Doping-Reaktionen aus Italien Kein Verständnis für Sünden-Zabel


Italien im Radrennfieber, noch mehr als sonst. Es läuft der Giro d'Italia. Und dann packen reihenweise Dopingsünder aus, darunter auch der bei den Italienern beliebte Erik Zabel. Fans, Radprofis und die Presse reagieren verschnupft. Muss man wirklich alles ausplaudern?
Von Luisa Brandl, Rom

Sie nannten ihn "Mister San Remo". Erik Zabel, vierfacher Sieger der Rennstrecke Mailand-San Remo, war in Italien ein bewunderter und beliebter Corridore. Sein Dopinggeständnis platzte nun ausgerechnet mitten in den Giro d'Italia. Die Beichte Zabels und seiner Kollegen des früheren Teams Telekom lösten in Italien Unverständnis und Empörung aus. Die Hochstimmung beim zweitgrößten Radrennen der Welt konnten die Skandale aus Deutschland jedoch nicht trüben.

Just am Tag der Pressekonferenz von Zabel, der auch für das deutsch-italienische Team Milram fährt, erlebte die Rundfahrt einen Höhepunkt. In den Bergen von Agnello und Izoard jubelten Tausende Fans unter der sengenden Sonne ihren Favoriten zu. 3.180.000 Italiener verfolgten daheim am Bildschirm das Rennen. Der Giro erzielte seinen Quotenrekord mit 38 Prozent. Der Held des Tages, Danilo Di Luca, übernahm das Rosa Trikot des Gesamtführenden und ließ sich als neuer "Patron des Giro" feiern. Der 31-Jährige fand für seinen Kollegen aus Deutschland allerdings nur missbilligende Worte. Zabel? "Ich verstehe nicht, warum die jetzt alle auspacken. Die sollten lieber den Mund halten, das ist doch alles kalter Kaffee und elf Jahre her."

"Amore & Doping"

Zabel hatte unter Tränen erklärt, er habe das Geständnis aus Liebe zu seinem Sohn ablegen wollen, damit der als Radsportler eine bessere Zukunft habe. Der seriöse "Corriere della Sera" titelte dazu flapsig "Amore & Doping". Millionäre hätten sich im medialen Beichtstuhl zur Schau gestellt. Die Geständnisse hätten gewirkt "wie Sitzungen der Selbstkritik in China zu Zeiten Mao Zedongs". Aber das Schlimmste, so der Corriere aus Mailand, sei, dass einige wie Zabel, Rolf Aldag und Christian Henn noch Machtpositionen im Radsport innehätten.

Ungeachtet der Nachrichten aus Germania feierte indes die "Gazzetta dello Sport", die auf rosa Papier gedruckt wird, den Sieger Di Luca, Der Fahrer mit Spitznamen "der Killer" erschien auf großem Foto, es zeigt in Nahaufnahme, wie zwei junge Damen gleichzeitig den Süditaliener auf die Wangen küssen. Neben dem Bild druckte das Herzblatt der Sportbegeisterten die knappe Stellungnahme Di Lucas über Zabel. Keine Silbe mehr zum Thema Doping.

"Opportunistisches Geständnis"

Auch das Outing des Dänen Bjarne Riis stieß in den italienischen Blättern auf Kritik. Das Geständnis käme zu spät und sei opportunistisch, denn Riis müsse keine Konsequenzen mehr für seine Karriere als Sportler befürchten, urteilte "La Repubblica". Früher habe er stets alle Vorwürfe konsequent abgewehrt. "Hämatokrit? Ich weiß gar nicht, was das ist", zitierte die römische Zeitung Riis aus einem italienischen Polizeibericht von 1998, als er zu dem berüchtigten Doping-Center in Ferrara befragt wurde. Persönlichkeiten aus dem Umfeld des Giro äußerten sich im "Corriere dello Sport" ebenfalls negativ über Riis. Beppe Saronni, heute Teamchef bei Lampre: " Die Beichte ändert nichts an der Vergangenheit, schadet aber dem Radsport heute, weil sie erzwungen wirkt."

Wenn im damaligen Telekom-Team das Blutdoping-Hormon Epo die Runde machte, ist es schwer vorstellbar, dass andere Mannschaften mit Telekom mithalten konnten, ohne etwas genommen zu haben, stellt "La Repubblica" fest. Doch für eine Aufarbeitung der Sünden im Radsport scheint in Italien die Zeit nicht reif zu sein. Mildernde Umstände wurden bereits für den 29-jährigen Ivan Basso (Team CSC) eingeräumt. Der Sieger der Tour 2006 muss nun augrund eines Teilgeständnisses mit einer Disqualifizierung von 21 Monaten rechnen. Was die Gazzetta zu dem Aufschrei veranlasste: "Basso ist das jüngste Opfer einer verlogenen, heuchlerischen Welt. Man macht es sich einfach, indem man ihn abstraft und abschüttelt, so als würde uns das nichts angehen." Das "Corriere"-Magazin vermerkte dazu kritisch: "Die Enthüllungen von Basso über die sieben Beutel Blut, die zum Dopen bereit standen, wurden nach dem uritalienischen Motto absorbiert: Così fan tutti" - alle machen es so.

Der Radsport ist italienischer Nationalsport. Die Italiener verbinden damit Legenden wie Franco Coppi und Gino Bartali. Die Leidenschaft rührt aus einer Zeit, als sich die meisten nicht viel mehr als ein Fahrrad leisten konnten. Felice Gimondi war der letzte Italiener, der 1965 die Tour gewann. Auch das Doping-und Drogenopfer Marco Pantani lebt in den Herzen der Italiener fort. Der staatliche TV-Sender RAI wird demnächst einen Spielfilm über das Leben des "Pirata" ausstrahlen. Di Luca spricht für viele, wenn er sagt: "Man kann im Leben Fehler machen. Wer sich jetzt an die Regeln hält, soll im Radsport bleiben können."

Das saubere Gesicht des italienischen Radsports

Doping-Probleme? Versenkt in die Hinterkammer des kollektiven Gedächtnisses. Der Ciclismo habe sich von Grund auf verändert, behauptet Di Luca. Kein anderer verkörpert das saubere Gesicht des italienischen Radsports derzeit besser als Marzio Bruseghin. Der 32-Jährige gilt als nicht fanatisch nach Rekorden, hat in elf Jahren nur einmal gewonnen. Der jüngste Etappensieger und Tabellenzweiter, gibt sich bodenständig und humorvoll. Plaudert ausgelassen auf der Pressekonferenz über seine 17 Esel, die er sich in seinem Heimatort Piadera (Treviso) hält. Weshalb seine Fans Kappen mit Eselsohren tragen, wenn sie ihn vom Straßenrand anfeuern. Und er sagt gewichtige Sätze wie: "Das Rennen ist nur ein Spiel. Hinter der Ziellinie beginnt erst das Leben." Zu den Doping-Geständnissen äußert er sich jedoch diplomatisch: das müsse jeder mit seinem Gewissen ausmachen.


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