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Arbeitslose Fußballer: Der Karriereknick

Früher umjubelt und gefeiert, heute unbeachtet und gefallen: arbeitlose Fußballer. Sie halten sich fit und können nur hoffen, bis zum Ende der Transferperiode noch einen Club zu finden. Einer von ihnen ist Stefan Wessels, einst Torwart in Köln und bei den Bayern.

Von Frank Hellmann

Noch immer ist auf der Homepage von Stefan Wessels das Video vom Pocher-Spaßspiel an prominentester Stelle platziert. 3:08 Minuten lang, wobei in dem Filmchen allein die Paraden des Protagonisten zusammengefasst sind. In der Sommerpause durfte Wessels immerhin einem Millionen-Publikum gegen den FC Bayern München demonstrieren, dass er noch zu erstklassigen Leistungen fähig ist. In jeder Hinsicht ein Bewerbungsvideo.

Geholfen hat es freilich nicht wirklich. Wessels, mit 30 Jahren eigentlich im besten Torwart-Alter, findet einfach keinen neuen Verein. Er hat sich arbeitslos gemeldet und zeitweise in die Obhut der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV) begeben. So wie Thomas Cichon, Klubkollege vom letzten Arbeitgeber VfL Osnabrück, Marco Küntzel, Filip Tapalovic oder Holger Wehlage, allesamt Spieler mit Bundesliga-Erfahrung. Sie alle lernen die Kehrseite der Medaille kennen - früher umjubelt und gefeiert, heute unbeachtet und gefallen.

Wehklagen will Wessels nicht anstimmen - im Gegenteil. "Klar, bedrückt einen die Situation. Und es ist auch der schwierigste Moment meiner Karriere", sagt Wessels, "aber ich kann mich doch glücklich schätzen: Es geht mir als Arbeitsloser finanziell besser als vielen anderen. Meine Existenz ist nicht bedroht." Der Torwart, in Rahden geboren, bei Eintracht Schepsdorf und TuS Lingen in der Jugend ausgebildet, ehe im Alter von 19 Jahren der FC Bayern rief, wohnt noch immer in Osnabrück. Er hat Frau und Kind, einen zweijährigen Sohn. Er spürt Verantwortung für die Familie. "Ich will und kann nicht überall hingehen." Eine Auslandsofferte hat sich deshalb zerschlagen - welche, will er nicht sagen.

Pokern um die Zukunft

Wer mit dem Abiturienten spricht, der sein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Fern-Uni in Hagen derzeit ruhen lässt, merkt schnell: Wessels ist gefasst, wirkt aufgeräumt, geht realistisch mit den Gegebenheiten um. Der Tormann und sein Agent, der gut vernetzte Berater Jörg Neblung, beobachten und sondieren ständig den Markt, der indes für Keeper seiner Güte- und Gehaltsklasse ein schwieriger ist. Jeder Erstligist hat die Torwartposition doppelt und dreifach besetzt, dasselbe gelte im Grunde für die zweite und dritte Liga, hat Wessels festgestellt. "Ich warte noch auf das Richtige, das erstbeste Angebot will ich nicht annehmen."

Und eigentlich habe er auch andere Ziele, als in der dritten Liga anzuheuern, das sagt er ganz offen. Er weiß, dass dies ein Pokerspiel ist, auch wenn er mit seinem Status sogar einen Vorteil besitzt. Als vereinsloser Profi ist er nicht an den Transferschluss am 31. August gebunden; Wessels ist auch darüber hinaus jederzeit vermittelbar, was bei schweren Verletzungen und Formkrisen seiner Torhüterkollegen eine unvermittelte Chance bieten könnte.

Doch wie konnte es bei einem Keeper seiner Klasse nur so weit gekommen? Rückblende: Kaum in jungen Jahren nach München als eines der größten Torwarttalente zum Branchenprimus gewechselt, ereilte den Kontaktlinsenträger schon der Ritterschlag, obwohl er vor der Saison nur als Nummer vier geführt worden war. Sven Scheuer hatte sich bereits verletzt, als Wessels daheim in Lingen am Fernseher ein historisches Bundesliga-Spiel in Frankfurt sah: Oliver Kahn wurde vom Kollegen Sammy Kuffour über den Haufen gerannt, Bernd Dreher verdrehte sich das Knie. Wessels wurde angerufen, sofort nach München zu kommen. Der Nobody sicherte dann am 21. September 1999 in der Champions League das 1:1 bei den Glasgow Rangers, wurde von Franz Beckenbauer geadelt, hernach mit einem Profivertrag belohnt und stieg hinter "King Kahn" zur Nummer zwei des FC Bayern auf. Immer wieder musste er in der Königsklasse aushelfen, in der Bundesliga brachte er es indes nur auf sechs Einsätze in fünf Jahren.

"Unschöne Sachen vorgefallen"

Der Wechsel zum 1. FC Köln 2003 war der einzige Ausweg, um Spielpraxis zu erlangen. Dort machte er 93 Spiele in der ersten und zweiten Liga - war die klare Nummer eins. Was dann 2007 folgte, beschreibt der Familienvater heute noch als "schönste Erfahrung meiner Laufbahn": das Wagnis Premier League, das Engagement beim FC Everton. Obwohl selten eingesetzt (aber immerhin einmal gegen Manchester United), "hat mir das superschöne Jahr sehr viel gebracht: Ich würde sofort wieder gerne nach England gehen." Gegenteilig verhält es sich mit den Erlebnissen, die er vergangene Saison beim Zweitligisten VfL Osnabrück durchlitt. "Da bin ich ja auch hingegangen, weil ich nah an meiner Heimat war, meine Frau kommt aus Hannover." Doch der private Wohlfühlfaktor wurde von sportlicher Unzufriedenheit überlagert. Aus seiner Sicht wurde der Schlussmann zum Sündenbock gestempelt, er verlor unter Trainer Claus-Dieter Wollitz nicht nur seinen Stammplatz, sondern auch an Ansehen. "Da ist einiges unglücklich und nicht sauber gelaufen, da sind unschöne Sachen vorgefallen." Den Abstieg in die dritte Liga verhinderte auch der Torwarttausch nicht, damit war sein Arbeitsvertrag ungültig – "aber ich wäre ohnehin nicht beim VfL geblieben."

Nun muss einer, der von der U 17 bis zur U 21 für alle DFB-Auswahlmannschaften zum Einsatz kam, im August 2005 gar für das Team 2006 nominiert wurde, sich neu sortieren und irgendwie ganz unten einordnen. "Zum Glück bin ich seit elf Jahren Mitglied der VdV, ich habe diese Organisation immer für sinnvoll gehalten." So konnte Wessels auch ruhigen Gewissens das Angebot der Spielergewerkschaft annehmen, sich in einem speziellen Sommercamp für arbeitslose Profis anzumelden. Professionelles Training, Freundschaftsspiele, dazu sogar Fortbildungsmöglichkeiten und Kurse zum Thema Ernährung, Trainingslehre oder Psychologie. Er wohnte in der Sportschule Wedau, "das war wie ein Trainingslager, da herrschte eine gute Atmosphäre, auch wenn das natürlich für den einzelnen nicht so einfach ist." Es fehlte der Fokus auf den Wettkampf, das Ziel, für das es sich zu schinden lohnt. Ein Zimmer bezog er dabei mit Daniel Ischdonat, ebenfalls Ballfänger im Wartestand. "Torwart kann nur einer sein. Unsere Arbeitsplätze sind begrenzt", weiß Wessels. Aber Aufgeben gibt’s nicht. Nicht in seinem Alter. "Als Torwart kann ich locker bis 34, 35 spielen." Wenn man ihn denn irgendwo lässt. Und das nicht nur bei den "McFitAllStars" von Oliver Pocher.

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