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China: Das menschliche Antlitz

Sieben Monate lang reisten die Fotografen Mathias Braschler und Monika Fischer mehr als 30.000 Kilometer durch das Land. Mit den Porträts, die dabei entstanden, werden aus der Masse der Chinesen Menschen in all ihrer Einzigartigkeit.

Von Franziska Reich

Shenzhen, Provinz Guangdong,
Dezember 2007

Die Wohnung so klein, so stickig. In der Diele steht ein Herd, der Fernseher läuft. Xia Lan sitzt da und guckt chinesische Soap-Serien. Sie ist 20 Jahre alt. Sagt sie. Ein Mädchen aus der Provinz, mit Hello- Kitty-Slip und großen Träumen, und manchmal flüstert sie und kichert mit den anderen vier Mädchen. Wenn die Zuhälterin einen Freier von der Straße bringt, dann mustert er sie, eine nach der anderen, und dann nimmt er sie - ja sie, die Süße da vorn. Sie reicht ihm ein Badetuch und verschwindet mit ihm im Zimmer, eine halbe Stunde lang, und kommt heraus und duscht und setzt sich wieder brav auf die Bank und schaut weiter chinesische Soaps.

In den Wohnungen hier, in diesen tristen Blöcken, kosten die Mädchen 15 Euro. Xia Lan träumt davon, eines Tages in den Gassen der Altstadt zu arbeiten, in einem der unzähligen Häuschen, in denen die Nutten in Schaufenstern sitzen und doppelt so viel verdienen. Es ist der Traum eines Mädchens vom Lande im Meer der Zehntausenden Prostituierten im Neun- Millionen-Moloch Shenzhen.

Ein Schicksal aus der Masse der 1,3 Milliarden Chinesen. Danach haben die beiden Schweizer Fotografen Monika Fischer und Mathias Braschler gesucht. Nach der Gestalt des Einzelnen in einer Gesellschaft, in der der Einzelne so wenig zählt.

Xia Lan haben sie an einem schwülen Tag im Dezember gefunden. In China gibt es offiziell keine Prostitution. In China ist Prostitution sogar streng verboten. Ein Mittelsmann mit guten Kontakten brachte die Fotografen in den tristen Wohnblock. Sie wissen, dass es eine heikle Aktion ist, sie sind schon für weniger festgenommen worden. Stehlen sich mit der Ausrüstung in den Aufzug. Nervös. Ein wenig beklommen. Doch Xia Lan und die anderen Mädchen freuen sich so sehr über den Besuch der Fremden, dass auch Braschler und Fischer die Scheu verlieren. Sie bauen die Blitzanlage auf und beginnen mit den Aufnahmen. Xia Lan mit laszivem Mündchen. Xia Lan in den heißen Posen der Porno- Sternchen, die sie schon Hunderte Male vor dem Spiegel geübt hat.

Vor einem Jahr haben sich Monika Fischer und Mathias Braschler auf die Reise ins Reich der Mitte gemacht. Ein Jahr, bevor die Welt auf die Olympischen Spiele in China schaut. Eine Reise quer durch dieses mächtige Land. Zwischen Kommunismus und Kapitalismus, zwischen neu und alt, zwischen Arm und Reich, zwischen allen Klischees. Während ihrer siebenmonatigen Reise legen Fischer und Braschler mit dem silbernen Jeep und ihrem chinesischen Assistenten Yuan 31 400 Kilometer auf sechsspurigen Autobahnen, holprigsten Pisten und Matschwegen zurück. Sie benutzen einen mongolischen Schweinepferch als Toilette und waschen ihre Kleider in Hotelwaschbecken. Sie werden unzählige Male krank. Sie bereisen 30 von 33 Provinzen, selbstständigen Städten und autonomen Regionen Chinas, darunter Hongkong und Macau, die einen Sonderstatus haben. Sie überqueren zehnmal den Gelben Fluss und porträtieren 172 Menschen.

Xinmin, Provinz Liaoning,
August 2007

Es ist schon später Nachmittag, als Monika Fischer und Mathias Braschler in Xinmin, einer kleinen, schmutzigen Stadt in der armen Provinz Liaoning, ankommen. Früher, vor der kapitalistischen Wende der 90er Jahre, arbeiteten die Menschen in riesigen Staatsbetrieben. Heute sind die meisten dieser Betriebe bankrott, und die Menschen halten sich als Tagelöhner und Wanderarbeiter über Wasser. Fremden begegnen sie mit Misstrauen.

Die Fotografen sind begeistert vom Licht. Sie sprechen einen Jungen an, der an einem Lastwagen herumschraubt. Chang Han heißt er, 16 Jahre alt, ölverschmiert und freundlich. Und so beginnen sie ihre Arbeit. Innerhalb weniger Minuten versammelt sich eine Menschenmenge, sie wird groß und größer, die Leute beginnen zu diskutieren, leise erst, dann immer lauter, sie schimpfen, ein Polizeiwagen hält, und die beiden Schweizer werden abgeführt.

In der Polizeistation trifft nach und nach die kommunistische Führung von Xinmin ein. Die Fremden werden befragt. Was sie hier machen? Warum sie das machen? Wer ihnen das erlaubt hat? Die beiden erklären wieder und wieder, dass sie durchs Land reisen, um ganz normale Menschen zu fotografieren. Sie zeigen ein kleines Büchlein des chinesischen Außenministeriums, in dem steht, dass ausländische Journalisten das seit Kurzem dürfen. Allmählich merken die Kader von Xinmin, dass sie sich in einer kniffligen Lage befinden. Peking hat befohlen, dass die Olympischen Spiele das strahlende Symbol für das kommende chinesische Jahrhundert der Macht und des Reichtums werden sollen. Bis dahin muss alles perfekt sein. Alles muss glänzen. Da stört diese kleine, blöde Geschichte mit den Journalisten aus dem Westen.

Und so wird die Führung von Xinmin ein wenig freundlicher. Liebenswürdig fast. Man erklärt geduldig, dass es keine gute Idee sei, einen Chinesen zu fotografieren, der schmutzige Kleidung trage. Dass es doch viel Schöneres zu sehen gebe. So geht es stundenlang. Am Abend lädt man die beiden Schweizer zum großen Gelage ein. Man lächelt. Man serviert ihnen Schnaps um Schnaps. Am nächsten Morgen dürfen Monika Fischer und Mathias Braschler mitsamt ihren Filmen die kleine, schmutzige Stadt verlassen.

Es war die erste von drei Festnahmen. Die Fotografen haben keine Angst vor den örtlichen Autoritäten. Am Rande einer Militärzone in der Takla-Makan-Wüste, in der Atomwaffen getestet wurden, schleichen sie sich in ein Hotel - Ausländer dürfen die Region eigentlich nicht besuchen. Am Ende müssen sie Hals über Kopf das Land verlassen, weil die Behörden ihnen die Verlängerung der Visa verweigern. Der chinesische Staat ist übermächtig. Dieses Gefühl begleitet sie auch im entferntesten Winkel des Riesenreichs.

Sie kennen die Ängste und Schwächen des anderen genau, sie sind sich einig, wie weit sie gehen. Seit über 15 Jahren sind Mathias Braschler und Monika Fischer ein Paar. Sie haben sich an der Universität Zürich kennengelernt, in einer Geografievorlesung über die Anden. Sofort verliebt. Er ging nach New York. Sie blieb in Zürich. Sechs Jahre Beziehung über zwei Kontinente hinweg.

Eine Geschichte von Liebe und gemeinsamer Leidenschaft, der Leidenschaft zur Fotografie, die er während eines Ferienjobs bei einem Fotografen entdeckte und sie bei ihm. Wenn sie unterwegs sind, entwickeln sie beide das Bild, das er dann mit der Kamera einfängt. Vor dem US-Wahlkampf 2004 sind sie gemeinsam durch Amerika gereist und haben ganz normale Menschen in ihrer ganz normalen Umgebung fotografiert - eine Porträtsammlung, die von der politischen Spaltung des Landes erzählte. Vor der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland haben sie die Beckhams, Ronaldinhos und Zidanes fotografiert, 30 Stars, fünf Minuten nach dem Abpfiff, verschwitzt und fertig - Bilder, die von Glück und Wut, Enttäuschung und Erschöpfung erzählen.

Fischer und Braschler haben schon schwierige Projekte durchgestanden - doch keines so riesig und schwierig wie China.

Huaxi, Provinz Jiangsu,
Ende November 2007

Sie kommen vom Huang Shan, dem Gelben Gebirge, dem schönsten Chinas. Sie sind noch ganz beseelt von den Hunderten Spitzen im weichen Nebel. Um elf Uhr fahren sie am Haupttor von Huaxi vor, dem reichsten Dorf Chinas. Das schon lange kein Dorf mehr ist. Mehr als 60.000 Menschen leben inzwischen in der abgeschirmten Gemeinde.

Am Tor erwartet sie der Medienbeauftragte. Er wird ihnen drei Tage lang nicht von der Seite weichen. Er wird für sie das Programm abspulen, das jeder Fremde in diesem Dorf verpasst bekommt. Sie wohnen in einer 200-Quadratmeter-Suite mit zwei Bediensteten, einem Kingsize-Bett und zwei güldenen Thronen. Und man zeigt ihnen: ein tolles Krankenhaus. Saubere Fabriken. Brave, zufriedene Bürger, die 1500 Dollar Jahreseinkommen plus 10.000 Dollar Bonus plus 25 000 Dollar in Aktien bekommen. Unvorstellbarer Reichtum, auch wenn die Bewohner 80 Prozent vom Bonus und 95 Prozent der Aktien wieder in die Gemeinde investieren müssen. Huaxi ist nicht nur das reichste Dorf Chinas. Für die kommunistische Führung in Peking ist es das Musterdorf, das verheißt, wie die Menschen der Volksrepublik morgen leben werden. Wohlhabend. Stolz. In hellblauen Reihenhäusern im Stil US-amerikanischer Vororte. Mit Swimmingpool im Garten und Auto in der Garage. Von morgens bis abends von Security und Polizei überwacht. Big Brother.

Die Bewohner werden zwar immer noch Bauern genannt, doch sie sitzen in Büros und arbeiten für die alles beherrschende Familie Wu, während Wanderarbeiter in den Fabriken schuften. Vor 30 Jahren galt Wu Renbao, der greise Patriarch, noch als Kapitalist, als Staatsfeind. Damals wurde er verhaftet. Heute ist er ein gefeierter Held der Volksrepublik, der Milliarden in der Textilund Stahlindustrie macht. Ein bisschen senil geworden, lässt er sich gern im 500er Mercedes durch die Straßen seines Wunderdorfes kutschieren. Sein Sohn Wu Xie'en hat die Führung des Konzerns übernommen. Auch die Wohnung des alten Herrn Wu müssen sich die beiden Fotografen anschauen, alles so klein und bescheiden, und der Medienbeauftragte erklärt ihnen lächelnd: "Herr Wu pflegt einen einfachen Lebensstil, weil er nah bei den Menschen sein will." Huaxi ist ein Gesamtkunstwerk.

Nirgends in China, nicht in der Kohleprovinz Shanxi, wo die weißen Hühner grau und die Menschen krank sind, nicht in Chongqing, dem am schnellsten wachsenden Moloch der Welt, nicht in Shenzhen, der riesigen Stadt der Nutten und Zuhälter - nirgends in China fühlen sich Monika Fischer und Mathias Braschler so unwohl wie in diesem Dorf. Kein Mensch auf der Straße - nur Polizei. Kein Kind auf den Plätzen - nur klinische Stille. Die Überwachung ist total, hat den Alltag durchdrungen, und doch scheint es niemanden zu stören. Familie Wu hat mit den Menschen in Huaxi ein Abkommen geschlossen, ein Abkommen, das die Regierung in Peking mit allen Chinesen schließen will: Macht gegen Wohlstand. So einfach. So perfide genial.

Auf ihrer Reise durch das Reich der Mitte erleben die beiden Schweizer ein Land der Extreme. Die vier Generationen der Bauernfamilie Su im Hinggan-Gebirge, die einen großen Stein an den Traktor gebunden haben, um damit das Korn zu dreschen. Den 70-jährigen Unternehmer Yin Mingshan in Chongqing, der 14 Jahre nach Gründung seiner Motorradproduktion die 14. Fabrik errichtet und im Jahr 930 Millionen Euro Umsatz macht. Den Fensterputzer Zhou Huajian, der vor zwei Jahren noch als Bauer auf den Feldern gearbeitet hat, genau an der Stelle, an der jetzt das China-Mobile- Gebäude in Chongqing steht, dessen unendliche Fensterfläche er heute Tag für Tag putzt. Den Milliardär Xia Yang, laut Visitenkarte Architekt und Besitzer von neun Firmen, der unendlich viel Geld und Energie darauf verwendet, den Elitesport Polo in seinem Land populär zu machen. Die Gynäkologin Zhong Rufang, die im Krankenhaus des Dorfes An'ding Gebärende betreut - und manchmal auch Abtreibungen im siebten Monat vornimmt, weil die Ein-Kind- Politik der Regierung das verlangt.

Die beiden Fotografen holen sie alle vor ihre Kamera, setzen sie in ihrer alltäglichen Umgebung in Szene - manche wie Ikonen der kommunistischen Parteipropaganda, andere verloren, wie aus der Zeit gefallen, aus dieser neuen, harten Zeit.

Kunming, Provinz Yunnan,
November 2007

Unten, 100 Meter den Berg hinab, glitzert grün der See Dian. Groß, so weit das Auge reicht, dieses kräftige Grün. Am Ufer gelblichweißer Schaum, am Himmel eine Seilbahn mit Gondeln. Sie steht still. Weil keiner mehr den Dian-See bewundern will. Weil er ein Symbol der Zerstörung geworden ist.

An diesem Morgen steht Zhang Zhengxiang mit Mathias Braschler und Monika Fischer auf dem Berg und predigt. In China ist er ein berühmter Mann. Sein Erbe hat er für den See geopfert. Er wurde bedroht, er wurde verhaftet, er wurde verprügelt - und schreibt weiter Flugblätter und Briefe an die Regierung. Sie soll den Fabriken verbieten, ihr Abwasser weiter in den See zu leiten. Die Algen wuchern und wuchern und ersticken alles Leben. "Ich bin mit dem See groß geworden. Meine Eltern sind früh gestorben. Seither ist der See meine Mutter. Ich habe ihm mein Leben verschrieben", sagt Zhang Zhengxiang. Er redet sich heiß. An diesem Morgen hält er für die Fremden die Bergpredigt. Ein kleiner Herr mit Aktentasche, befremdlichem Eifer. Und großem Mut.

Auf ihrer langen Reise haben die Schweizer niemanden kennengelernt, der derart furchtlos kämpft. Yuan, der Assistent der Fotografen, meint, viele Chinesen hielten Herrn Zhang für dumm. Er könnte doch ein reicher Mann sein. Stattdessen macht er sich für diesen See kaputt.

Die Umweltzerstörung, der Smog über den Städten, die Ausbreitung der Wüsten, die bröckelnden Berge: Das Ausmaß ist so gigantisch, dass der verzweifelte Kampf von Herrn Zhang die beiden Schweizer irritiert. Jeden Tag haben sie erlebt, dass China ohne zu zögern bereit ist, die Natur für die Wohlstandsgesellschaft zu opfern. Das Land giert nach Rohstoffen. Es fehlt an Diesel. Es fehlt an sauberem Wasser. Lastwagen, überladen mit Kohle, stehen 24 Stunden im Stau. Und Zhang Zhengxiang opfert sein Leben im aussichtslosen Kampf gegen die Gier.

Zürich, Schweiz, Frühling 2008 Ein Diplomat der Schweizer Botschaft hat die 300 Rollen Film der beiden Fotografen sicher aus China herausgebracht. Bis zum letzten Moment hatten sie Sorge, dass ihre Arbeit konfisziert werden könnte.

Sie waren gestartet mit einem unguten Gefühl - dem Gefühl, zu viel zu wagen und zu wenig zu wissen. Sie sind zurückgekehrt mit einem klaren Urteil: dass dieses Land härter ist, als sie sich je vorstellen konnten. Einmal, in Guizhou, trafen sie eine Frau, die an der Autobahn Flaschen sammelte. Die Frau war über 80 Jahre alt. Pro Flasche bekommt sie einen Cent. Davon lebt sie. Rente hat sie nicht, und ihr Sohn, der sie unterstützen sollte, arbeitet als Fahrer für einen Lokalpolitiker. Lohn erhält er, wenn überhaupt, nur nach Lust und Laune seines Chefs.

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