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Boxen: Mit einem Schlag befreit

Er könnte der Größte werden, wenn er am Mittwoch gewinnt. Der Erbe Max Schmelings. Der erste deutsche Box-Champion im Schwergewicht seit 73 Jahren. Doch für Luan Krasniqi ist das nur Nebensache. Er muss sein ganz eigenes Trauma besiegen.

Diese Stimme. Sie kommt von tief unten, aus einem gewaltigen Brustkorb, und jedes Wort, das sie nach oben fördert, hat so eine Schwere. Klingt so friedlich, so ruhig. So irritierend ruhig. Als hätte es diese Niederlage, dieses Trauma, nie gegeben, und als müsste er nicht Rache nehmen dafür. Beides aber ist in ihm. Nur würde Luan Krasniqi das nicht zugeben. Jedenfalls nicht sofort.

Es ist früher Abend, Luan Krasniqi, 34, sitzt nach dem Training bei seinem Lieblingsitaliener "Delfino". Draußen vor dem Fenster scheint die Spätsommersonne über die Fachwerkgiebel der Rottweiler Altstadt. Noch vier Wochen bis zum Kampf um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht. Seinem Kampf, dem einen Kampf, der alles ändern könnte für ihn. Sogar die Vergangenheit.

Am 28. September, dem 100. Geburtstag von Max Schmeling, boxt Krasniqi in Hamburg gegen den Amerikaner Lamon Brewster. Das ist der Mann, der Wladimir Klitschko im vergangenen Jahr in der fünften Runde k. o. schlug. Gewinnt Krasniqi, ist er ein Held, vielleicht für die Ewigkeit. Er wäre der erste deutsche Schwergewichts-Champion seit 73 Jahren, seit dem legendären Schmeling.

"Ich verehre Max. Ich habe ihm vor drei Jahren versprochen, dass ich den Titel zurück nach Deutschland hole", sagt Krasniqi. Zurück nach Deutschland - für Krasniqi, geboren im Kosovo, ist Rottweil seine Heimat. "Ich kenne nur eine Nationalhymne", sagt er, "und das ist die deutsche. Punkt." Über Zugehörigkeitsgefühle will er nicht reden. "Was soll das? Ich bin seit 18 Jahren hier, das Thema ist durch für mich." Krasniqi hat andere Themen, seine ganz persönlichen.

Aber der WM-Kampf

und auch diese eine Niederlage, die ihn noch immer so aufwühlt, scheinen an diesem Abend sehr weit weg. Krasniqi erzählt lieber von früher. Von der Kindheit in Junik, acht Kinder waren sie, er das jüngste, die Erziehung übernahmen die Großeltern, Vater und Mutter waren kurz nach seiner Geburt ausgewandert. Mit 16 zog er zu den Eltern nach Rottweil, meldete sich beim Leichtathletikverein an und wollte Zehnkämpfer werden. "Die Spikes waren mir aber zu teuer, 299 Mark für ein bißchen Gummi mit Nägeln drunter", sagt er. "Im Boxklub habe ich gleich ein paar Handschuhe geschenkt bekommen - schon hatten sie mich gekauft."

Luan Krasniqi kann das gut, Geschichten erzählen, immer laufen sie auf eine Pointe zu. Er reiht in seinem Schwäbisch Anektdote an Anekdote, so kann das eine ganze Stunde gehen, aber irgendwann merkt man, dass Krasniqi ein Gespräch wie einen Boxkampf führt. Die ersten Runden sind nur ein lockeres Fäusteln, durch seinen Witz hält er Distanz. Je länger so ein Abend geht, desto mehr lässt Krasniqi die Deckung sinken, er öffnet sich, wird mutiger. Er muss etwas unbedingt loswerden, er wird immer lauter, und auf einmal ist es ihm ganz egal, ob er sich dadurch verwundbar macht.

Die Geschichte, die Krasniqi umtreibt, die ihn zu zerreißen droht, liegt schon länger zurück. Westfalenhalle Dortmund, 20. Juli 2002. Krasniqi kämpft gegen Przemyslaw Saleta aus Polen. Krasniqi muss seinen EM-Titel verteidigen, und so, wie er gleich eindrischt auf Saleta, wird das wohl nicht lange dauern. Das Publikum kreischt, gleich wird Saleta fallen.

Doch Saleta fällt nicht. Nicht in der ersten Runde, nicht in der zweiten, nicht in der dritten. Er vergräbt seinen Kopf in den Handschuhen, und das ist eine gute Taktik. Krasniqi prügelt einfach weiter, immer auf die Deckung, das kostet Kraft. In der siebten Runde atmet er schwer, sein Mund steht offen. Die sonst so gefürchteten Aufwärtshaken kommen nur noch wie in Zeitlupe. Dann die achte Runde: Krasniqi taumelt benommen durch den Ring, Saleta trifft ihn einige Mal krachend an der Schläfe. Der Pausengong ist eine Erlösung.

In der Ringecke

läuft alles wie gewohnt. Trainer Michael Timm kühlt die Wunden im Gesicht und reicht Wasser. Plötzlich sagt Krasniqi: "Schluss, ich hab genug!" Hektisches Gemurmel in der Ringecke. Timm reagiert zunächst nicht. Krasniqi keucht: "Ich kann nicht mehr, aus!" Timm: "Hör doch auf mit dem Quatsch!" Krasniqi: "Nein." Dann kommt der Gong zur neunten Runde. Krasniqi meldet sich beim Ringrichter ab. Saleta reißt die Arme hoch, er kann sein Glück nicht fassen. Timm schneidet Krasniqi stumm die Handschuhe auf.

Drei Jahre liegt das zurück, aber das Gefühl von damals ist noch immer da. Und wenn Krasniqi davon erzählt, wirkt das, als liefe ein Film in ihm ab, so bildmächtig sind seine Worte. "Kurz nach der Niederlage war ich nicht mehr aus Fleisch und Blut", sagt er. "Ich habe nur noch aus Fragezeichen bestanden: Bist du zu doof fürs Boxen? Zu weich? Zu feige?" Die Selbstzweifel legten sich in den folgenden Tagen. Krasniqi analysierte den Kampf sachlich, das half ihm. Er war schlecht vorbereitet gewesen, hatte kurzfristig als Hauptkämpfer für den verletzten Vitali Klitschko einspringen müssen, litt selbst unter einer Sehnenreizung an der Schulter, es konnte nicht gut gehen. "Schluss zu machen war unter diesen Umständen goldrichtig", sagt er heute. "Alles andere wäre Selbstmord gewesen. Ich trage eine Verantwortung für meinen Körper."

Bei Universum in Hamburg, Krasniqis Boxstall, sahen sie das im Sommer 2002 ganz anders. Für die Kollegen war Krasniqi eine Memme. Aufgeben, das gibt es nicht im Ring, man muss auch mal einstecken können. "Frau Krasniqi" nannten sie ihn, den Hünen, 1,92 Meter groß, 104 Kilo schwer. Jemand stellte ihm Pantoffeln vor den Spind. Das hieß: Wir wollen dich nicht mehr, hau ab! Krasniqi blieb trotz der Kränkungen. Er wollte unbedingt eine zweite Chance.

Drei Jahre musste er dafür kämpfen, sich wieder von unten hoch boxen, raus aus dem Vorprogramm, wenn das Publikum gelangweilt am Biertisch steht. Jetzt ist sie endlich da, die zweite Chance. Und Krasniqi tut alles dafür, sie zu nutzen.

So wie an diesem Nachmittag, einem von so vielen. Gewerbegebiet Rottweil-Moker, Hinterhof, Kellerraum. Aus einem Ghettoblaster stampfen Rap-Songs. Rechts in der Ecke steht Krasniqi vor einem Spiegel. Er blickt prüfend an sich hinab, eine halbe Minute vielleicht, dann beginnt er zu tänzeln. Seine Augen hat er jetzt zu Strichen zusammengepresst. Plötzlich schnellt seine rechte Faust nach vorn. Paff, brüllt Krasniqi und feuert mit der linken zwei kurze Haken hinterher. Paff, paff. Eine Viertelstunde lang geht das so, Krasniqi schlägt Löcher in die Luft, schreit, und auf seinem T-Shirt zeichnet sich ein nasser Brustring ab.

Schattenboxen, eigentlich eine gemütliche Aufwärmübung - doch für Krasniqi ist es viel mehr. Es wühlt ihn auf, in Gedanken ist er schon im Ring. Im Nahkampf. "Ich sehe immer meinen nächsten Gegner vor mir", sagt er. "Wie ich ihn erwische, zack, rechte Gerade, linke Gerade, Leberhaken. Und wie er dann auf die Bretter kracht. Ein geile Vorstellung."

Später, kurz vor Mitternacht im "Delfino", gibt sich Krasniqi nun gar keine Mühe mehr, etwas von sich zu verstecken. Jetzt teilt er mächtig aus. Das ganze Boxbusiness bekommt Prügel, die "egoistischen und feindseligen Kollegen", die "geldgeilen Manager", die "korrupten Ringrichter". Mitten im Schlaghagel stoppt er plötzlich und sagt: "Sorry, so meine ich's nicht. Ich leiere bloß wieder meine alte Platte runter." Krasniqi kann das auch, zu sich selbst auf Distanz gehen. Aber es fällt ihm sehr schwer.

Torsten Schmitz,

seit fast zwei Jahren Krasniqis Trainer, weiß das nur zu genau. "Ja, ja", brummt er und dreht die Augen zur Decke, wenn man ihm von diesen Schimpftiraden erzählt. Schmitz, 41, mag keine Gefühlsausbrüche. Er ist ein leiser Mensch, seine Kommandos beim Training flüstert er nur. Manchmal versteht ihn Krasniqi nicht und schlägt einfach weiter auf den Sandsack ein. Schmitz sagt: "Er will mich nicht verstehen."

Es ist ein ständiges Ringen um Macht zwischen den beiden, ein Ausloten von Grenzen. Schmitz hat eine Engelsgeduld, Telefonieren während des Trainings, Zuspätkommen - "kostet zehn Euro Strafe, ist dann abgehakt".

Doch es bleibt nicht bei solchen Kleinigkeiten. Wochenlang bereiten sich Schmitz und Krasniqi auf einen Kampf vor, sprechen minutiös die Taktik ab, und dann macht Krasniqi im Ring doch, was er will. Immer drauf, ohne Sicherung, "wie ein Kirmesboxer", sagt Schmitz. So war es im EM-Kampf 2004 gegen René Monse, so war es auch gegen Timo Hoffmann. Beide Male ging es gut.

"Gegen einen Weltklassemann wie Brewster kann Luan sich das aber nicht leisten", sagt Schmitz. "Sonst liegt er in der ersten Runde gleich am Boden." Schmitz hat noch keinen Weg gefunden, Krasniqi während des Kampfes zu besänftigen. "Ich frage in den Pausen meist nur: Luan, weißt du, was du tust?" Der Blick geht oft an Schmitz vorbei, Krasniqi ist dann in seiner eigenen Welt. Das Duell gegen Brewster wird zeigen, ob Krasniqi gereift ist. Ob er sich noch immer von seinem Instinkt leiten lässt, oder ob er den Worten seines Trainers vertraut. Krasniqi will davon nichts wissen. Er sagt: "Ein bisschen Feuer gehört zum Boxen dazu. Ich bin halt so."

Er hat eigentlich alles, um ein großer Star zu werden. Er ist ein überragender Boxer: harter Punch, starke Führhand, bewegliche Beine. Seine stärkste Waffe ist ein blitzschneller, mitunter vernichtender Aufwärtshaken. Experten sagen, es sei der beste weltweit. Doch nicht nur Krasniqis Fäuste sind außergewöhnlich. Er spricht sieben Sprachen, ist ein charmanter Plauderer, hat Witz und Selbstironie.

Aber da ist diese Wut

in ihm. Eine Gossenwut, wie man sie von Boxern wie Graciano Rocchigiani kennt, die sich raus-prügeln wollen aus ihrem Kiez. Dabei ist Krasniqi kein Milieuboxer. Er hat Abitur, war Kundenberater bei einer Bausparkasse, es gibt keine Frauengeschichten, keine Exzesse. Und dennoch kocht es in ihm. Er glaubt ständig, irgendjemand etwas beweisen zu müssen. Zuschauern, Trainern, Journalisten, allen, die ihn abgeschrieben hatten nach dem Saleta-Kampf. Und besonders seinem Promoter, Universum-Chef Klaus-Peter Kohl. "Kohl hat nie viel von mir gehalten", sagt Krasniqi. "Ich darf jetzt nur um den WM-Titel kämpfen, weil die beiden Klitschkos abgehauen sind von Universum. Kohl braucht mich, sein Geschäft muss ja weitergehen."

Luan Krasniqi weiß selbst, dass er manchmal hart in seinen Urteilen ist. Er versucht dann, solche Sätze wieder einzufangen. Schränkt ein, mildert ab, um erneut nachzulegen. Dieser innere Kampf, das ist zu spüren, braucht eine große Bühne. "Wenn ich gegen Brewster gewinne, hat alles einen Sinn gehabt", sagt Krasniqi. Und wenn nicht? Er lächelt. "Das Leben geht weiter." Nur der Gegner in ihm selbst, der wird bleiben.

Christian Ewers / print

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