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Pandemie-Hobby Ich bin der unsportlichste Mensch der Welt – und schaue plötzlich liebend gern obskure Sportarten im Fernsehen

Eine junge Frau schaut Fernsehen
Wenn man alle Serien schon gesehen hat – wie wäre es mal mit Sport im TV?
© eclipse_images / Getty Images
Durch einen Zufall fand ich heraus, wie faszinierend es ist, Sportwettkämpfen zuzuschauen. Auch, weil man dabei bequem auf der Couch sitzen kann – aber vor allem, weil man erst dabei merkt, wie wenig man über viele Sportarten weiß.

Es ist schon verrückt. Seit gut zwei Jahren ist die Corona-Pandemie Teil unseres Lebens, und sie treibt teils seltsame Blüten. Wie bei mir. Während andere Bananenbrot backen, Fremdsprachen lernen, stricken, malen oder meditieren, habe ich das Sportgucken für mich entdeckt. Das ist aus zwei Gründen absurd: Ich bin erstens der größte Sportmuffel der Welt – außer Spazierengehen, Schwimmen und halbherzigen Yogaversuchen ist bei mir nichts drin. Und zweitens habe ich mir nicht sowas wie Fußball ausgesucht, über das man vielleicht sogar noch mit normalen Menschen plaudern könnte – nein, ich liebe neuerdings jede Menge Nischensportarten. Und würde das auch jedem anderen empfehlen.

Es fing an, als ich eines Tages im Homeoffice am Laptop saß und das gleiche Problem hatte, das ich schon in der Schule immer hatte: Ich kann bei Stille nicht arbeiten. Meine Hausaufgaben machte ich immer lieber in der Küche am Esstisch, wo im Hintergrund die Familie herumwuselte, als allein in meinem Zimmer. Im Büro hatte ich dieses beruhigende Gewusel zwangsläufig – aber im heimischen Wohnzimmer nicht. Es war zu leise, so konnte ich mich nicht konzentrieren. Also machte ich mich auf die Suche nach dem perfekten Hintergrundrauschen: Fernsehen? Sobald Serien oder interessante Dokumentationen liefen, lenkten sie mich ab. Lief etwas richtig Langweiliges, wie das typische Vormittagsfernsehen im ÖRR oder die trashigeren Seiten des Privatfernsehens, machte mich das durch seine pure Langweiligkeit wütend – und lenkte mich somit auch wieder ab. Was nun?

Ein Zufall und ein neues Hobby

YouTube. Und da wurde mir völlig zufällig auf der Startseite ein aufgezeichneter Livestream der Olympischen Spiele in Tokio vorgeschlagen: Rhythmische Sportgymnastik. Fast vier Stunden lang. Das, dachte ich mir, das könnte etwas sein. Interessant, aber nicht zu spannend. Lang. Genau richtig, um einen Vormittag lang dazu zu arbeiten. Irgendeine Ahnung von Rhythmischer Sportgymnastik hatte ich nicht, ich erinnerte mich bloß an grazile Sportlerinnen, die ein hübsches Band durch die Luft schwenken. Wenig später war ich klüger: Hallelujah, so etwas können Menschen?! Mit Keulen jonglieren, währenddessen ein paar Saltos schlagen, kurz die Beine hinterm Kopf verknoten und dann die Keulen wieder auffangen, ohne überhaupt hinzusehen? Wie geht das?

Rhythmische Sportgymnastik ist faszinierend anzusehen. Auch dank der Musik, die zu den Vorführungen läuft, und der funkelnden Outfits. Vor allem aber wegen der unfassbaren Dinge, die die Athletinnen da abliefern und bei denen man ahnen kann, wie viel beinhartes Training dahintersteckt. Schnell wusste ich, dass die russischen Zwillinge Dina und Arina Averina (die auch noch eine Schwester namens Polina haben, LOL) kaum zu schlagen sind, und dass wir in Deutschland mit Margarita Kolosov auch eine richtig vielversprechende Athletin haben.

Ich lernte auch, dass mir das Sportgucken nur Spaß macht, wenn englischsprachige Kommentatoren das Geschehen begleiten. Sie sind fachkundig, informativ, fair und können Fehler der Athleten aufzeigen, ohne sie niederzumachen. Das können viele deutsche Kommentatoren leider nicht. Hier fallen immer wieder platte, sexistische Sprüche, Sportlerinnen werden für ihre Figur oder Tagesform herb kritisiert, bei deutschen Athleten mit Migrationshintergrund wird permanent auf ebendiesen hingewiesen, und statt analysiert wird lieber spekuliert, weil wohl das echte Fachwissen fehlt. Zu stören scheint das niemanden, weil das deutsche Publikum für diese Sportarten wohl schlicht zu klein ist. Und die Sportler:innen sind es nicht anders gewohnt.

Es gibt so viele spannende Sportarten

Nach ein paar Tagen hatte ich leider alles gesehen, was YouTube an aktuellen Sportgymnastik-Livestreams zu bieten hatte. Aber kein Grund zum Verzweifeln – schließlich gibt es auch noch Eiskunstlauf, Turnen, Bouldern, Trampolinspringen, Skifahren. Synchronschwimmen oder Turmspringen. 800-Meter-Läufe oder Gewichtheben. Alles Dinge, von denen ich absolut keine Ahnung habe, über die ich aber plötzlich (rein theoretisch, versteht sich) erstaunlich viel lerne. Und klar, natürlich ist ein Reiz dabei, dass ich gemütlich auf dem Sofa sitze, in eine Decke gewickelt, und nicht jeden Tag damit verbringen muss, stundenlang zu trainieren.

Mein Alltag ist nicht anstrengend, und auch nicht gefährlich – was anders sein dürfte, wenn man auf Schwebebalken balancieren soll, auf Skiern steile Hänge hinabstürzt oder Rückwärtssalti auf Trampolinen macht. All das kann richtig fies schiefgehen, und das tut es sicher regelmäßig mehr oder minder schwer. Wie kann es da sein, dass all diese Menschen, die scheinbar Superkräfte zu haben scheinen – und dazu eine übermenschliche Disziplin – so wenig Aufmerksamkeit bekommen? So wenig Geld? So wenig Ruhm? Sie opfern ihre Jugend, ihre Freizeit, vielleicht gar ihre Gesundheit – dafür, dass ein bloßes Nischenpublikum ihre Leistung anerkennt.

Immerhin eines, zu dem ich jetzt gehöre.


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