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Biathlon-WM: Ricco Groß zum Titel "gedroschen"

Ricco Groß hat das Unmögliche möglich gemacht, seinen Titel im Verfolgungsrennen verteidigt und bei der Biathlon-WM in Oberhof ein Freudenfest entfacht.

Ricco Groß hat das Unmögliche möglich gemacht, seinen Titel im Verfolgungsrennen verteidigt und bei der Biathlon-WM in Oberhof ein Freudenfest entfacht. Der Ruhpoldinger kämpfte beim vierten Schießen den lange führenden, dann aber nervenschwachen Franzosen Raphael Poiree nieder und behauptete seinen Vorsprung auch auf der letzten Laufrunde. 200 Meter vor dem Ziel gab der Franzose, der am Vortag noch den Sprint-Titel vor Groß gewonnen hatte, seine Verfolgungsjagd auf. "Es ist supergeil, wenn das Rennen zu Ende und man Weltmeister ist", jubelte Groß: "Es waren die schwersten fünf Runden meines Lebens."

"So ein Tag, so wunderschön wie heute"

Als 25.000 Kehlen "So ein Tag, so wunderschön wie heute", anstimmte, rief Groß den begeisterten Zuschauern zu: "Aber es tut weh". Bei den ersten drei Rennen des Wochenendes hatte das norwegisch-französische Familienunternehmen Poiree die Titel geholt. Mit von Liv Gretes Vater Knud Skjelbreid präparierten Ski gewann das Duo am Samstag die WM-Titel im Sprint. Am Sonntag siegte die Norwegerin bei Neuschnee und kaum noch beherrschbaren Windböen auch in der Verfolgung vor der Sprint-Dritten Martina Glagow (Mittenwald) und der Russin Anna Bogali.

Von den Zuschauern "rumgedroschen"

"Ich habe nur die Flucht nach vorn angetreten, ohne irgend eine Taktik", stöhnte Groß, der am Wochenende 55.000 Euro verdiente. "Doch auf der letzten Runde, als Raphael immer näher kam, haben mich die Zuschauer regelrecht rumgedroschen", beschrieb er die Stimmung an der Loipe. Als Bundestrainer Frank Ullrich ihm 200 Meter vor dem Ziel "noch Mal Beine" machte, stand der angesichts der läuferischen Überlegenheit von Poiree unerwartete achte WM-Titel für Groß fest. "Eine phänomenale Leistung von Ricco", lobte Ullrich.

12,5 km Verfolgung, Herren
1. Ricco Groß (Ruhpolding)
2. Raphael Poiree (Frankreich)3. Ole Einar Björndalen (Norwegen)
4. Vincent Defrasne (Frankreich)
5. Halvard Hanevold(Norwegen)
6. Tomasz Sikora (Polen)
7. PaavoPuurunen (Finnland)
8. Sven Fischer (Oberhof)
9. Michael Greis (Nesselwang)
10. Sergej Roschkow

Mindestens genau so euphorisch hatten die Besucher und die deutsche Mannschaft Martina Glagow gefeiert, die am Samstag Dritte im Sprint und am Sonntag Vize-Weltmeisterin in der Verfolgung wurde. "Zwei Medaillen sind wie ein Traum. Alles andere ist jetzt definitiv nur noch Zugabe", jubelte die blonde bayerische Skijägerin.

"Besser kann einen Heim-WM nicht beginnen"

Einer der ersten Gratulanten war Biathlon-Fan IOC-Vizepräsident Thomas Bach, der vom Ball des Sports nach Oberhof gekommen war. Er hatte extra seine "Goldjacke" angezogen, die bereits bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City Glücksbringer für die deutschen Biathleten war. "Besser kann eine Heim-WM nicht beginnen. Ein großes Kompliment der gesamten Mannschaft", sagte Bach.

Neue Latten

Für Groß hatten die deutschen Techniker genau wie Vater Martin Glagow für seine Tochter nicht die Erfolgsski der letzten Wochen präpariert. Stattdessen griffen sie auf Kunststofflatten zurück, die bei den schwierigen Schnee-Verhältnissen schneller liefen. "Sie lagen damit goldrichtig", sagte Groß. Bei seinen beiden "perfekten Rennen am Wochenende" habe er einige Male den inneren Schweinehund bekämpfen müssen. "Doch die Zuschauer haben Geld bezahlt, um kämpfende Sportler zu sehen. Da konnte ich keinen Schritt auslassen", scherzte Groß.

Frauen-Bundestrainer Uwe Müßiggang hätte es trotz der Silbermedaille lieber gesehen, wenn das Verfolgungsrennen nicht zu Ende gebracht worden wäre. "Es war kaum noch regulär. Bei einer WM sollte man bei solchen Windböen abbrechen oder verschieben", kritisierte er, auch wenn es am Ende würdige Medaillengewinner gegeben habe.

Die Poirees sind das erste Ehepaar in der WM-Geschichte, das am gleichen Tag zwei Titel gewann. Als die beiden 2000 am Holmenkollen beide Massenstarts für sich entschieden, waren sie "nur" verlobt und die Goldmedaillen ein vorzeitiges Hochzeitsgeschenk. Kraft für ihre meisterlichen Auftritte tanken die beiden in der Familie. Töchterchen Emma, am 27. Januar ein Jahr alt geworden, ist wie seit dem Comeback von Liv Grete Poiree auch in Oberhof dabei.

Uwe Jentzsch/DPA / DPA

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