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Olympia: Ski alpin: Défago, der Ski-König

Ihn hatte niemand auf dem Zettel: Erst in letzter Sekunde nominierte die Schweiz Didier Défago für das olympische Rennen. Dann aber raste der Walliser überraschend zu Abfahrts-Gold und düpierte die Konkurrenz.

Von Christian Ewers, Whistler Creekside

Niemand hatte mit ihm gerechnet, selbst seine Trainer nicht. Didier Défago bekam so etwas wie eine wild card für den olympischen Abfahrtslauf, ein Ticket in letzter Sekunde. "Aufgrund guter Trainingseindrücke" schickte der Schweizer Skiverband Défago ins Rennen. "Aufgrund guter Trainingseindrücke" - das klingt, als wäre dieser Défago ein Unbekannter, ein namenloses Talent, dem man mal eine Chance geben will.

Seit Montag ist Didier Défago, geboren in Morgins, Kanton Wallis, ein weltberühmter Abfahrer. Bei den Olympischen Winterspielen gewann der 32-Jährige Gold mit seiner Schussfahrt ins 3,1 Kilometer entfernte Tal von Whistler Creekside. Er schlug sie alle: Den großen Bode Miller verdrängte er auf Platz drei, dem dreifachen Weltmeister Aksel Lund Svindal ließ er nur Platz zwei - dieses Rennen war allein Défagos Rennen. Es war ein seltenenes Erlebnis für den schweigsamen Défago, selbst einmal im Mittelpunkt zu stehen. Er ist fährt schon seit 1996 im Ski-Weltcup, konnte aber erst drei Läufe gewinnen. Zwei davon im Winter 2009, er siegte in Wengen (Schweiz) und auf der Streif in Kitzbühel.

Bode Miller mit spektakulärer Abfahrt

"Auf der Liste mit den schönsten Tagen in meinem Leben kann ich jetzt einen Strich mehr machen", sagte Défago. "Heute hat alles gepasst, endlich."

Wenn es einen Preis gegeben hätte für die beste Show, für die spektakulärste Abfahrt - Bode Miller hätte Gold bekommen. Der US-Amerikaner fuhr ein atemberaubendes Rennen, mit Lust zum Risiko, mit Wut und Biss, nahezu jedem Tor auf der Strecke verpasste er einen Ellenbogen-Check. Er fuhr im oberen Teil eine Linie, die niemand anders fuhr, weil niemand anders sich diese direkte, halsbrecherische Variante traute. Und natürlich hing Miller wieder wie ein nasser Sack auf den Ski, tief der Hintern, die Knie nur etwas angewinkelt, jeder Skilehrer würde bei diesem Anblick die Krise bekommen.

"He has rockets on his feet" rief der Stadionsprecher, als Miller im Zielraum landete, und er hatte Recht. 6000 Menschen bejubelten Millers Flugshow. Er war als Achter gestartet, übernahm die Führung, konnte sie aber nicht lange halten. Miller verlor dieses Mal den Kampf der Systeme: gegen Aksel Lund Svindal, den eleganten Gleiter, und gegen Défago, den brillanten Techniker. Es war eben nicht der Tag für einen Pottsau-Ritt durch den weichen, sonnenwarmen Schnee von Whistler. Doch Miller ließ sich die Laune wegen des verlorenen Rennens nicht vermiesen. "Seit meinem dritten Lebensjahr stelle ich mir die Frage: Was gibt das Skifahren mir? Was nimmt es mir?", sagte er in seiner kleinen Esoterik-Vorlesung nach dem Lauf. "Bis heute kann ich sagen: Es gibt mir viel Energie und Emotionen. Die Bilanz stimmt."

Neureuther als Favorit

Miller, Svindal und Défago werden noch öfter um den schnellsten Weg ins Tal streiten; vier alpine Wettbewerbe stehen noch an: die Super-Kombination, der Super G, der Riesenslalom und am vorletzten Tag der Spiele der Slalom, bei dem der Deutsche Felix Neureuther zu den Favoriten zählt. Miller ließ keine Zweifel daran, dass er noch etwas gewinnen wird bei diesen Spielen. "Ich komme wieder, macht euch keine Sorgen", sagte er, zog seine rote Wollmütze tief in die Stirn und fuhr hinab zum Busparkplatz.

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