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Fußball-Finale in Rio: Brasilien will Gold - bloß kein neues 1:7

Das 1:7 im WM-Halbfinale ist in Brasilien in wacher Erinnerung. Superstar Neymar soll daher nun das Gold sichern. Im Finale wartet wieder Deutschland. Trifft das Olympia-Team nun die Wut der Selecao?

Neymar und Gabriel Jesus jubeln über ein Tor für Brasilien bei Olympia in  Rio

Superstar Neymar und Gabriel Jesus bejubeln ein Tor für Brasilien: Gegen Deutschland muss Gold her, bloß keine weitere Blamage

Natürlich ist es ein Spiel mit ganz vielen Emotionen. Und natürlich spielen die Erinnerungen mit. Ganz Brasilien hat das demütigende 1:7 gegen den späteren Weltmeister aus Alemanha im Halbfinale der WM vor zwei Jahren noch gespeichert. Jetzt also wieder Deutschland gegen die Gastgeber - und das im Fußball-Tempel Maracanã. "Wir haben kein Problem damit. Wir spielen dieses Turnier und da treffen komplett andere Mannschaften aufeinander", meinte Horst Hrubesch vor seinem letzten Spiel als Auswahltrainer: "Wir können nur noch etwas gewinnen. Wir haben jetzt schon alles gewonnen."

Seine Spieler rechnen am Samstag (Anpfiff: 22.30 Uhr) in Rio aber schon mit einer besonderen Atmosphäre. "Klar, die haben Druck. Ich glaube, dass das Land eine kleine Revanche für das 1:7 erwartet", sagte der Leipziger Angreifer Davie Selke, der mit der abgespeckten Version einer deutschen Nationalmannschaft den ersten Olympiasieg für den DFB überhaupt holen will: "Das wird das Spiel unseres Lebens." In dem zudem das Publikum ein Höllenspektakel veranstalten wird. Hrubeschs Truppe muss sich darauf einstellen, lautstark ausgebuht zu werden.

Publikum stets auf der Seite der Gegner

Sportdirektor Hansi Flick, beim historischen WM-Halbfinalsieg 2014 in Belo Horizonte noch Assistent von Bundestrainer Joachim Löw, möchte beide Turniere nicht vergleichen: "Wir schreiben bei Olympia eine neue, ebenfalls erfolgreiche Geschichte." Dass man das in Brasilien ganz anders sieht, ist kaum zu bezweifeln. Die deutsche Mannschaft spürte schon im Turnierverlauf, dass das Publikum wegen des 1:7 bei der WM stets zu den Gegnern hielt. Das Höllenspektakel, das es im Maracanã veranstalten wird, mag man sich kaum vorstellen.

Ohne große Stars und mit vielen Kompomissen zusammengestellt, ist dem Hrubesch-Team in Rio de Janeiro dennoch der ganz große Coup zuzutrauen. Wieder einmal hat ein deutsches Team die sprichwörtliche Fähigkeit als "Turniermannschaft" gezeigt. "Vor drei Jahren habe ich davon geträumt, dass ich hier sitze", verriet der Trainer. Der Auftrag an seine Olympia-Kicker ist klar: Den Samba-Brasilianern um Superstar Neymar schnell die Lust nehmen und selbst an die bisher starken Turnier-Auftritte anküpfen.

Von 80.000 ausgepfiffen - das spornt an

"Das wollen wir tun", erklärte Freiburgs Stürmer Nils Petersen. "Es wird laut werden. Wir stellen uns darauf ein. Das wird gigantisch", bemerkte Lars Bender, der mit Bruder Sven und Petersen die Älteren-Fraktion im Nachwuchsteam des Deutschen Fußball-Bundes bildet. "Sie haben Neymar, der hat einen Marktwert wie unsere ganze Truppe zusammen. Der Druck lastet jedenfalls nicht auf uns", sagt der Schalker Max Meyer. Und Leverkusens Julian Brandt ergänzt: "Ich finde, dass es ein sehr geiles, anspornendes Gefühl ist, wenn man von 80.000 ausgepfiffen wird."

Beim ersten Olympia-Auftritt seit 1988 in Seoul - damals holten Jürgen Klinsmann und Co. die Bronzemedaille - haben die deutschen Fußballer schon ein Novum erreicht. Nie zuvor hat eine DFB-Auswahl ein Olympia-Endspiel bestritten. Die DDR hatte 1976 in Montreal unter anderen mit "Dixie" Dörner, Jürgen Croy und Lothar Kurbjuweit Gold geholt, vier Jahre später bei den Boykott-Spielen in Moskau Silber.

In 40 Jahren erzählst du es deinen Enkeln

Hrubesch will auch gegen die Gastgeber an der taktischen Ausrichtung seines Teams nichts ändern. "Wir werden offensiv spielen", kündigte der 65-Jährige an. "Wir werden das spielen, was wir im Turnier gezeigt haben. Wir können uns nicht hinten rein stellen." Und seine Spieler sollen trotz der erwarteten Millionen Fans in aller Welt vor den TV-Bildschirmen die Partie einfach genießen. 

"Es muss einfach Spaß machen, aus dem Auswärtsspiel ein Heimspiel zu machen", sagte Hrubesch. "Gegen Brasilien im Maracanã zu spielen, diese Möglichkeit bietet sich jedem Fußballer nur einmal in der Karriere. Dann muss man es annehmen", unterstrich Kölns Torwart Timo Horn. Oder wie es Hrubesch ausdrückte: "In 40 Jahren erzählst Du es deinen Enkelkindern."

"Wir müssen an Gold denken"

Das dürfte auf jeden Fall stimmen - und zwar auf beiden Seiten. Für die Brasilianer ist die Partei enorm aufgeladen. Silber wäre nur ein weiterer Rückschlag. Zwei Jahre hat die stolze Fußballnation auf eine Revanche gegen Deutschland gewartet, fast zehn Jahre schon sehnt sie sich nach einem großen Titel. "Die Leute wollen Gold", sagt Angreifer Gabriel Jesus. Und dass der Sieg im Olympia-Finale gleichzeitig bedeuten würde, Deutschlands Hoffnungen auf dieses Gold zu zerstören, wäre zusätzlicher Balsam.

Wer wissen will, wie sehr das 1:7 bei der Heim-WM die Brasilianer noch immer schmerzt, muss nur in Rio de Janeiro auf die Straße gehen. Wird der Deutsche dort als Deutscher erkannt, wird er in der Regel auf das 1:7 angesprochen. Die fußballerische Ehre der Brasilianer ist seit der Nacht in Belo Horizonte schwer beschädigt. Helfen kann nur eins: ein Sieg im Olympia-Finale. "Die Stimmung im Stadion wird besonders sein wegen dem, was bei der WM passiert ist", sagt Torhüter Weverton. "Aber wir dürfen uns nicht davon ablenken lassen. Wir müssen an die Goldmedaille denken." Nicht auszudenken, sollte sich der Druck auf Neymar und Co. erneut zu groß sein.

dho/DPA

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