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Olympia: Protestpark wird zum Stasipark

Während der Olympischen Spiele dürften Chinesen für ihre Interessen demonstrieren, hieß es zum Auftakt. Doch die Realität sieht anders aus: In den drei extra dafür ausgewählten Parks ersticken Geheimagenten jeden Protest im Keim.

Von Adrian Geiges, Peking

Zwei Wochen vor der Eröffnungszeremonie kündigte Liu Shaowu, Chef der Sicherheitsabteilung des Pekinger Organisationskomitees der Olympischen Spiele (BOCOG), überraschend an: Während Olympia dürfe in Peking protestiert werden. Nach vorheriger Anmeldung bei der Polizei. Nicht in den Sportstätten und nicht auf der Straße, aber in drei dafür ausgewählten Parks: Ritan-Park, Weltpark des Fengtai-Distrikts, Zizhuyuan-Part des Haidian-Distrikts.

Beginn einer neuen Freiheit in China? Ein schlauer Schachzug, fern von den Olympiabesuchern Demos zuzulassen und damit gleichzeitig einen Vorwand zu haben, sie an anderen Orten der Stadt zu unterdrücken? Manche fragten sich sogar: Werden hier Schauspieler engagiert, um zu belanglosen Themen Schilder in die Luft zu recken oder Parolen zu rufen?

Nichts dergleichen. An den meisten Tagen ist in den Parks gar nichts los. Warum das so ist, zeigen Vorkommnisse im Ritan-Park an einem Tag, an dem es anders kommt. Ein Mann zupft mich am Ärmel: "Sind Sie Journalist? Sie müssen uns helfen!". Plötzlich sind wir von seiner ganzen Familie umgeben. Der dreijährige Xingyang hält ein Schild, auf dem steht: "Die Regierung des Kreises Huimin, Shandong-Provinz, hat illegal das Haus meiner Großmutter verkauft und das Geld weggenommen." Der Großvater zeigt Dokumente zu dem Fall. Da, wo ihr Haus gestanden habe, sei jetzt ein prunkvolles Bankgebäude errichtet worden.

Plötzlich sind die Sicherheitsleute da

In Sekundenschnelle postiert sich um uns ein Dutzend Männer, die meisten von ihnen tragen ihr Haar kurz geschoren, sind muskulös und haben einen kleinen Kopfhörer im Ohr stecken. Manche von ihnen machen Fotos von der protestierenden Familie und uns, andere filmen. Während sich Geheimagenten in anderen Ländern eher unauffällig verhalten, tritt die chinesische Stasi offen auf. Es geht ihr darum einzuschüchtern. Nicht so sehr uns, sondern die Familie aus Shandong und andere, die Protest erwägen. Journalisten können sie nicht viel anhaben, denn Chinas Regierung musste freie Berichterstattung versprechen, um den Zuschlag für die Olympische Spiele zu bekommen. Aber sie wollen bei ihren unzufriedenen Landsleuten Angst erzeugen: Sobald die Journalisten weg sind, geht es euch an den Kragen.

Diese Angst ist begründet. Doch der Großvater sagt: "Sollen sie tun, was sie wollen, ich fürchte mich nicht." Die Stasi-Agenten werfen der Familie vor, sie habe ihren Protest nicht angemeldet. Doch bisher ist noch kein Fall bekannt, in dem ein Antrag dafür genehmigt wurde. Die pensionierte Ärztin Ge Yifei wollte für den Park eine Aktion von 100 Hausbesitzern anmelden, deren Gelände jetzt von einer Immobiliengesellschaft aus Singapur genutzt wird. Sie wurde von Polizisten festgenommen und in ihre Heimatstadt Suzhou zwangsdeportiert. Als sie um die Genehmigung ihres Protests ersuchte, wurde die Pekingerin Zhang Wei verhaftet, deren Haus zerstört worden war, um für Olympiabauten Platz zu schaffen. Genauso ging es dem Anwalt Ji Sizun aus der Fujian-Provinz, der im Park für ein demokratisches China eintreten wollte.

Die Regierung greift hart durch

Dieses Umgehen mit der eigenen Bevölkerung zeigt, wie weit die kommunistischen Machthaber von der Realität entfernt sind. Sie glauben, Proteste während Olympia würden dem Ansehen ihres Landes schaden. Tatsächlich wären sie, wenn geduldet, von der Welt als positives Zeichen einer Öffnung gedeutet werden. Und vor allem von den Chinesen selbst. Ein Lehrer ist extra aus der Nähe von Shanghai angereist, um zu sehen, wie die Regierung mit den Kritikern umgeht. Er ist enttäuscht: "Ich habe befürchtet, dass es so wird."

Die chinesischen Bürger sind sehr viel weiter als ihre Führung. Passanten im Park stellen die Stasi-Männer zur Rede und lassen sich auch nicht einschüchtern, als sie von diesen nach Namen und Wohnort gefragt werden. "Das ist nicht Ihr Park, das ist der Park des Volkes", ruft ein Mann mittleren Alters einem der Spitzel entgegen. Der antwortet wie zu Maos Zeiten: "Ihr Denken hat Probleme."

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