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AUS DEM STERN 27/2001: Sponsoren verklagen Tommy Haas

In Erwartung hoher Rendite finanzierten 15 Privatleute die Ausbildung von Tommy Haas. Seit er Millionen verdient, will er nicht mehr zahlen. Seine Förderer haben ihn nun verklagt.

In Erwartung hoher Rendite finanzierten 15 Privatleute die Tennis-Ausbildung von Tommy Haas. Seit er Millionen verdient, will er nicht mehr zahlen. Seine Förderer haben ihn nun verklagt.

Für die »Bunte« ist die Welt des Tommy Haas so rein wie frisch gewaschene Tennisshorts. Vor einem Turnier, berichtet das Blatt, verzichtet der »Mädchenschwarm Nr. 1« auf Sex. Drogen sind natürlich tabu.

Als »Symbol des Erfolgs« posiert der »beste und schönste deutsche Tennisspieler« mit seinem Porsche Cabriolet vor dem erst kürzlich erworbenen Penthouse auf Mallorca und erklärt seine Liebe zu Deutschland: »Die Autos, die Disziplin, die Zuverlässigkeit der Menschen.«

Geldanlage Tommy Haas

Menschen wie »Focus«-Chefredakteur Helmut Markwort. Der Lebensgefährte von »Bunte«-Chefredakteurin Patricia Riekel, als Zeitschriften-Vorstand des Burda-Verlags erster Journalist im Hause, ist - als Privatmann - einer von 15 »sportbegeisterten Mäzenen« (»Focus«), die bis 1995 mit insgesamt 750000 Mark die Ausbildung von Tommy Haas in Florida finanzierten und schriftlich zusicherten, sich »für ein positives Image von Herrn Thomas Haas« einzusetzen. Auch darin ist der Burda-Mann ein Vorbild an Zuverlässigkeit. »Eine Geldanlage«, heißt es über Tommy Haas in »Bunte«, die dessen Vermögen inzwischen auf 25 Millionen Mark schätzt: »Mit Tommys Erfolgen fließen die Gewinne zurück«.

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Pfändungsbeschluss

Gar nichts fließt. Zwar stehen Markwort und den 14 anderen »Mäzenen« für ihre Investition in Tommys Karriere laut Vertrag 15 Prozent aller Einnahmen des Tennisprofis noch bis zum Ende des Jahres 2004 zu. Doch seit Haas, derzeit Nummer 17 der Welt, das große Geld verdient, gab's keine müde Mark mehr. Helmut Markwort und Freunde ließen dem Tennisstar deshalb

per gerichtlichem »Arrestbefehl und Pfändungsbeschluss« Gelder aus Werbeeinnahmen sowie Preis- und Antrittshonorare sperren, verklagten ihren Zögling auf die Zahlung von gut einer Million Mark.

Ein pikanter Rechtsstreit steht bevor. Denn Haas-Anwalt Georg Stock hält das »auf der Welt einmalige Finanzierungsmodell im Sport« (»Bunte«) schlicht für »sittenwidrig«. Kostprobe aus seinen Schriftsätzen: »Etwas Vergleichbares hat man zuletzt im alten Rom auf Sklavenmärkten gesehen.« Freilich hatten Markwort und die anderen Sportsfreunde nur das Beste im Sinn, als sie 1990 die »Tennistalentförderung GmbH & Co. KG« gründeten. Journalisten wie Markwort zählen zu den spendablen Tennis-Enthusiasten, dazu Anwälte undSteuerberater aus München, ein Immobilienmakler aus Berlin, Kinderärzte aus dem Badischen und eine wohlhabende Erbin.

50 000 Mark pro Förderer

Die Einlage von 50000 Mark pro Förderer war als Betriebsausgabe von der Steuer absetzbar und verfolgte als hehres Ziel die »Verwertung der Talente von jungen Tennisspielern, insbesondere von Sabine und Thomas Haas«. Die beiden sollten »bestmögliche Platzierungen im nationalen und internationalen Tennissport erreichen, was ... zum Abschluss lukrativer Werbe- und Promotionsverträge... führen kann«. Als Gegenleistung soll Tommy Haas nicht nur 15 Prozent seiner Einkünfte einbringen, sondern auch sämtliche persönlichen Auswertungsrechte an seiner Person, unbegrenzt und exklusiv auf die Dauer von mindestens 15 Jahren. Tommy war damals zwölf Jahre alt. Ein Vormundschaftsrichter musste die Vereinbarung genehmigen. Papa Peter Haas, der Erfinder des Finanzierungsmodells, habe, so haben es die Förderer in Erinnerung, damals gesagt: »Wenn der Tommy es schafft, ein guter Profi zu werden, dann soll es allen gut gehen. Insbesondere denen, die Tommy am Anfang geholfen haben«.

Trotzdem war der Tennispapa von Anfang an sehr zögerlich bei der Offenlegung der Bücher, führte dann die Firma, mittels derer er die Fördergelder verwalten sollte, in den Bankrott. Später jedoch bekannte sich Tommy Haas, inzwischen volljährig, persönlich zu den Verpflichtungen aus den Verträgen seines Vaters. »Es ist in meinem Interesse und sicher auch in dem der Sponsoren, negative Publicity zu vermeiden«, schrieb er auf Englisch an seine Förderer. Drei Jahre lang wurde sauber abgerechnet.

700 000 Mark in drei Jahren

Die Förderer verfolgten jeden Schritt ihres Zöglings, der langsam zur großen Hoffnung des deutschen Tennis reifte. Sie gratulierten ihm per Postkarten zu jedem noch so kleinen Karriereschritt und kassierten in drei Jahren 700 000 Mark. »Kann Tommy ein Boris werden?«, fragte die »Bunte« und widmete dem »Sonnyboy« allein im Jahr 1999 fünf Geschichten. Darunter eine über den »Weltstar als Anlage-Objekt«. »Die Haas-Aktie boomt ...«, heißt es da. »Und die mutigen Sponsoren von 1990 freuen sich«.

Aus Freude wurde Euphorie, als im Mai vergangenen Jahres die vierseitige Jahresabrechnung über die Einkünfte des Tennisspielers aus dem Jahr 1999 einging. Haas hatte insgesamt 3268217,28 Dollar eingenommen, knapp sieben Millionen Mark. Dies bedeutete fast 700 00 Mark für jeden der »mutigen Sponsoren«. Einer hat sich sofort einen Kleinwagen bestellt. Und alle rechneten ihren Profit bis zum Ablauf des Vertrags Ende des Jahres 2004 hoch, spekulierten auf sechs Millionen für die Förderer, also rund 400 000 Mark für jeden.

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Auszahlungen gesperrt

Aber die Freude währte nicht lange. Denn anstatt eines Schecks erreichte die »Lieben Förderer« ein Rundschreiben ihres Geschäftsführers zum »TOSA Tennisprojekt« mit der Nachricht, »dass Herr Peter Haas im Namen von Herrn Thomas Haas die Auszahlung... gesperrt hat«. Die Förderer reisten zum Treffen im Münchener Löwenbräukeller an. Manche wollten über »Bild« Druck auf Haas machen. Die Ehefrauen zweier Förderer planten, mit Tommys Mama das Problem von Frau zu Frau zu regeln. Brigitte Haas sollte dann auf ihren Gatten einwirken. Denn schon dem Verfasser des Rundschreibens war klar, dass »die derzeitige Situation nur aus der Person und Psyche von Herrn Peter Haas erklärbar scheint«.

Der hatte bereits in seinem Buch »Vorteil Haas - Erfolg ist machbar« ein Kapitel dem Thema »wie man einen Profi finanziert« gewidmet. Darin erläutert er sein Modell, äußert Verständnis (»Förderer erwarten Rendite«), warnt aber auch: »Allerdings würde ich Nachahmern dringend empfehlen, eine Laufzeit von nicht mehr als fünf Jahren zu wählen und bei der Rückzahlung einen Betrag mit maximal doppeltem Gewinn festzusetzen.« Er habe sich damals keine großen Gedanken über Gewinne gemacht. »So entstand ein ungleiches Verhältnis von Geben und Nehmen«.

Verstoß gegen gute Sitten

Haas-Anwalt Stock, der sonst auch Boris Becker beisteht, spricht von einem Vertrag, der einen »Verstoß gegen die guten Sitten« darstelle. Kein Mensch könne »sein Talent, weder ganz noch teilweise, an einen Dritten übertragen... Die Kommanditisten... sind keine Talentförderer - wie sie sich selbst mit Vorliebe bezeichnen -, sondern Investoren mit Spielermentalität, also Spekulanten. Spekulationsobjekte waren ein zwölfjähriger Junge und seine fünfzehnjährige Schwester. Hier wird das Anstandsgefühl... grob verletzt«. Stock fordert die Erstattung sämtlicher bereits erfolgter Zahlungen und argumentiert: »Es mag zulässig sein, die Ausbildungskosten für ein Rennpferd zu übernehmen und sich später an Siegprämien beteiligen zu lassen. Bei einem Menschen geht das nicht«.

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Öffentlich wollen sich derzeit weder Papa Haas noch Helmut Markwort und seine Freunde äußern. Jetzt sprechen die Juristen und deren Schriftsätze, aus denen auch menschliche Verbitterung zu lesen ist. An die »positiven Berichte im ,Focus' und in ,Bunte'« wird erinnert. Völlig unberücksichtigt bleibe, so schreiben die Förderer in ihrem erfolgreichen Antrag auf dinglichen Arrest und Arrestpfändung, dass Tommy Haas »seinen Erfolg seinen Förderern (auch) zu verdanken hat«. »Oder erachtet es der Antragsgegner als normal, dass man in den Wunsch einer Tenniskarriere eines Zwölfjährigen eine dreiviertel Million investiert, um dann am Erfolg nicht mehr partizipieren zu können?« Darüber wird nun die 27. Zivilkammer des Land-

gerichtes München I befinden müssen.

»Das Leben ist schön«

Damit seine Einnahmen nicht gleich in die Kassen der Förderer fließen, hat Tommy Haas eine Bürgschaft über eine gute Million Mark hinterlegt. »Wie steht's mit Gefühlen?«, hat die »Bunte« den Tennishelden in ihrem letzten Interview gefragt. Manchmal, wenn ihm sein ganzes Leben durch den Kopf gehe, gestand Tommy, heute 23, kämen ihm schon die Tränen. Aber dann sage er sich: »Vergiss die Traurigkeit, Tommy, das Leben ist schön.«

Von Joachim Rienhardt

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