HOME

Stern Logo Olympia 2012

Tischtennisstar Timo Boll: Auf Kriegsfuß mit Olympia

Zum vierten Mal ist er zum olympischen Einzelwettbewerb an die Tischtennisplatte getreten. Und zum vierten Mal scheiterte er vorzeitig: Timo Boll bleibt ohne olympische Medaille.

Von Cord Sauer

Aufschlag Timo Boll. Der darauffolgende Ballwechsel dauert genau drei Sekunden. In Windeseile schlagen der deutsche Tischtennisstar und sein rumänischer Kontrahent Adrian Crisan im Achtelfinale des Olympia-Einzels die Zelluloid-Kugel über das gespannte Netz – mit ernüchterndem Ende aus deutscher Sicht. Die plötzliche Rückhand des Rumänen ist wuchtig. Zu wuchtig. Boll streckt seinen linken Arm weit von sich und versucht im großen Ausfallschritt zu returnieren. Vergeblich.

Die Sensation war perfekt. Mit seinem ersten Matchball beendete Crisan, die Nummer 27 der Weltrangliste, die Partie völlig überraschend zu seinen Gunsten – und das ungewohnt deutlich. Für Deutschlands besten Spieler an der Platte bleibt eine ernüchternde Einzelbilanz bei Olympischen Spielen: Vier Olympia-Teilnahmen hat der vielfache Europameister und zweimalige Worldcup-Sieger in seiner herausragenden Sportlerkarriere zu verzeichnen, nie reichte es zu einer Medaille. Immerhin, im Teamwettbewerb holte er vor vier Jahren in Peking Silber.

Schwarze Serie beendet den großen Traum

Boll schaute nach der Pleite, durch die seine schwarze Serie bei Olympia um ein neues Kapitel erweitert wurde, traurig drein. "Ich war optimal vorbereitet. Es war eine gewisse Nervosität da, obwohl es meine vierten Sommerspiele sind", bekannte der für Borussia Düsseldorf spielende Hesse.

Wenige Stunden nach seinem 4:0-Auftaktsieg gegen Außenseiter Noshad Alamiyan (Iran) hatte der Rekord-Europameister keine Chance gegen den fast fehlerlos spielenden Crisan. "Timo hat sich natürlich mehr ausgerechnet. Er hat gar nicht so viel falsch gemacht, aber Crisan hat sehr, sehr gut gespielt", bilanzierte Bundestrainer Jörg Roßkopf.

Nach teilweise packenden Ballwechseln verlor Boll mit 9:11, 11:8, 13:15, 10:12, 6:11 gegen seinen Angstgegner. Dabei unterliefen dem 31 Jahre alten Linkshänder zumindest in der Anfangsphase mehrere Flüchtigkeitsfehler. Crisan spielte sich danach in einen Rausch und beendete den großen Olympia-Traum des deutschen Spitzenspielers. Viele leichte Netzfehler von Boll gegen Ende der Partie sorgten für Verzweiflung und Ratlosigkeit. Auch in London nahm die schwarze Olympia-Serie ihre Fortsetzung.

"Würde am liebsten losheulen"

Boll selbst war nach dem Olympia-Aus am Boden zerstört. "Ich würde am liebsten losheulen. Ich bin sehr enttäuscht und werde einige Tage brauchen, um das zu verdauen", sagte er nach seiner vermutlich letzten Chance auf eine Medaille im Einzel. Er bekommt diese Tage der Rehabilitation, darf sich jedoch längst nicht hängen lassen. Erst in gut einer Woche steht der Teamwettbewerb der Tischtennis-Herren an.

"Das Leben und das Tischtennis-Leben gehen weiter", erklärte der unvollendete Star noch am selben Abend. Bei all der Enttäuschung klang Zuversicht heraus. Gerade Boll weiß wegen seiner olympischen Vorgeschichte mit Niederlagen umzugehen, wenngleich auch der vierte verpasste Einzelerfolg bei Sommerspielen der wohl schmerzhafteste ist.

Getreu dem olympischen Motto

Jetzt muss er den Frust verarbeiten, um beim Mannschaftswettwerb in wenigen Tagen voll da zu sein. Ihm bleiben mehrere Strohhalme, an die er sich klammern kann. Seine Familie ist fast vollzählig nach London gereist. Die Rückendeckung seiner Teamkollegen ist ihm ohnehin gewiss. Professionelle Hilfe zur Bewältigung festgefahrener Traumata benötigt Boll nicht – eventuell wäre sie vor dem Turnier nötig gewesen, wie er selbst laut zu bedenken gab: "Ich weiß nicht, ob ich vielleicht zu einem Psychologen hätte gehen müssen."

Bevor sich der Fokus nun auf den Mannschaftswettbewerb richtet, schaut Deutschland auf Bolls Teamkollegen Dimitrji Ovtcharov. Der hatte es im Achtelfinale besser gemacht und bezwang den gebürtigen Chinesen Weixing Chen aus Österreich glatt mit 4:0. Im Kampf um den Halbfinaleinzug wartet heute der Däne Michael Maze. Timo Boll hat "Dimi" seine Unterstützung zugesichert – er wird getreu dem olympischen Motto "Dabei sein ist alles" anwesend sein in der ExCel-Arena. Mittendrin statt nur dabei wäre Boll allerdings wesentlich lieber gewesen.

Wissenscommunity