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Rudern: Dicke Luft im Ruderlager

Häme, Polemik, Schuldzuweisungen - im Deutschen Ruderverband (DRV) schlagen die Wellen hoch. Nach der Havarie des Deutschland-Achters im olympischen Hoffnungslauf wird der Ruf nach personellen Konsequenzen immer lauter. Und zu allem Überfluss setzte sich in Peking das deutsche Ruder-Debakel fort.

Erst das Desaster des Deutschland-Achters, und nun auch noch das Ausscheiden von Marcel Hacker im Einer, der "Königsklasse" bei Olympia, sowie das Aus des Frauen-Achters: Schon vor den Finalrennen am Wochenende steht die Spitze des Deutschen Ruderverbands (DRV) massiv in der Kritik. Selbst eine passable Medaillen-Ausbeute der restlichen DRV-Boote auf der Regattastrecke im Shunyi-Park kann den entstandenen Imageschaden nach Einschätzung von Roland Baar nicht mehr beheben: "Der Rudersport in unserem Land lebt nun einmal vom Deutschland- Achter. Und da sind wir weit entfernt von den Erfolgen alter Tage", klagte der einstige Schlagmann des Achters.

Erste Versuche der Verbandsspitze, den Schiffbruch schönzureden und der erst vor zwei Monaten zusammengestellten Crew einen starken Auftritt zu attestieren, wertete Baar als "Farce und blanken Unsinn": "Das Geschehen von Peking muss personelle Konsequenzen haben. Aber es fehlt im Verband an Bereitschaft, die Situation zu analysieren."

Baar steht mit seiner Kritik nicht allein da. Am Tag nach dem peinlichen Aus wurden harsche Kommentare aus dem fernen Deutschland laut. "Der Posten des Sportdirektors Michael Müller muss als Konsequenz des schlechten sportlichen Abschneidens bei den Spielen neu besetzt werden. Auch die Verbandsspitze um Präsident Siegfried Kaidel muss zurücktreten", forderte der ausgebootete Achter-Ruderer Jörg Dießner im Gespräch mit stern.de.

Debatte um Ausscheidungsrennen

Vor allem die Weigerung der DRV-Führung, für ein Vergleichsrennen zwischen der alten und der neuen Crew beim Weltcup-Finale in Posen zu sorgen, stand einmal mehr zur Diskussion. Den Wunsch der Anfang Juni aus dem Olympia-Kader gestrichenen Weltmeister von 2006 hatte Sportdirektor Michael Müller ignoriert und damit zu einer Lagerbildung zwischen Alt und Jung beigetragen. "Der Sieger dieses Rennens hätte sich ohne ständigen Gegenwind auf die Olympischen Spiele vorbereiten können. Das hätte enorme psychologische Vorteile gehabt", urteilte Baar.

Dießner schildert die Situation gegenüber stern.de so: "Unser Argument war: Wenn die neue Mannschaft gewinnt, dann sind sie nicht angreifbar, sondern konkurrenzfähig. Sie haben dann einen Maßstab, weil sie den Weltmeister von 2006 geschlagen haben. Diesen Vorschlag lehnte Sportdirektor Michael Müller ab. Seine Begründung: Der Zeitpunkt, so kurz vor Olympia, wäre zu kurzfristig."

Genau wie das einstige IOC-Mitglied Baar sieht auch DOSB-Sportdirektor Bernhard Schwank Renovierungsbedarf. "Wir werden den DRV fragen, wie das Konzept für den Deutschland-Achter künftig aussieht", kündigte er an. Erste Änderungen sind bereits in Arbeit. Schon bald soll ein neuer Cheftrainer vorgestellt werden, der in allen vier Riemen- und Skull-Bereichen das Sagen hat. "Mit zwei Kandidaten haben wir bereits geredet, das Gespräch mit einem dritten steht noch aus", berichtete Verbandspräsident Kaidel.

DPA/kng / DPA

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