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Dirk Nowitzki: "Ich stehe irgendwie zwischen den Welten"

Würzburg ist seine Heimat, Dallas sein Zuhause. Er ist ein schüchterner Junge, der auf dem Spielfeld den Vollstrecker geben muss. Basketballer Dirk Nowitzki über sein Leben in den USA und das Überleben in der NBA, der härtesten Profiliga seines Sports.

Von Stephan Draf und Christian Ewers

Herr Nowitzki, am Dienstag beginnt die neue NBA-Saison. Haben Sie noch Lust?

Klar. Warum fragen Sie?

Die vergangene Saison war ja enttäuschend für Sie. Mit Ihrem Team, den Dallas Mavericks, sind Sie in der Meisterschaft früh gescheitert. Und Sie mussten den Lückenbüßer spielen - auf Positionen, die völlig neu für Sie waren.

Stimmt, ich musste direkt unter dem Korb spielen, da stehen Kerle, die 20 bis 30 Kilo mehr wiegen als ich. Aber wir haben uns gut verstärkt und auch taktisch umgestellt - diese Maßnahmen dürften mich entlasten. Wir sind als Team stärker geworden.

Aber der größte Druck lastet doch noch immer auf Ihnen. Ihr Trainer Don Nelson hat schon angekündigt: "Wir werden alle Spielzüge über Dirk laufen lassen."

Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass ich mich auf der Bank ausruhen darf.

Dann nehmen Sie uns doch mit ins Spiel: Zwei Verteidiger hängen an Ihrem Arm, die Spielzeit läuft ab, und Sie sind auch noch in einer schlechten Wurfposition. Und dann...

...und dann geht der Ball rein oder nicht.

Und wenn nicht?

Dann ist es schrecklich. Aber wenn er reingeht, ist das ein Riesengefühl, davon zehre ich manchmal noch Tage. Das Schönste dabei ist das Vertrauen der Mitspieler. Ein Pass zu mir in den letzten Sekunden bedeutet: Wir alle glauben an dich, du schaffst es. Wenn es dann klappt, ist es wunderbar. Dann habe ich dem Team etwas zurückzahlen können.

Sind Sie von Natur aus ein Anführer?

Nein, ich bin eher zurückhaltend. Vielleicht sogar schüchtern. Ich bin nur durch Leistung in die Rolle des Vollstreckers hineingewachsen. Und wenn ich einen schlechten Tag habe, darf mir ruhig gerne jemand die Verantwortung abnehmen.

Es gibt Basketballer, die bis zur letzten Minute nichts treffen, dann trotzdem den Ball fordern und den Wurf verwandeln.

So ein Selbstbewusstsein fehlt mir. Ich bin eben noch kein Superstar. Spieler wie Michael Jordan, Larry Bird und Kobe Bryant stehen einfach über mir. Aber ich verzweifle nicht, denn auch diese Coolness kann man sich antrainieren, so wie eine Wurftechnik.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie den Ball zehn Sekunden vor Schluss bekommen?

Da ist kein Raum für Gefühle. Ich bin mit ganz praktischen Problemen beschäftigt: Wie gehe ich an meinem Gegenspieler vorbei? Langsam, um ein Foul zu provozieren und Freiwürfe zu bekommen? Oder soll ich doch besser direkt punkten? Diese Entscheidung muss ich in Bruchteilen von Sekunden treffen.

Aber bei Freiwürfen haben Sie ja quälend lange Zeit...

...ja, der Druck ist dann ganz anders. Die ganze Halle schreit gegen dich, du verstehst dein eigenes Wort nicht, die Leute wedeln mit Plastikschläuchen, um dich zu irritieren. In solchen Situationen setze ich auf immer gleiche Abläufe: Ich tippe den Ball dreimal auf, atme noch einmal tief ein, das stabilisiert. Oft summe ich auch mein Lieblingslied, "Mr. Jones" von den Counting Crows. So kann ich mich aus dieser Halle heraussingen, nach Hause in den Sessel, oder auch in die Bar, in der ich das Lied zum ersten Mal gehört habe.

Klingt wie aus einem Psycho-Ratgeber.

Ich weiß, innerlich wehre ich mich auch gegen vorgestanzte Verhaltensweisen. Ich bin erst 26 Jahre, da soll Basketball noch keine Fließbandarbeit sein. Basketball ist nämlich das Gegenteil von Routine, Basketball erfindet sich immer neu.

Auch das Coaching verändert sich. Die Mavericks leisten sich seit einigen Jahren einen Mentaltrainer - kann er Ihnen helfen?

Der hat hat sogar ein Buch für unsere Mannschaft geschrieben. Überhaupt wird in Amerika viel Wert auf mentale Fitness gelegt. Ich habe hier gelernt, wie wichtig die Freiheit im Kopf ist. Nicht alle Gedanken dürfen orange sein wie ein Basketball.

Dann sind Sie bestimmt ein Fan von Jürgen Klinsmann, der für die Fußball-Nationalelf einen Mentaltrainer engagieren will.

Klinsmann ist auf dem richtigen Weg. In Deutschland wurde die psychologische Betreuung viel zu lange belächelt - als ob das nur etwas für Sportler mit Dachschaden sei. Der neue Bundestrainer hat in kurzer Zeit viel bewegt. Jetzt kann man über Psychologie im Sport reden, ohne dass die Leute einen komisch angucken.

Was belastet Sie mental am meisten?

Danke der Nachfrage, mir geht es bestens. Manchmal nervt mich der Hype um meine Person. In diesem Sommer, als ich mit der Nationalmannschaft durch Europa gereist bin, habe ich gemerkt, dass ich wirklich überall im Mittelpunkt stehe. Im EM-Qualifikationsspiel gegen Belgien hat sich der Co-Trainer des Gegners von mir ein Autogramm geholt - während der Partie, als ich für eine Minute auf der Bank war. In den USA sind die Menschen glücklicherweise etwas gelassener.

Leben Sie lieber in Amerika als in Deutschland?

Ich bin hin und her gerissen. Würzburg ist meine Heimat, dort leben meine Eltern und meine Freunde. Ich mag die engen Gassen der Stadt, die Beschaulichkeit und die Kohlrouladen meiner Mutter. Dallas ist der Gegenentwurf zu Würzburg. Und trotzdem lebe ich dort gern. Abzutauchen, sich treiben zu lassen in so einer glitzernden Millionenstadt, das macht auch Spaß.

Könnten Sie sich vorstellen, nach Ihrer Karriere in den USA zu bleiben?

Das hängt von der Frau ab, die ich dann habe. Wenn Sie Amerikanerin ist und in den Staaten leben will, bleibe ich. Sonst gehe ich zurück nach Europa.

Gab es Momente, in denen Sie sich fremd gefühlt haben in den USA? So sehr, dass Sie den Job hinwerfen wollten?

Der Anfang war schon hart. Ich kam als absoluter Nobody, 19 Jahre alt, mit ein bisschen Schulenglisch. Zum Glück habe ich gleich Steve Nash kennen gelernt, der kam direkt aus Kanada und erlebte auch einen Kulturschock. Wir haben viel über unser Fremdsein geredet, sind was trinken gegangen und haben zusammen Gitarre gespielt. Wenn diese Freundschaft nicht gewesen wäre, hätte mein NBA-Abenteuer sehr schnell zu Ende sein können.

Steve Nash hat den Verein jetzt verlassen und spielt für die Phoenix Suns.

Ja, das ist traurig. Steves Vater hat mir nach dem Wechsel einen Brief geschrieben, dass ich in der Familie immer willkommen sei. Und dass ich für ihn wie ein zweiter Sohn bin. Das hat mich gerührt.

Sind solche Freundschaften in der NBA üblich?

Nein, dafür ist das Geschäft zu hart und zu sehr von Konkurrenz geprägt. Aber bei uns in der Mannschaft geht man auch mal privat essen, wir halten gut zusammen. Generell sind Amerikaner schon etwas unverbindlicher, Freundschaften, wie ich sie aus Deutschland kenne, sind schwer zu schließen. Andererseits fällt den Amerikanern in Europa auf, dass niemand grüßt und alle so miesepetrig rumlaufen. Ich kann mittlerweile beide Seiten verstehen. Ich stehe irgendwie zwischen den Welten.

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