiele sind eine gigantische Gelddruckmaschine geworden, es geht um Stars, Logos und Verträge. Beschleunigt und potenziert wurde diese Entwicklung durch die offizielle Zulassung von Profis, die auf dem Kongress in Baden-Baden 1981 durch die Abschaffung des Amateurstatuts möglich geworden war. Tennis war in Seoul 1988 einer der Vorreiter, das "Dream Team" mit den besten Basketballspielern aus der NBA sorgte 1992 für eine vorher unbekannte Dimension von globalem Marketing bei Olympia.

Spiele im Coke-Hauptquartier

Den nächsten Schritt tat dann der Hauptsponsor der Spiele, ein Getränkehersteller aus dem amerikanischen Bundesstaat Georgia, als er das IOC bewog, die Spiele im Jahre 1996 am Firmenhauptsitz in Atlanta stattfinden zu lassen, ein in der Geschichte der Spiele fast beispielloser Vorgang, der die Bezeichnung "Coca-Cola-Spiele" hervorbrachte. Auch unter dem Gesichtspunkt der Vermarktung von neuen Sportarten brachte Atlanta neue Erkenntnisse, als der Fernsehsender NBC "Beachvolleyball" im olympischen Programm unterbrachte und selber am meisten von der darauf einsetzenden Professionalisierung der vormaligen Fun-Sportart profitierte - NBC hatte sich schon vorher für kleines Geld die Senderechte an dieser Sportart komplett gesichert.

Das kommerzielle Interesse an den Spielen wächst weiter, Olympia-Sponsoren bezahlen immer mehr, Olympia-Kollektionen der verschiedensten Produktlinien entstehen, schon Monate im voraus steigert sich die Hysterie hin zum zweijährlichen Höhepunkt im Sportgeschäft. Eine erhebliche und wachsende Rolle in diesem Business fällt eben auch den Veranstaltern zu. War es zunächst vor allem bei den Winterspielen leicht nachvollziehbares Interesse, da diese Wintersportorte in den Folgejahren deutlich besser besucht wurden, war spätestens mit Berlin 1936 deutlich, welch machtvolles Propagandainstrument Sommerspiele sein konnten. So war die Mehrzahl der folgenden Spiele klar mit politischen Botschaften verknüpft und wurde überwiegend staatlich finanziert. Dabei gab es durchaus positive Erscheinungen wie Barcelona 1992, wo sich Katalonien und das Spanien der Post-Franco-Ära freundlich präsentierten, aber auch düstere Seiten wie Mexiko 1968 oder Seoul 1988, wo Menschenrechtsverletzungen weggefeiert und unter den Teppich gekehrt wurden.

Abenteuer Peking

Die Entscheidung für Peking fiel 2001 und ist in fast jeder Hinsicht als abenteuerlich zu bezeichnen, denn neben den offensichtlichen politischen Bedenken - Unterdrückung anderer Völker, keine Meinungs- und Pressefreiheit, keine Demokratie, Unterdrückung der Menschenrechte durch die herrschende kommunistische Partei und das Politbüro - war schon damals absehbar, dass durch den massiven Raubbau an der Natur, die Umweltverschmutzung und die Belastung der Luft so stark wäre, dass die Bedingungen im August für die Sportler fast unzumutbar sein würden - was sich allerdings seitdem noch deutlich verschlechtert hat.

Das IOC selber hat sich zwar verändert, ist transparenter geworden und die schlimmsten Auswüchse der Korruption wurden eingedämmt, die Vergabepraxis der Spiele ist aber fragwürdig wie ich und je. Zwar fiel die Entscheidung für Peking noch unter der Ägide seines höchst umstrittenen Vorgängers Juan Antonio Samaranch, der wegen seiner guten Kontakte zur Franco-Diktatur nicht nur in Spanien, aber Nachfolger Jaques Rogge hat sich in den ersten sieben Jahren seiner Amtszeit auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Winterspiele in den Subtropen

So ist die Entscheidung für die Austragung der Winterspiele 2014 in Vladimir Putins bevorzugten Urlaubsort Sotchi ähnlich fragwürdig, denn das Urlaubsparadies an der russischen Schwarzmeerküste hat subtropisches (!) Klima und bisher keine Wintersporteinrichtungen aufzuweisen. Ein Budget von 12 Milliarden Euro soll zur Verfügung stehen, um unmittelbar am Strand eine Siedlung mit olympischem Dorf und Eishallen zu errichten, die Ski- und Bobwettbewerbe sollen im 50 Kilometer entfernten Kaukasus-Ort Krasnaja Polana stattfinden, wo bisher auch keine ausreichende Infrastruktur zur Verfügung steht. Für Sotchi ist es ein Konjunkturprogramm, ökologisch bedenklich ist es aber in jedem Fall.

Noch ein PR-Desaster?

Die politische Situation in Russland lässt eine Wiederholung des PR-Desasters von Peking wahrscheinlich erscheinen, auch in Russland werden Menschenrechte konsequent missachtet und Minderheiten mit militärischen Mitteln unterdrückt, die Vergabe ist ähnlich fragwürdig, wie es 2001 der Fall war. Eine besonders schwache Figur machen Rogge und das IOC in der Einschätzung zur aktuellen Situation in Peking, wo nicht nur die Situation in China und Tibet konsequent ignoriert und schöngeredet wird, sondern auch bedenkliche Tendenzen wie die Internetzensur für ausländische Journalisten verteidigt und akzeptiert werden. Die "Öffnung durch Olympia", die sich das IOC auf die Fahnen geschrieben hatte, hat bisher nicht stattgefunden und dürfte sich wohl als Illusion heraus stellen. Am Ende des Tages muss das IOC sehr aufpassen, dass das Abrücken von den olympischen Idealen nicht bald die Spiele selber beschädigt, denn dann dürften sich auch Sponsoren zurück ziehen und die "große Geldmaschine" könnte eines Tages still stehen.

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