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Umstrittene Dopingsperre: Pechsteins langer Kampf um die Ehre

Welch ein Sturz, welch ein Kampf: Nach ihrer Dopingsperre behauptet sich die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein mit aller Kraft - und schreibt damit Sportgeschichte.

Von Michael Stoessinger

Harte Bandagen: Claudia Pechstein legt sich mit Gegnerinnen und Gerichten an

Harte Bandagen: Claudia Pechstein legt sich mit Gegnerinnen und Gerichten an

Vielleicht Nadja Uhl. Sie hat gerade erst im ZDF-Mehrteiler "Tannbach – Schicksal eines Dorfes" brilliert. Und der ist ja auch angesiedelt im Grenzbereich zwischen Deutschland Ost und Deutschland West. Im Grenzbereich zwischen menschlicher Größe und Jämmerlichkeit. Ja, ganz bestimmt, Nadja Uhl könnte die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein spielen und deren seit sechs Jahren andauernden verzweifelten Kampf gegen ihre Dopingsperre, um ihren Ruf und ihre Existenz. Die Uhl hat die Wandlungsfähigkeit, die es braucht. Ihr nimmt man die Verbissenheit der Höchstleistungssportlerin ab, die sich und andere nicht schont. Erst recht nicht schwerfallen dürfte Uhl die emotionale, die gewinnende Pechstein, die immer wieder Mädchenhafte, Verlegene.

Die Einstiegsszene wäre ein Hinterhof in Köpenick, alter Backsteinbau, der noch auf seine Erweckung als Loft wartet. Vor dem Gebäude parkt ein silbergrauer Hummer; das ist dieser amerikanische Ausnahmezustand auf vier Rädern, der beweist, dass auch deutsche Zulassungsstellen ein Herz für Cowboys haben. Er gehört Pechsteins Lebensgefährten Matthias Große, dessen Rolle mit einem wie Heinz Hoenig besetzt werden müsste. Nur 20 Jahre jünger und 30 Kilo leichter. Der Hoenig aus dem großen Bellheim. Einer, der mit allem Charme der Welt und aller körperlicher Präsenz sagt: Ich kann auch ganz, ganz anders. Seitlich rechts vom Backsteinbau geht eine Stiege hoch. Die Stufen knarzen. Am Ende eines längeren Ganges steht Nadja Uhl für die erste Einstellung.

Weil es nun für einen kurzen, aber sehr wichtigen Moment sehr kompliziert wird, braucht es einen Erzähler, der den Handlungsfluss bricht. Erklärt werden muss das Wort Retikulozyten. Das sind kleine, noch unreife Blutkörperchen. Wenn sie groß sind, werden sie den Sauerstoff durch den Körper transportieren. Manche Menschen haben von Geburt an höhere Reti-Werte – wie Claudia Pechstein. Aber diese Werte sagen nichts über Doping aus. Das weiß die Wissenschaft seit ewigen Zeiten, die Sportfunktionäre und Sportrichter wollten das aber nicht wahrhaben.

Die Geschichte einer Selbstbehauptung

Der zweite Begriff ist geläufig: In dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten. Aber auch dieser rechtsstaatliche Grundsatz scherte die internationalen Sportfunktionäre bislang wenig. Schließlich muss der Erzähler noch kurz die "ordre public" erklären, den rechtsstaatlichen Vorbehalt gegen nicht staatliche Gerichtsentscheidungen. Klingt komplizierter, als es ist: Sportler mussten sich bisher der Sportgerichtsbarkeit unterwerfen, der Gang vor ein ordentliches Gericht war ausgeschlossen.

Dann trat am Donnerstag vergangener Woche um kurz nach neun Uhr Richter Rainer Zwirlein am Münchner Oberlandesgericht auf den Plan und ließ die Millionen Euro schwere Schadensersatzklage der Claudia Pechstein gegen den Eislaufweltverband ISU zu. Der Gang des Bürgers vor ein ordentliches Gericht habe Verfassungsrang. Wäre ja noch schöner, wenn da irgendein Staat im (Rechts-)Staate seine eigenen Gesetze zimmerte. Nach dem Richterspruch rangen alle um Fassung: der gegnerische Anwalt, die Funktionäre, die Sportlerin selbst. Was für ein Urteil, was für ein Stoff für die Geschichte einer Selbstbehauptung. "Jede andere", sagte der deutsche Verbandspräsident Gerd Heinze noch im Gerichtssaal, "jede andere wäre auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Untergegangen. Nie wiedergekommen. Unglaublich. Und jetzt ..?"

Noch ein Sieg: Claudia Pechstein freut sich nach dem Urteil des Oberlandesgerichts München, das zu ihren Gunsten ausfiel

Noch ein Sieg: Claudia Pechstein freut sich nach dem Urteil des Oberlandesgerichts München, das zu ihren Gunsten ausfiel

Ein womöglich historisches Urteil

Jetzt steht Claudia Pechstein, zwei Tage nach dem Urteil, am Ende des längeren Flurs und bittet ins Büro ihres Lebensgefährten Matthias Große. Er macht in Immobilien, und ohne ihn gäbe es die Claudia Pechstein von heute nicht. Das Erste, was in den Blick gerät, ist eine feldgraue NVA-Uniform, die an der Wand baumelt. Große hat an der Minsker Militärhochschule studiert: "Vier Jahre und neun Monate in der Sowjetunion, einmal im Jahr nach Hause, vor dir eine Karriere, die dich vielleicht bis in den Generalsrang führt, und dann sagen sie dir, der antifaschistische Schutzwall sei gefallen, dein Studium ist plötzlich umsonst, und du fängst bei null an."

Große hat eine galoppierende, eine lebhafte Sprache, man könnte ihm jetzt Stunden zuhören, aber belässt es besser bei der einen Anekdote. Die aber ist wichtig zum besseren Verständnis. Große hat sich von ganz unten nach oben gearbeitet; und nur diese Energie, da ist sich Claudia Pechstein sicher, habe sie in diesem Leben gehalten. Sie sagt: "Und jetzt diese Dimension, dieses Urteil, das vielleicht Sportgeschichte schreiben wird. Nicht nur deutschlandweit. Und dass dies so ist, habe ich vor allem Matthias zu verdanken. Seiner Kraft. Allein hätte ich das nie geschafft. Das Kalkül der Internationalen Eislaufunion war doch: Die ist schon 37, die kommt nicht wieder. Die haben mir über meinen Anwalt sogar noch während der Sportgerichtsverhandlungen 2009 das Angebot gemacht: Tritt zurück, und wir lassen alles fallen, es wird dann keinen Fall Pechstein geben. Die wollten mich endlich weghaben. Das sind Betrüger."

Am 7. Februar 2009 nimmt alles seinen Lauf

Seinen Ausgang nimmt der Fall Pechstein 2009 im norwegischen Hamar. Genauer: am 7. Februar gegen 22.45 Uhr mit dem Auftritt des deutschen Teamchefs Helge Jasch, wie Pechstein in ihrem Buch ("Von Gold und Blut") schreibt: "Du kannst morgen nicht starten! – Wie, ich kann morgen nicht starten? Was ist denn los? – Du musstest ja heute noch mal zur Blutkontrolle. Und deine Blutwerte sind nicht normal. – Wie, meine Blutwerte? Meine Blutwerte sind immer normal gewesen. – Diesmal nicht. Deine Retikulozyten sind erhöht ... Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Wort Retikulozyten höre." Dieses Wort wird Claudia Pechstein die nächsten Jahre begleiten und ist der eine Teil eines Begriffspaares.

Der andere: der sogenannte indirekte Beweis. Im ewigen, im epischen Kampf gegen künstliche Stimulanz entwickelt die Welt-Antidoping-Agentur WADA 2009 ein neues Verfahren zur Aufdeckung: Selbst wenn A- und B-Probe negativ sind, so gilt die Veränderung eines Blutwertes schon als Nachweis einer Manipulation. Egal, ob diese Veränderung leistungssteigernd ist. Egal auch, womit diese Manipulation herbeigeführt worden ist.

Damit wird in der Welt des Sports die in Rechtsstaaten übliche Beweislast umgekehrt: Der Sportler muss künftig nachweisen, dass er sauber ist. Die Toleranzgrenze sind 2,4 Prozent Retikulozyten, Claudia Pechsteins Werte liegen zeitweise jenseits der 3 Prozent.

Zum Zeitpunkt der Sperre ist sie rund 350 Mal in ihrer Karriere getestet worden: Alle A- und B-Proben waren negativ. Die Hämoglobinkonzentration – also der Proteinkomplex, der in den roten Blutkörperchen den Sauerstoff bindet – war stets im Normbereich. Die Erhöhung des Wertes ist ein Beweis für Doping, denn je höher der Hämoglobinhaushalt, desto mehr Sauerstoff kann der Körper aufnehmen – und desto leistungsfähiger wird er.

Gewinnerin: Bei den Olympischen Spielen in Turin holt Pechstein über 5000 Meter die Silbermedaille. Insgesamt gewann sie zwischen 1992 und 2006 neun Olympia-Medaillen.

Gewinnerin: Bei den Olympischen Spielen in Turin holt Pechstein über 5000 Meter die Silbermedaille. Insgesamt gewann sie zwischen 1992 und 2006 neun Olympia-Medaillen.

Alles kaputt: Erst die Ehre, dann die Ehe

Im Sommer 2009 wird der "Dopingfall Pechstein" publik. Was für ein Szenario: im Zentrum die erfolgreichste olympische Wintersportlerin, fünfmal Gold, Silber- und Bronzemedaillen, Weltmeistertitel. Sie war das Aushängeschild ihres Sportverbands und siegte jahrzehntelang auch zur Freude der nationalen Olympia-Funktionäre. Claudia Pechstein also, 37 Jahre alt, "überführt" mit der neuen Methode. Pechstein darf nicht einmal mehr mit der Mannschaft trainieren. Wenn sie doch zeitgleich auf dem Eis sind – so viele professionelle Hallen gibt es ja nicht in Deutschland –, dann muss die Pechstein Abstand halten. Platzverweis, als wäre da eine Stalkerin unterwegs. Seit ihrem sechsten Lebensjahr ist sie auf dem Eis, hat es in ihrem Sport zur Perfektion gebracht; wie anders soll man neun Olympiamedaillen zwischen 1992 und 2006 erklären?

Jetzt verliert sie alles: ihre Reputation, die Sportförderung des Bundes, Sponsoren, am Ende den Halt. Und dann sitzt da zu Hause einer, der ganz offenbar nicht gemacht ist für existenzielle Krisensituationen: ihr Ehemann Marcus. Seit über zehn Jahren sind sie verheiratet und haben sich eingerichtet in ihrem Rollenleben. Sie ist unterwegs, verdient das Geld, er wartet daheim auf die Rückkehr seiner Claudia – vom Training, von Presse- und Sponsorenterminen, von Wettkämpfen.

Das läuft so vor sich hin, wie das so ist in Ehen, die früh in Routine übergehen. Jetzt aber, im Sommer 2009, ist alles anders, sind die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Vergangenen Samstag sagt Claudia Pechstein im Büro ihres Lebensgefährten: "Ich musste da raus. Ich wusste, mein Mann ist kein Kämpfer, der hilft mir nicht, der saß ja immer nur zu Hause rum." Boulevardesk gewendet: Pechstein. Alles kaputt: erst die Ehre, jetzt die Ehe.

Und dann kam "Matze"

Und dann lernt sie diesen "Matze" kennen, diesen energiegeladenen Köpenicker Unternehmer. Er hat von ihrem sportlichen Schicksal gelesen und ihr angeboten, sie zu unterstützen. Weil Matze Großes Angebote so intensiv ausfallen, er lässt eben nicht locker, treffen sie sich, gehen essen. Sie verlieren die Zeit, und über eine Spanne von vier Flaschen Wein erzählt Pechstein dem Große von ihrem Leben und ihrem Leiden.

Fortan kümmert sich Große, erst um die wirtschaftlichen Angelegenheiten, schließlich auch ums große Ganze. "Das ist dann so passiert", sagt er. "Und ich wollte keine Affäre, keine Faxen, richtige Sachen oder gar nicht." Gemeinsam mit Manager Ralf Grengel sind sie zu Pechsteins Mann gefahren. "Es ist vorbei", habe er dem mitgeteilt, sagt Große. "Und wissen Sie, was der als Erstes sagt: Ich will 3000 Euro im Monat. Das ist dessen erster Satz nach der Trennung von seiner Frau."

Aber das ziehen die beiden durch, wie alles andere auch, was noch kommt. "Wir standen da zusammen, und ich stand vor der Claudia. Sie wäre doch zerquetscht worden." Das Wir ist Große zur zweiten Natur geworden. Er benutzt es auch, "wenn wir zum Wettkampf gehen", "wenn wir beim Training sind". Es ist kein Wichtigtuer-Wir, eher so ein behütendes: wir gegen den Rest der Welt. Und wenn schon nicht gegen den ganzen Rest, so doch gegen die Sportfunktionärswelt.

Ein auffälliger Blutparameter reicht als indirekter Beweis

Im Sommer 2009 befindet die Disziplinarkommission der Internationalen Eislaufunion Claudia Pechstein für schuldig – nun steht nur noch das oberste Gericht des Sports, der Court of Arbitration for Sport (CAS) in Lausanne, als Beschwerdeinstanz offen. Pechstein hat sich untersuchen lassen auf eine mögliche Blutanomalie, wie sie einer von etwa 2000 Menschen hat. Und sie hat mit dem Lübecker Hämatologen Wolfgang Jelkmann einen Gutachter an ihrer Seite, der auch schon für die Welt- Antidoping-Agentur tätig war und einen exzellenten Ruf genießt.

Die gängigste Dopingmethode ist Epo, Erythropoetin, ein körpereigenes Hormon, das bei Blutanämien als Medikament eingesetzt wird – und auch für betrügerische Sportler und ihre Ärzte interessant ist. Aber "wenn Doping mit Epo oder ähnlichen Substanzen betrieben worden wäre", erklärt Jelkmann, "dann hätten sich auch die Blutwerte Hämoglobin und Hämatokrit nach oben entwickeln müssen. Was gegen Doping mit Epo spricht, ist doch, dass bei Frau Pechstein nie – jetzt seit 15 Jahren – etwas Verbotenes nachgewiesen wurde, egal, ob zum Zeitpunkt sehr hoher Retikulozyten oder nicht."

Zum Zeitpunkt der Urteilsbegründung, also der Bestätigung der Sperre vor dem CAS, ist nur noch ein Gutachter vom Doping überzeugt – und selbst der schließt eine Blutanomalie, also eine Erkrankung, nicht aus. So urteilen die Richter: "Tatsächlich stimmten die Sachverständigen dahin gehend überein, dass die abnormalen Retikulozyten- Werte möglicherweise nicht nur auf eine unerlaubte Manipulation des Blutes zurückzuführen sind."

Mit Sachverständigen meinen sie sowohl die der Beschwerdeführerin Pechstein als auch die Beschwerdegegnerin ISU. Es könne sich "um eine angeborene Anämie" (Blutarmut) handeln. Die Aussage hindert die Richter aber nicht daran, zehn Punkte weiter unten in ihrer schriftlichen Begründung zu schließen: "Nachdem die Möglichkeit einer Bluterkrankung mit Sicherheit ausgeschlossen wurde, (halten) die verschiedenen Erklärungen, die die Athletin für die hohen Retikulozyten- Werte vorgebracht hat, einer genauen wissenschaftlichen Untersuchung nicht stand."

Am 25. November bestätigt der CAS die zweijährige Sperre für Claudia Pechstein. Nur sechs Tage später erlässt die Welt-Antidoping-Agentur ihre bisher nur im Entwurf vorliegenden Richtlinien: Danach reicht ein einziger auffälliger Blutparameter als indirekter Beweis nicht aus.

Kämpfer-Paar: Claudia Pechstein und ihr Lebensgefährte Matthias Große

Kämpfer-Paar: Claudia Pechstein und ihr Lebensgefährte Matthias Große

"Sie haben nicht mit meiner Stärke gerechnet"

Wie konnte es unter diesen Umständen zu der CAS-Entscheidung kommen? "Weil sie das unbedingt so wollten, aber sie haben nicht mit meiner Stärke gerechnet. Und nicht mit der von Matze", sagt Claudia Pechstein. "Das war doch symbolisch", sagt er: "Da kommt diese uneingeschränkt starke Olympiasiegerin, neun Medaillen, aus der DDR, 37 Jahre alt. Und dann ist da dieses neue Nachweisverfahren. Da dachten die, das passt!"

Wie sie da so sitzen, diese beiden, im Köpenicker Hinterhof, wie die Gesprächs- und Argumentationspunkte ineinandergreifen, das hat schon etwas Symbiotisches. Die beiden scheinen wie gemacht für große, gemeinsame Abwehrschlachten, die ja Feindbilder voraussetzen. Vielleicht hat Claudia Pechstein ihr Sportlerleben lang immer Feindbilder gebraucht, um über sich hinauszuwachsen. Vielleicht waren deshalb in den ganzen Jahren vor und nach der Sperre, vor und nach dem sogenannten Dopingskandal, die Blätter stets voll mit den Geschichten um Zickenkriege mit der (west-)deutschen Konkurrentin Anni Friesinger. Vielleicht braucht Claudia Pechstein die Polarisierung, um bei allem Talent und bei aller Willensstärke die Leistung aus sich herauszuholen, die sie als Erste über die Ziellinie trägt.

Wenn das so ist, dann ist allerdings schon erstaunlich, dass die Jahre des Kampfes, die Jahrzehnte des kräftezehrenden Höchstleistungssports mit all den Zehntausenden Trainingskilometern, dass diese Extremphasen sich gar nicht eingegraben haben in ihren Gesichtszügen. An diesem Samstagmittag sitzt da eine Frau, noch im Trainingsanzug, kein Kajal, ungeschminkt, und wirkt fünf Wochen vor ihrem 43. Geburtstag locker zehn Jahre jünger.

Wenn das Gesicht des Menschen ein Spiegelbild der Seele ist, wo sind dann die Verwundungen, die Niederlagen? Wo bildet sich die Verzweiflung ab, die sie zum Beispiel nach dem Ablauf der Sperre schüttelte? Am 12. Februar 2011, vier Tage nachdem sie wieder startberechtigt ist, will Claudia Pechstein in Erfurt zur Weltcup-Qualifikation antreten, doch in der Nacht sagt sie zu ihrem Matze: "Ich kann nicht, es geht nicht mehr." – "Wenn du das jetzt absagst, dann ist es vorbei, Claudia, dann hast du auch keine Chance auf Rehabilitierung", sagt er. Große weiß in diesem Moment: Pechsteins Gang durch die Instanzen hat nur Durchschlagskraft, wenn sie auch läuft.

Und so läuft sie, "es ist ja mein Leben": erst in Erfurt, dann beim Weltcup, bei Weltmeisterschaften, schließlich bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi. Auf ihren Strecken, den 3000 und 5000 Metern, wird sie Vierte und Fünfte. Ein paar Tage vor ihrem 42. Geburtstag. Keine der jungen deutschen Konkurrentinnen ist besser. Sie läuft und läuft und läuft, es ist ja ihre zweite Natur.

Den Dopingverdacht haben zu diesem Zeitpunkt beinahe alle Wissenschaftler ausgeräumt. Es ist der Münchner Facharzt Stefan Eber, ein pädiatrischer Hämatologe, Kinderund Jugendarzt, dem der Nachweis einer vom Vater ererbten Bluterkrankung gelingt. Selbst die Kritiker räumen ein: "Nach dem heutigen Stand hätte Claudia Pechstein nicht gesperrt werden dürfen." Inzwischen lässt der Deutsche Olympische Sportbund "die diskutierten medizinischen Fragen" neu bewerten. Wer weiß, vielleicht trägt Claudia Pechstein bei ihren siebten Olympischen Spielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier. Es wäre der größtmögliche Schadensersatz. Und doch: Irgendwann, das weiß selbst sie, ist Schluss. Man kann nicht ein ganzes Leben im Angriffsmodus sein. Was man natürlich kann, ist angreifen lassen.

In der letzten Einstellung sitzt Nadja Uhl in Berlin-Hohenschönhausen am Rande der Eisbahn. Heinz Hoenig ist nicht da, es soll ja nicht zu kitschig werden. Die Uhl sitzt wie selbstvergessen an der Bande, den Blick nach unten. Plötzlich schaut sie aufs Eis und ruft der Gruppe trödelnder junger Eisläuferinnen zu: "Nun mal Tempo, jetzt! Wenn ihr Gesundheitssport betreiben wollt, geht ins Fitnessstudio."

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