US-Dream-Team Poser ohne Teamgeist


Der große Favorit USA hat im mit viel Spannung erwarteten Auftaktspiel gegen China seine Pflicht erfüllt. Die Mannschaft um Superstar Kobe Bryant bezwang die Gastgeber mit 101:70, doch von einem Mannschaftsspiel konnte lange keine Rede sein.
von Mathias Schneider, Peking

Mit Superlativen ist das so eine Sache. Irgendeiner fängt an, und dann verselbstständigt sich der Hype, bis am Ende der Eindruck entsteht, dass die ganze Welt ein Ereignis wie eine messianische Erweckung erwartet. Das am meisten gesehene Basketballspiel soll die Partie zwischen China und den USA gewesen sein, wie kundige Analysten bereits vor dem ersten Wurf errechnet haben wollten. Ausgeschlossen ist das nicht in einem Land mit 1,3 Milliarden potenziellen Zuschauern, und wenn der Gegner Chinas dann noch eine Art Mini-Dream-Team ist, kann die Vorfreude schon mal jede realistische Einordnung der Partie überlagern.

Die USA gegen China also. Ein erster großer Höhepunkt dieser Olympischen Spiele sollte es aus Sicht der Chinesen werden. Was hatten sie diesem Treffen entgegengefiebert! Und dann das: Nach vier mal zehn Minuten stand ein glanzloser 101:70-Pflichtsieg der Amerikaner, ohne Esprit herausgespielt. Begeistern sollten sie, begeistern wollten sie. Am Ende war es ein Spiel, das schon Minuten nach der Partie in den hintersten Räumen der Basketballarchive verschwunden sein dürfte. Der Applaus nach der finalen Sirene verebbte bereits nach Sekunden.

Posterstars mit schmissigen Tatoos

Dabei hätte die Vorfreude auf die NBA-Posterstars mit ihren schmissigen Tattoos bei den Chinesen nicht größer sein können. NBA-Profis erfreuen sich gemeinhin einer außergewöhnlichen Beliebtheit in einem Land, in dem nach Schätzungen 300 Millionen Menschen Basketball spielen. Bereits die Eröffnungsfeier legte Zeugnis ab von der immensen Popularität der langen Kerle mit dem lässigen Gang. Regelrechte Ovationen schlugen Kobe Bryant entgegen, als ihn die Kameras einmal einfingen. Zur offiziellen Begrüßung jubelten die 18.000 in der ausverkauften Halle auch ihrem hünenhaften Landsmann Yao Ming von den Houston Rockets wie einem Rockstar zu. Nur Bryant erhielt mehr Applaus. Der ganz normale Starkult Made in China.

Die Amerikaner waren diesmal allerdings nicht allein ins Reich der Mitte gereist, um ein bisschen Promotion für die Liga auf einem der Boommärkte zu betreiben. Nach peinlichen Auftritten in Athen vor vier Jahren, als mit Mühe eine Bronzemedaille heraussprang, und einer dürftigen WM ist der Ruf der Unverwundbarkeit erst einmal dahin. Die Nachlassverwalter des Dream-Teams von 1992 gelten plötzlich als schlagbar. Nun soll der Ruf mit einer jungen hungrigen Mannschaft wieder aufpoliert werden.

Allein die alten Probleme scheinen die Mannschaft nicht loszulassen. Zwar beeindruckt auch diesmal die individuelle Athletik, welcher in der Vorbereitung kein Team gewachsen war. Doch auch die auf Wiedergutmachung gepolte Auswahl des Jahres 2008 wirkte zunächst eher wie eine Ansammlung von Individualisten, denn wie eine homogene Mannschaft.

Posen von Überheblichkeit

Tötet abermals der Egoismus des Einzelnen jeden Teamgeist? Bereits das Einspielen erfolgte so konzentriert wie ein laues abendliches Miteinander auf irgendeinem Freiplatz in der Bronx. Als die Namen jedes Akteurs verlesen wurden, mochte sich mancher kaum in Bewegung setzen, so gemächlich schritt er in die Feldmitte. Olympia als lästige Pflicht, als Bühne für Posen der Überheblichkeit? Oder sollte es nur Selbstvertrauen suggerieren? Man darf gespannt sein, wie sich diese Mannschaft schlägt, wenn sie auf konzertierten Widerstand gegen Griechenland, Spanien oder auch Deutschland trifft. Diesmal brauchte Amerika noch kein Konzept. Kraft und eine exzellente Verteidigung allein brachten den Sieg. Am Ende, als der Triumph längst zementiert war, fanden auch die Distanzwürfe ihr Ziel. Kein anderes Team verfügt über dermaßen viele hochklassige Einzelspieler. Die US-Boys bleiben der große Favorit. Und doch kann auch diesmal nicht ganz ausgeschlossen werden, dass auch dieses Kollektiv der Superstars sich am Ende wieder selbst im Weg steht.

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