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Olympia: Interview mit Markus Wasmeier: "Da fehlt jedes Fingerspitzengefühl"

Der zweimalige Olympiasieger Markus Wasmeier spricht im Interview mit stern.de über mangelnde Unterstützung für Skirennfahrer Felix Neureuther durch den DSV, über die großen Erfolge der Frauen und das Versagen der Österreicher.

Herr Wasmeier, Maria Riesch, Viktoria Rebensburg - die deutschen Skifahrerinnen sind bei den Winterspielen sehr erfolgreich. Sind sie überrascht?
Überrascht bin ich darüber, dass die Mädels ihre besten Leistungen gerade jetzt zeigen, trotz der vielen Widerstände. Die Pisten in Whistler sind weich, die Sicht ist schlecht, und dann dieser gewaltige Druck: Die ganze Welt schaut zu, auch die Erwartungen im eigenen Team sind groß – und dennoch lassen sich die Mädels nicht aus der Ruhe bringen. Kompliment, das ist groß, das zeugt von Charakter!

Von den Männern dagegen hat man noch nicht viel Gutes gehört. Da gibt es nur Felix Neureuther, der am Samstag im Slalom Medaillenchancen hat. Warum ist das alpine Skifahren in Deutschland eine One-Man-Show?
Die Konkurrenz bei den Männern ist international einfach größer. Da schaffen es nur ganz wenige bis nach oben. Und für die Winterspiele hat der Deutsche Olympische Sportbund sehr hohe Qualifikationsnormen festgelegt. Die haben zwei Fahrer erfüllt: Stephan Keppler und der Felix. Zwei Leute, das ist keine Mannschaft, das ist nix. Gerade der Felix bräuchte ein Team um sich herum, das würde ihm gut tun.

Hätte man also mehr Männer mitnehmen sollen – auch wenn diese wohl hinterher gefahren wären?
Felix muss man stützen, er braucht Leute, die ein Strahlen in den Augen haben, die locker sind, dann blüht er auf, dann fährt er sein bestes Ski. Aber was macht der DSV? Alpin-Direktor Wolfgang Maier sagt kurz vor Weihnachten: "Auch ein Felix Neureuther hat seinen Platz im Team nicht sicher, er muss die Quali packen, es gibt keine Ausnahmen!" Da fehlt jedes Fingerspitzengefühl. Felix braucht niemanden, der ihm in den Hintern tritt. Druck macht er sich selbst schon viel zu viel.

Wie schätzen Sie Felix Neureuther ein? Hat er das Zeug, ein großer Skifahrer zu werden?
Absolut. Er fährt einen wahnsinnigen Schwung, er war in den vergangenen Jahren nur etwas wackelig. Zu nervös, zu unsicher. Aber der Sieg in Kitzbühel Anfang dieses Jahres hat ihn stark gemacht. Der Bub ist wie verwandelt. Felix sollte sich aber noch eine zweite Disziplin suchen. Slalom, das reicht nicht. Ein Mal einfädeln, dann ist das ganze Rennwochenende im Eimer, dann bist du 800 Kilometer durch Europa gefahren für nichts. Ich rate Felix, auch auf den Riesenslalom zu setzen, denn da musst du alles aufs Brett bringen: Instinkt, Aggessivität, Tempo, Risikobereitschaft. Slalom ist schön, Riesenslalom ist aber die hohe Schule. Da kannst du es zum wahren Meister bringen.

Sehen Sie bei den Winterspielen einen Trend? Gibt es vielleicht einen neuen Typus Skifahrer, der die Pisten erobert?
Der Trend ist, dass es leider immer weniger Universalisten gibt. Die meisten Skiprofis können heute nur noch auf toll präparierten Pisten fahren. Das sind Autobahnen, steinhart, eisig, schön planiert. Wenn das Wetter aber mal kippt und der Boden unruhig wird, kriegen viele das große Zittern. Seit Jugendzeiten kennen die Fahrer nur optimale Bedingungen, sie wissen gar nicht mehr, wie man sich im Gelände bewegt. Wie das ist, über Stock und Stein zu brettern. Da geht viel Skigefühl verloren.

Ist Bode Miller vielleicht einer der letzten Universalgelehrten? So wild und unorthodox wie er fährt?
Bode? Im Gelände? Na, ich weiß nicht. Der größte Zauberer im ganzen Weltcupzirkus ist Ivica Kostelic, der hier in Whistler Silber in der Super-Kombination geholt hat. Der fährt Pisten runter, in denen die Löcher ein Meter tief sind, und Ivica fährt bei jedem Wetter. Er gibt zwar nicht immer Vollgas, er fährt oft nur, um weich zu bleiben, um ein Gespür für extreme Bedingungen zu bekommen.

Den Österreichern, einst eine Übermacht im alpinen Skiport, scheint das Gespür völlig abhanden gekommen zu sein. Die Männer haben bislang noch keine einzige Medaille gewonnen bei diesen Winterspielen, ähnlich schlecht waren sie vor 26 Jahren in Sarajewo. Wie erklären Sie sich das?
Jetzt rächt sich, dass man so lange an der Generation Maier/Eberharter fest gehalten hat. Beide haben erst mit Mitte dreißig ihre Karriere beendet. Klar, der Hermann und der Stephan waren Weltklasse-Fahrer, keine Frage, aber sie haben vielen Jungen die Chance genommen, sich zu entwickeln. Weil sie einfach immer gesetzt waren. Es gibt tragische Fälle, ich kenne einen Burschen, der war hochtalentiert, aber der ist im zweitklassigen Europacup versauert, der hat dort 200 Rennen gemacht - für nichts. Der Junge ist daran kaputtgegangen. Und jetzt ist es zu spät.

Wenn man die internationale Presse so verfolgt, wird der Absturz der Österreicher mit viel Häme kommentiert...
... das ist unter Aktiven und Trainern nicht anders. Es gibt da eine heimliche Schadenfreude, quer durch alle Nationen, wenn es wieder kein Österreicher auf’s Stockerl geschafft hat. Die sind aber selbst Schuld: Immer protestieren sie, beschweren und beklagen sich, die machen den Günter Hujara (Renndirektor des internationalen Skiverbandes FIS, d. Red.) ganz verrückt. Und jetzt, wo der Erfolg fehlt, wird das zum Problem. Die Österreicher halten den Druck nicht mehr aus, sie wissen um ihren Ruf in der Szene. "Wir gegen den Rest der Welt", solch eine Haltung funktioniert eben nur in guten Zeiten.

Wird es im Team Austria den großen Schnitt geben nach den Winterspielen?
Möglicherweise. Ich bin aber kein Freund radikaler Aktionen, man muss ein Konzept haben und sich nicht beirren lassen. Egal, was draußen los ist. Österreich ohne Medaille bei den Männern - das ist ein Drama in der Heimat, das bedeutet ja eine Staatskrise. Aber, Leute, bleibt’s locker: Es ist nur Skifahren.

Christian Ewers, Whistler

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