America's Cup Untergang im Meer der Langeweile


Das Schlimmste, was einem Team beim America's Cup entgegenschlagen kann, ist nicht Enttäuschung, sondern Gleichgültigkeit. Das United Internet Team Germany scheidet genauso glanzlos aus dem Wettbewerb aus, wie es ihn begonnen hat. Ein Nachruf.
Von Roberto Lalli delle Malebranche, Valencia

Das Wichtigste gleich zu Beginn Es war gut, dass ein deutsches Team erstmals in der Geschichte des America's Cup angetreten ist und hier sein Glück versucht hat: gut deshalb, weil die sportbegeisterten Deutschen den nach Olympia und der Fußball-WM wichtigsten Sportwettbewerb in jedem Fall bereichern können und werden; gut deshalb, weil der America's Cup Werte wie Internationalität, Toleranz und Solidarität verkörpert und erlebbar macht; gut deshalb, weil Segeln auf höchstem Niveau ein schöner, schwieriger und spannender Sport ist und mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihm bisher in Deutschland zuteil geworden ist. Und damit kommen wir auch schon zu den weniger glücklichen Aspekten der deutschen Kampagne hier in Valencia.

Keine Emotionen

Warum schreiben Menschen Emails? Ralph Dommermuth, Vorstandsvorsitzender der United Internet AG, müsste das eigentlich am besten wissen: Die beliebtesten deutschen Email-Portale GMX und Web.de gehören zum Konzern des Hauptsponsors von Germany I. Dass er die Antwort auf diese Frage aber ganz offenbar nicht kennt, zeigt der Auftritt des deutschen Teams hier in Valencia: wenig Emotionen, wenig Sympathie, kein Tempo, keine Visionen. Stattdessen Langeweile bis ins Detail: Das Boot weiß und phantasielos mit Firmenlogos beklebt, eine Broschüre als Pressemappe, in der mehr über den Cup und die Mitbewerber zu lesen steht als über das eigene Team, eine Internet-Adresse mit drei Bindestrichen und ein "Deutsches Haus" im Hafen, das kaum Anziehungskraft entwickelt hat. Was hier fehlte, war nicht Geld oder bessere Technik, was hier fehlte, war Phantasie und das Gespür für das, was die Menschen vom Segeln erwarten, in Deutschland wie anderswo.

Keine Visionen

Niemand, wirklich niemand, der vom Segeln etwas versteht, hat von den Deutschen erwartet, dass sie hier in Valencia das Halbfinale des Louis Vuitton Cups der Herausforderer erreichen. Erwartet hätten wir aber, dass das United Internet Team Germany seine Teilnahme nutzt, um in Deutschland Werbung für den Cup zu machen. Dazu hätte die Kampagne aber vor allem Sympathie vermitteln müssen: Schulklassen vor Ort, Sponsoring von Segel-Schulen in der Heimat, von mir aus auch "Wer wird Millionär?" live aus der deutschen Base in Valencia. Das alles hätte einen Kreislauf aus Interesse, Spaß und Freude in Gang setzen können. Stattdessen bekamen wir Gerichtsprozesse, Unzufriedenheit auf den Gesichtern und deutsche Ingenieurskunst geboten. Aber die technischen Aspekte des America's Cup sind, und zwar nicht nur für den Segel-Laien, eher uninteressant: Technische Perfektion ist kein Ziel an sich, sie muss zu etwas gut sein. So wie die Internet-Portale GMX und WEB.de lediglich Emotionen, Ziele und Visionen von Menschen transportieren, so hätte United Internet Team als Botschafter des deutschen Segelsports auftreten und eben diese Menschen mit Phantasie und Sympathie ansprechen und begeistern müssen. Gewinnen wollen ist nicht alles im Leben.

Keine Werte

Der America's Cup ist im Jahr 2007 vor allem eines: ein faszinierendes Stück Globalisierung. Und wie diese konfrontiert uns auch der Cup mit einer wichtigen Frage: Was bedeutet es heute noch Italiener, Südafrikaner, Spanier oder Deutscher zu sein? United Internet Team Germany hat diese Frage nicht beantwortet, oder doch, aber negativ: Sind die typisch deutschen Werte von heute tatsächlich der ständige Kampf um Posten und Einfluss, die Überbewertung von Technik und Planung und das autoritäre Führen von Teams? Hoffentlich nicht.

Totgesagte leben länger

Vieles ist also schief gelaufen für das erste deutsche Team beim America's Cup. Aber der nächste zeichnet sich bereits am Horizont ab, und vielleicht gilt es schon 2009 zu beweisen, was United Internet Team Germany aus der Pleite von Valencia gelernt hat. Mit etwas mehr Farbe, mit mehr Temperament und mit einer Prise Humor kann der nächste America's Cup für das deutsche Team eine richtig schöne Erfahrung werden. Genauso wie für uns.


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