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"Red Bull Air Race": Gentlemen am Himmel

Die Entscheidung über den schnellsten Sportflieger der Welt beim "Red Bull Air Race" ist in diesem Jahr erneut in Perth gefallen - mit denkbar knappem Ausgang. Der Riesenparty unter australischer Sonne mit 200.000 Fans tat das keinen Abbruch. Selbst der Verlierer konnte am Ende lachen.

Von Bjoern Erichsen, Perth

Mit lautem Motorengeheul rast die kleine, rote Sportmaschine dicht über das Wasser, hastet im wilden Slalom durch die hohen, aber gerade mal zehn Meter breiten Tore. Am Ende des Strecke zieht der Pilot die Maschine steil nach oben, setzt zu einem Looping an, bricht aber auf dem Scheitelpunkt ab, um Überkopf im 45-Grad-Winkel gen Wasseroberfläche zu jagen. Im letzten Moment kippt das Flugzeug über den linken Flügel ab und saust erneut durch den Parcours. "Half Cuban Eight" heißt dieses Manöver, bei dem eine Gravitationskraft von knapp 10 G auf Piloten und Maschine einwirken. Nur zum Vergleich: Ein Formel-1-Renner bringt es in Sachen G-Force etwa auf die Hälfte.

Schon seit Tagen ist der Himmel über Perth fest in der Hand der kleinen Sportmaschinen. Es sind Trainingsflüge für das große Finale des "Red Bull Air Race", so etwas wie die inoffizielle Weltmeisterschaft der Sportflieger. 13 Piloten treten in acht Teams mit Namen wie "Cobra", "Matador" oder "Dragon Racing" gegeneinander an, drehen zwischen April und November in zehn Städten rund um den Erdball ihre Runden. Es sind die schönen, sonnigen Metropolen dieser Welt: Rio de Janeiro, San Diego, Abu Dhabi. Das Rennen in London wurde wohlweislich auf Ende Juli terminiert.

Zwei Kontrahenten an der Spitze

Vor dem Finale in Australien liegen zwei Piloten dicht beieinander an der Spitze der Gesamtwertung. Nach neun Rennen trennen den Engländer Paul Bonhomme nur zwei Punkte vom Zweitplatzierten, dem US-Amerikaner Mike Mangold. Zwischen diesen beiden Kontrahenten, wird sich entscheiden, wer der neue Champion wird.

Am Tag vor dem großen Rennen sitzen die Piloten entspannt unter großen Sonnenschirmen vor ihren bunten Zelthangars, präsentieren ihre Maschinen. Sie schreiben Autogramme, plaudern mit den Fans oder albern mit den kurzberockten Grid Girls herum, die ihnen der Veranstalter kamerawirksam an die Seite gestellt hat.

Entscheidend ist das Rennen

Top-Favorit Bonhomme ist im Training nur Dritter geworden, aber das scheint ihn nicht zu beunruhigen: "Entscheidend ist das Rennen, wer da auch nur für einen Moment abgelenkt ist und einen Fehler macht, verliert." Bonhomme spricht ruhig, ganz besonnen und wirkt dabei wie die fleischgewordene feine englische Art. Steht man dem Mann mit dem graumelierten Haar gegenüber, wartet man förmlich darauf, daß er gleich ein Schoko-Minz-Plätzchen rausholt und sich dazu einen Earl Grey aufgießt. Er ist ganz Sportsmann: "Egal wer morgen gewinnt, hinterher wird in jedem Fall ordentlich gefeiert."

Auch Mangold merkt man die Anspannung vor dem Finale nicht an. "Ich bin absolut entspannt und freu mich auf das Rennen", gibt er zu Protokoll. Der Familienvater aus Kalifornien ist 52 Jahre alt, vielleicht gerade mal 1,70 Meter groß und gibt sich nicht die geringste Mühe, seinen Bauchansatz in seinem roten Rennanzug zu verbergen. Er lächelt fast unentwegt, etwa so als würde er gleich seine Enkelkinder ins Bett bringen. Dabei gilt Mangold, schon 2005 Sieger der World Series, als einer der aggressivsten Piloten auf der Tour.

Kaum einer im Feld ist jünger als 40 Jahre alt, der Österreicher Hannes Arch, Teamkollege von Mangold, gilt mit Jahrgang 1967 bei seiner ersten Teilnahme noch als Rookie. So wirkt das ganze wie ein lockerer Club älterer Herrschaften, die sich in ihren besten Jahren nochmal den besonderen Kick holen möchten. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: "Man muss schon sehr erfahren sein, um hier mitzufliegen können", erzählt einer der Mechaniker. "Gerade der Parcours in Perth ist extrem schnell, einen Anfänger würde es hier wohl schnell zerreißen."

430 Grad um die eigene Achse

Ein Deutscher ist auch dabei: Klaus Schrodt, aus dem hessischen Dieburg. Der 61-jährige ist Flieger durch und durch. In jungen Jahren brachte er Hilfsgüter und Fallschirmjäger nach Afrika, dann war er lange Pilot bei der Lufthansa. Beim Air Race jedoch hechelt er hinterher, seine Maschine ist schlichtweg nicht konkurrenzfähig. "Mein Flugzeug wiegt etwa 150 Kilogramm mehr als die der anderen. Überspitzt gesagt wirkt sich das etwa so aus, als würde ich Volvo Kombi bei der DTM mitfahren." Im Training wurde er Letzter, wieder mal, mit satten elf Sekunden Rückstand auf die Bestzeit. Im Finale darf er daher gar nicht erst starten.

So entspannt die Piloten des Air Race auf den ersten Blick auch wirken: Sie sind Profis, und wie überall, wo professionell Motorsport betrieben wird, kommt es auf das Material an. "Ein Pilot, der vorne mitfliegen will, muss vorneweg mindestens 150.000 Dollar im Jahr investieren", schätzt ein Insider. Mangold und Bonhomme etwa sind auf einer "Edge 540" unterwegs, einen High-Tech-Flieger aus Carbon, gerade mal 530 Kilogramm schwer, fast 426 km/h schnell. In einer Sekunde kann sich die Sportmaschine 430 Grad um die eigene Achse drehen.

Perth in Partylaune

Am Finaltag herrscht in Perth Volksfeststimmung, rund 200.000 Menschen sind auf den Beinen, schlendern in kurzen Hosen und Sandaletten an die Ufer des Swan Rivers, wo der Renn-Parcours abgesteckt ist. An der Westseite des Flusses, etwa in Höhe des riesigen Kings Parks mit seinem berühmten botanischen Garten wirkt das Wasser weiß von lauter Booten mit Schaulustigen darauf. Es weht eine leichte Brise, dazu angenehme 25 Grad. In Perth, der sonnenreichsten Stadt Australiens, fängt der Sommer gerade erst an.

Bis auf die Millionen von Fliegen, die die Stadt zu Sommerbeginn regelmäßig heimsuchen, ist im langgezogenen St Mittchel Park alles friedlich. Schnell sind die besten, weil schattigen Plätze unter den riesigen Mulberry Trees vergeben, unzählige Picknickkörbe werden herausgeholt, der Duft von Barbecü weht durch den Park. Wer sich nicht selbst etwas mitgebracht hat, steht Schlange an den Buden der großen Fressmeile, wo es Riesen-Hot-Dogs und Hot Nuts für den großen Hunger zwischendurch gibt.

Die australische Regierung nutzt das Spektakel für Eigenwerbung. Mit einem großen Truck, aufgemotzt mit riesigen Lautsprecherboxen im Kofferraum, soll dem fluginteressierten Nachwuchs eine Karriere in der Armee schmackhaft gemacht werden. Gleich nebenan hat der örtliche Radiosender "Nova" mittels einiger Plastikstangen einen Parcours aufgebaut, auf dem Kinder mit weit ausgebreiteten Armen selbst Flugzeugrennen spielen können. Als Belohnung bekommen die Kleinen "Blackout", die neue CD von Britney Spears.

Auf den 13 Großbildleimwänden, auf denen das Air Race aus allen nur denkbaren Perspektiven inklusive On-Board-Kameras gezeigt wird, passiert indes dramatisches. Mangold und Bonhomme müssen bereits im Viertelfinale gegeneinander antreten, da beide in der Ausscheidungsrunde nur mittelprächtige Zeiten geflogen sind. Mangold gewinnt das direkte Duell gegen seinen Konkurrenten, unterliegt aber im Halbfinale gegen den späteren Sieger Nicolas Iwanoff aus Frankreich und wird letztendlich Dritter.

"Bonhomme ist Champion" verkündet der Moderator daraufhin und fordert einen großen Applaus. Doch kurz darauf muss der zurückrudern, denn der Teufel steckt in diesem Fall im Reglement: Da beide Piloten nun mit 47 Punkten gleichauf in der Gesamtwertung liegen, müssen die weiteren Platzierungen aus den letzten Rennen entscheiden. Doch auch dort herrscht Gleichstand, so daß Mangold letztendlich zum Sieger erklärt wird, weil er bei der Ausscheidung im achten Rennen in Porto exakt 0,43 Sekunden vor Bonhomme gelegen hat. Klingt kompliziert, und das ist es auch.

Sektdusche de Luxe

Bei der Siegerehrung scheinen alle den kleinen Faux Pas bereits vergessen zu haben. Die Nationalgarde marschiert auf, die Tourismusministerin Sheila McHale, die sich maßgeblich dafür eingesetzt hat, dass das Rennen in Perth stattfindet, genießt ihr Bad in der Menge. Und die Piloten betonen brav, wie schön die Stadt sei, und dass sie gern wiederkommen möchten.

Als alle 13 Flieger zur großen Abschiedsause auf das Podium gerufen werden, geht es zu wie auf einer Teenager-Party. Die älteren Herren legen eine Sektdusche hin, die in der Motorsportgeschichte ihresgleichen suchen dürfte. Mangold bekommt eine komplette Pulle von hinten in den Rennanzug eingetrichtert, der glatzköpfige Niederländer Frank Versteegh tänzelt mit Sonnenhut und Schlappen über die Bühne und streckt den versammelten Journalisten immer wieder die Zunge raus.

Als Bonhomme bei der anschließenden Pressekonferenz gefragt wird, ob er wegen der falschen Siegesmeldung ärgerlich sei, ist er wieder ganz Gentlemen: "Klar bin ich ein bisschen enttäuscht, doch so ist halt das Reglement", sagt er mit der derselben ruhigen Stimme wie immer. "In dieser Saison war es ein ständiges hin und her und Mike am Ende der glücklichere Pilot. Aber wie ich schon gestern erwähnte, jetzt wird einfach nur gefeiert."

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