Peking-Skizzen, Teil 7 Selbstgespräche und geheime Botschaften


Eine Taxifahrt ist lustig, eine Taxifahrt ist schön. Vor allem in Peking. Nirgendwo auf der Welt ist dieses Verkehrsmittel so wichtig wie hier. Ganz besonders für einen Journalisten. Die Fahrer und deren Gewohnheiten sind gewöhnungsbedürftig, und schon oft führte ich Gespräche, ohne ein Wort zu sprechen.
Von Jens Fischer, Peking

Kennen Sie das? Oft steigt man in Deutschland in ein Taxi, und der Fahrer spricht während der gesamten Fahrt kein Wort. Meistens ist er schlecht gelaunt und verrichtet stoisch seinen Job. Dass er für seine Dienste Geld bekommt, dass er einen zahlungspflichtigen Service anbietet, merkt man vielen Taxifahrern in Deutschland kaum noch an. Anders hier in Peking.

Besteigt man hier eines der Millionen gold-braunen Gefährte, beginnt zumeist ein großes Abenteuer. Sämtliche Fahrer müssen während der Olympiade Uniform tragen, von oben verordnet, der Seriösität und Konformität wegen. Die Taxifahrer sollen aussehen wie Unternehmer, sollen so wirken, als wären sie sozusagen Geschäftspartner. Aber nicht nur in Sachen Äußeres wurden ihnen für die besonderen drei Wochen einige Vorschriften gemacht.

Werdet ruhig!

Auch ihr Verhalten auf den Straßen und im Taxi gegenüber den Fahrgästen solle sich doch bitte ein klein wenig ändern. Wenn es geht nicht so aufbrausend, nicht so impulsiv, nicht so ruppig. Einfach ein wenig freundlich, mit westlichen Manieren, mit Würde und dem verinnerlichten Wunsch, den Gästen gegenüber doch ein klein wenig devot zu sein. Ein frommes Vorhaben.

Die Realität sieht so aus: Auf den ersten Blick greifen die Anordnungen. Auf den zweiten bricht sie dann doch immer wieder durch, die chinesische Mentalität, die Emotion und das, was für jeden der Fahrer Normalität bedeutet. Die meisten Fahrer wissen, dass wir westliche Journalisten mit ihrem netten und freundlichen chinesischen Geplauder nichts anfangen können. Wir verstehen sie leider einfach nicht. Jede Angabe des Zielortes wird zur Zirkusnummer, ein wildes Gezeige auf der Karte. Meine Fahrer müssen während der Fahrt in meinem Hotel anrufen, um es letztendlich dann hoffentlich zu finden.

Selbstgespräche und Hörspiele

Viele haben aber auch den Zwang zu sprechen. Mein Fahrer gestern verlegte sich auf ein langes Selbstgespräch, war wirklich nett ihm zuzuhören. Nach einer Weile wurde es ihm dann doch zu blöd. Andere greifen zu anderen Maßnahmen der Unterhaltung - und widmen sich einem netten Hörspiel. Wilde Dialoge dröhnen aus den Lautsprechern, und der Fahrer hat seinen Spaß dabei. Naja, warum nicht, verstehe eh kein Wort.

Was den Fahrstil inmitten dieses Verkehrschaos betrifft, benutzen sie gerne und oft die Hupe. Ein Umstand, der sie für mich zu den sogenannten "Italo-Chinesen" werden hat lassen. Immer munter drauf. Platz da, ich bin der Stärkere, einfach mal die Fahrspur wechseln - mal schauen, was passiert. Mir ist alles Recht - Hauptsache ich komme vorwärts.

Harter Job für wenig Geld

Die Taxifahrer haben hier auch wirklich einen harten Job. Meistens schließen sie sich zum einem Kreis von drei bis vier Personen zusammen, um sich ein Auto leisten zu können. Meistens mietweise. Sie fahren Schicht für Schicht. Sehr lange und bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Was am Ende des Monats an Geld übrigbleibt, wird geteilt. Für so etwas braucht man Kraft, Nerven - und jede Menge Glück, diesen Verkehrshorror unfallfrei zu überstehen. Für letzteres tragen sie einen langen Fingernagel. Für die Fahrer ein Glücksbringer, jeder hat sich einen Nagel wachsen lassen.

Und noch etwas ist ihnen wichtig: Ordnung und Sauberkeit. Alle Taxis sind innen top gepflegt, alle Sitze mit bestickten Deckchen überzogen, "my Home, my car". Meistens fühle mich dann auch richtig wohl in einem Taxi auf der Fahrt durch die Olympia-Stadt. Wenn ich doch nur noch einmal mit dem Fahrer richtig reden könnte...


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