HOME

Ewiger Medaillenspiegel: Deutsche könnten die Spitze übernehmen

Die Olympischen Spiele in Turin könnten die Spiele der Deutschen werden: Sie haben gute Chancen, im ewigen Medaillenspiegel an die Spitze zu klettern. Bester Winter-Olympionike ist jedoch ein amerikanischer Eisschnellläufer.

Bei den zweiten Olympischen Winterspielen in Italien haben die deutschen Athleten die historische Chance, die Führung im Medaillenspiegel aller Wintersportfeste zu übernehmen. Vor dem XX. olympischen Winter-Festival in Turin, das 50 Jahre nach Cortina d'Ampezzo die besten Sportler auf Eis und Schnee empfängt, stehen für die Deutschen mit 108 Goldmedaillen nur noch fünf Siege weniger zu Buche als bei den Russen, die bisher diese Rangliste dominieren. Sollte den Deutschen noch einmal solch ein Goldrausch gelingen wie vor vier Jahren in Salt Lake City, als es Olympiasiege gleich im Dutzend gab, wäre der Sprung an die Spitze aller Wintersport-Nationen keine Utopie.

Die Erfolgsstatistiken der bislang 19 Olympischen Winterspiele zeugen von einer klaren Dominanz der Ski- und Eisschnellläufer. Seit Nagano 1998 hat Loipenstar Björn Dählie den Thron des bestdekorierten Olympioniken inne. Acht Gold- und vier Silberplaketten schmücken den eleganten Loipen-Star. In Turin muss der Norweger nun erstmals um seinen Thron bangen, denn sein Landsmann Ole Einar Björndalen rückte Dählie mit dem Gewinn von vier Goldmedaillen als erfolgreichster Athlet in Salt Lake City schon gefährlich nah. Der Top-Biathlet belegt vor den Tagen von Turin mit insgesamt fünf Olympiasiegen den sechsten Rang dieser Erfolgs-Liste.

Eric Heiden ist unerreichbar

Er ist damit der einzige Olympia-Zweikämpfer, der sich im Vorderfeld behauptet, ansonsten platzieren sich fünf Langläufer und vier Eisschnelllauf-Asse unter den Top Ten. Der erste Ski-Star der Winterspiele war 1924 in Chamonix der Norweger Thorleif Haug, der beide Langlauf-Disziplinen und die Nordische Kombination gewann. Die Russin Raissa Smetanina kam zwischen 1976 und 1992 auf zehn Olympia- Medaillen (4/5/1), der Schwede Sixten Jernberg lief von 1956 bis 1964 neun Mal auf die Spitzenränge (4/3/2).

Spitze unter den Kufenflitzern ist die Russin Lidija Skoblikowa, die in Squaw Valley 1960 und Innsbruck 1964 sechs Mal Gold vom Eis holte. Mit Clas Thunberg (Finnland/5/1/1) und Bonnie Blair (USA/5/- /1) rangieren zwei weitere Eisschnellläufer noch vor Ausnahme-Erscheinung Eric Heiden. Der Amerikaner, der 1980 in Lake Placid den Durchmarsch auf allen Strecken schaffte, ist mit fünf olympischen Goldmedaillen bei einer Veranstaltung weiter unerreicht.

108 Mal Gold für die Deutschen

In den bislang 692 Wettbewerben bei Olympischen Winterspielen konnten die Deutschen aus Ost und West bisher 108 Mal die höchste Stufe des Siegerpodestes besteigen. Vor vier Jahren wurde Rodlerin Sylke Otto für das 100. Winter-Gold in der Geschichte Olympischer Spiele gefeiert worden.

Platz eins behaupten weiter die Russen, die inklusive der Ausbeute als UdSSR (1956 bis 1988) und GUS (1992) bereits 113 Sieger stellten. Die Norweger, mit denen sich die Deutschen in Turin vermutlich wieder um den ersten Rang der Medaillenwertung streiten werden, rangieren mit 101 Siegen auf Platz drei im Medaillenspiegel der Winterspiele.

Claudia Pechstein erfolgreichste Deutsche

Mit ihren Triumphen über 3000 und 5000 m hatte sich Eisschnelllauf-Star Claudia Pechstein vor vier Jahren in Salt Lake City an die Spitze der erfolgreichsten deutschen Winter-Olympioniken gesetzt. Als einziger deutscher Athletin gelangen der Berlinerin bislang vier Olympiasiege, während eine Silber und zwei Bronzemedaillen ihre Bilanz abrunden. Auch vor ihren fünften Winterspielen gilt die 33-jährige Hauptstädterin auf den beiden langen Distanzen sowie im Team-Wettbewerb, der in Turin seine Olympia-Premiere erlebt, als aussichtsreich.

An ihrem Thron kratzen könnte mit Anni Friesinger ausgerechnet ihre schärfste Rivalin auf dem Eis, die vor vier Jahren die 1500 m für sich entschied. Die Inzellerin ist auf allen vier Einzelstrecken zwischen 1000 und 5000 m sowie im Team-Rennen Mit-Favoritin. Jedoch will die Inzellerin erst in Turin entscheiden, ob sie eventuell auf eine Strecke verzichtet. Insgesamt haben acht deutsche Athleten auf Eis und Schnee bislang drei Mal bei Olympia triumphiert. Aktiv sind von ihnen nur noch Biathlet Ricco Groß ((3/3/1) und Rodel-Ikone Georg Hackl (3/2/0).

Goldrausch in Salt Lake City

Nur vier Goldmedaillen holten deutsche Winter-Sportler vor dem Zweiten Weltkrieg. Erst in den 70er Jahren starteten die von 1968 bis 1988 in getrennten Teams antretenden Deutschen ihre Erfolgsserien. DDR-Sportler erkämpften insgesamt 43 Mal Olympia-Gold, wobei die Medaillen vor allem auf die Konten der Rodler, Biathleten, Skispringer und Bobfahrer gingen. Die 1936 von Christl Cranz aufgenommene Goldspur der alpinen Skiläuferinnen aus der Bundesrepublik wurde durch Ossi Reichert (1956), Heidi Biebl (1960), Rosi Mittermaier (1976) und Martina Kiehl (1988) bis hin zu den Triumphen der Katja Seizinger 1994 und 1998 fortgeführt.

Beim ersten gemeinsamen Auftritt konnte das vereinte Team 1992 in Albertville mit je zehn Gold- und Silber- sowie sechs Bronzemedaillen zum dritten Male die seit 1956 herrschende Dominanz der UdSSR im Medaillenspiegel brechen, was zuvor nur 1968 Norwegen und 1984 der DDR gelungen war. In Lillehammer kehrten die Russen (11/8/4) an die Spitze zurück, verloren ihre Dominanz aber vier Jahre später wieder an die Deutschen, die in Nagano 29 Medaillen (12/9/8) erkämpften und 2002 in Salt Lake City mit sogar 36 Mal Edelmetall (12/16/8) nur nicht an der Spitze landeten, weil die Norweger nachträglich von den Disqualifikationen der gedopten Langlauf-Sieger Johann Mühlegg (Spanien) und Larissa Lazutina (Russland) profitierten.

84 Entscheidungen in Turin

Aushängeschild der Russen war über Jahrzehnte hinweg das Eishockey-Team, das seit 1956 acht Mal Gold gewann. Mit Alexander Tichonow, der zwischen 1968 und 1980 vier Mal die Biathlon-Staffel zum Erfolg führte, hatten die Sowjets auch den ersten Athleten in ihren Reihen, dem bei vier aufeinander folgenden Spielen der Sieg in der selben Disziplin gelang.

Insgesamt gewannen neun Sportler zumindest fünf Goldmedaillen im Winter. Zu ihnen zählt der Schwede Gunde Svan, der mit seinem Schlittschuh-Schritt die Welt der Langläufer revolutionierte und maßgeblich Einfluss auf Veränderungen im olympischen Programm nahm: Seit 1988 wird in klassische und Skating-Disziplinen unterschieden. Weniger Erfolg mit seinem futuristischen Stil hatte Svans Landsmann Jan Boklöv. Dem als "Froschspringer" abgestempelten Erfinder des V- Stils gelang keine Medaille, doch heute kopieren alle Springer seinen Scheren-Stil.

Das seit 1924 expandierende Programm wird in Turin um sechs auf nunmehr 84 Entscheidungen erweitert. Neu dabei sind die Team-Läufe der Eisschnellläufer und Langlauf-Sprinter, der Massenstart der Biathleten sowie die Cross- Entscheidungen der Snowboarder. Dafür werden in der Langlauf-Verfolgung nur noch ein statt bisher zwei Olympiasieger gekürt. Ganze 16 Wettbewerbe waren 1924 zum Auftakt in Chamonix ausgetragen worden. Entsprechend explodierten die Teilnehmerzahlen: Nach dem Start mit 258 Aktiven wurde 40 Jahre später in Innsbruck erstmals die 1000-Teilnehmer-Marke überschritten. In Turin ist wiederum ein neuer Rekord zu erwarten, der seit Salt Lake City bei 2399 Athleten aus 77 Staaten steht.

Frank Thomas/DPA / DPA

Wissenscommunity