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Schwimmsensation: Ye Shiwen - ein Wunderkind?

Der Fabelweltrekord der 16-jährigen Schwimmerin Ye Shiwen bei Olympia wirft Fragen auf. Ist Doping im Spiel oder ist die Chinesin einfach nur unglaublich gut? Ein Erklärungsversuch.

Von Klaus Bellstedt und Lea Wolz

Vielleicht liegt es ja an ihren Händen … Seit Samstagabend rätselt die Sportwelt über den Fabel-Weltrekord der 16-jährigen Chinesin Ye Shiwen. Über die 400 Meter Lagen pflügte sie auf den letzten zwei Bahnen schneller durch das Wasser als die beiden amerikanischen Superstars Michael Phelps und Ryan Lochte in ihrem Lagen-Rennen kurz zuvor. Auf dem Weg zum Weltrekord brachte Ye die letzten 50 Meter Freistil in unglaublichen 28,93 Sekunden hinter sich; 17 Hundertstel schneller als Lochte bei seinem souveränen Sieg. Auf ihrer vorletzten Bahn war sie acht Hundertstel besser als Phelps. Eine junge Frau, im Grunde noch ein Mädchen, schlägt zwei Männer. Wie kann das sein?

Es war klar, dass nach einem derartigen Leistungsanstieg Fragen aufkommen würden. So viel steht fest: Eine fundierte Erklärung wird es nie geben. Nur Ansätze. Dämliche, wie der mit den Händen: Im Kindergartenalter soll Ye ihren Schwimmtrainern tatsächlich wegen ihrer großen Hände aufgefallen sein. Ian Thorpe, dem australischen Star, dichtete man früher immer an, seine großartigen Leistungen im Becken seien auf die langen Füße zurückzuführen. Nett, aber natürlich Quatsch.

China, Schwimmen, Doping

So sucht man weiter. Die Olympiasiegerin selbst äußerte sich nach ihrem Husarenritt durch das Becken des Aquatic Centres so, wie sich ein 16-jähriger Teenager vor der Weltöffentlichkeit äußert: "Wir trainieren in China sehr gut, auf sehr wissenschaftlicher Basis, deswegen haben wir uns so verbessert." Das klang unbeholfen. Vielleicht sogar verdächtig. Denn: "Das müssen natürlich nicht nur Trainingswissenschaften sein", sagt Dopingexperte und Pharmakologe Fritz Sörgel zu stern.de.

China, Schwimmen, Doping, da war doch mal was. Vor knapp zwei Jahrzehnten waren Dutzende Schwimmer aus dem Reich der Mitte bei Doping-Kontrollen aufgeflogen. Danach spielte China einige Jahr keine große Rolle mehr im internationalen Schwimmsport - um dann umso eindrucksvoller zurückzukommen. Sörgel sagt aber auch: "Von der Physiognomie der Sportlerin her deutet eigentlich erst einmal nichts auf Doping hin. Die Schwimmerin hat noch ein nettes Mädchengesicht." So sei auf den Aufnahmen von ihr weder eine Akne erkennbar, ein deutliches Zeichen für einen Anabolika-Missbrauch, noch habe Ye das typische Wachstumshormonkinn.

Größe, Muskeln und Gewicht im optimalen Verhältnis

Den Leistungssprung hält Sörgel dennoch für auffällig. "Sich innerhalb eines Jahres um sieben Sekunden zu verbessern, ist ungewöhnlich." Bei Amateuren sei eine solche Leistungsexplosion noch machbar. "Doch die Chinesin fängt ja nicht bei null an, sondern hat bereits ein hohes Niveau erreicht." Der Experte ist skeptisch. Automatisch auf Doping zu schließen, hält Sörgel trotzdem für verfrüht. "Im chinesischen System werden die Athleten in jungen Jahren ausgewählt und durchlaufen früh ein Hochleistungstraining." Mit 16 Jahren sei Ye Shiwen daher durchaus zu solchen außergewöhnlichen Leistungen fähig, da Größe, Muskeln und Gewicht bei ihr in einem optimalen Verhältnis stehen würden. So wie einst bei Franziska van Almsick. Bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 avancierte das "Schwimm-Küken" mit 14 Jahren zum Wunderkind des gesamtdeutschen Sports. Mit Doping wurde Van Almsick nie in Verbindung gebracht.

John Leonard, Generaldirektor der internationalen und der US-Schwimmtrainervereinigung, äußerte seine Zweifel der englischen Tageszeitung "The Guardian" gegenüber. Als "unglaubwürdig" bezeichnete er die Leistung der 16-Jährigen, ihr Rennen sei "beunruhigend" und wecke "jede Menge schreckliche Erinnerungen" an den Olympiasieg von Michelle Smith in Atlanta 1996 über dieselbe Strecke. Die Irin wurde zwei Jahre später wegen eines Dopingvergehens gesperrt.

Dopingexperte Sörgel mag derlei Verdächtigungen nicht. Zu gerne möchte man ihm glauben. Aber Zweifel bleiben. Weil es China ist. Und weil die junge Schwimmerin am Montag im Vorlauf über die 200 Meter Lagen in 2:08,90 Minuten schon wieder eine unfassbar schnelle Zeit schwamm. Spätestens im Finale am Dienstag dürfte von Ye die nächste Bestmarke angegriffen werden. Und dann geht das Rätseln wieder von vorne los.

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