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FMX: Schöner fliegen

Nein, ein "one-hand-seatgrab" ist kein neues Rezept von Jamie Oliver, sondern eine Sprungfigur: Innerhalb von nur vier Jahren hat sich Freestyle Motocross auch in Deutschland verbreitet. Was steckt dahinter? stern.de sprach mit IFMXF -Päsident Marko Manthey.

Von Freestyle Motocross hatte bis zum Jahr 2000 niemand etwas gehört. Inzwischen kommen bis zu 16.000 Leute zu den Veranstaltungen. Wie erklärt sich das?

Marko Manthey: FMX ist medial, es ist einfach schön anzusehen. Außerdem finden die Events in großen Städten statt. Und es sind nicht nur eine Sportveranstaltungen sondern fünfstündige Shows mit Musik und Pyrotechnik. Die Leute kommen, um eine Party zu feiern.

Und weil sie sehen wollen, dass einer der waghalsigen Sprünge daneben geht.

Das wäre schade. Aber man muss wohl davon ausgehen, dass es bei manchen so ist.

Die Fahrer riskieren bei den Shows Kopf und Kragen. Deswegen klebt an FMX das Image des Knochenbrecher-Sports.

Es ist supergefährlich, das muss man sagen. Aber sowohl die Jungs als auch wir Veranstalter sind sehr verantwortungsvoll. Es gibt Fahrer, die sagen kurz vor einer Show: "Heute steig’ ich nicht aufs Bike." Und wir machen dann auch keinen Druck. Die bekommen ihre Gage und gut ist.

Wieviele Verletzte gab es bislang?

Wir haben gerade eine Tour mit 20 Veranstaltungen hinter uns. Und da gab es einen, der sich den Arm gebrochen hat. Das war’s. Natürlich gibt es immer wieder Stauchungen und Prellungen. Aber unterm Strich ist Freestyle Motocross ungefährlicher als, sagen wir: normales Motocross, Down-Hill-Mountainbiking oder auch Fußball. Das hängt einfach damit zusammen, dass die Fahrer alleine unterwegs sind und von niemandem über den Haufen gefahren werden können. Außerdem fahren sie eher langsam, nicht schneller als etwa 60 Stundenkilometer.

Was geht einem eigentlich durch den Kopf, wenn man auf elf Metern Höhe neben dem Bike herfliegt?

Nichts. Das sind gewissenhaft erlernte Tricks, die die Fahrer intuitiv ausführen. Und wenn etwas nicht klappt, dann spult sich sofort Plan B ab. Und der hat nur einen Zweck: sicher zu landen.

Frauen gibt es ...

… in diesem Sport leider nicht. Es braucht wohl zuviel Kraft und Kondition, um Freestyle Motocross zu fahren.

Gibt es Überschneidungen mit der Stuntszene?

In den Zeiten, als ich noch BMX gefahren bin, habe ich häufig Schauspieler gedoubelt, um mir die Reise zum nächsten Wettbewerb zu finanzieren. Ich war immer der, der in Krimiserien vom Fahrrad geschossen wurde oder unters Auto rutschte. Bei FMX gibt’s das bislang noch nicht. Aber letztens waren Joha und seine Leute mal auf einer Veranstaltung und haben sich alles sehr genau angeschaut [Hermann Joha, Inhaber der Firma action concept, produziert für RTL unter anderem „Alarm für Cobra 11“, Red.]. Mal sehen, was daraus wird.

Wieviele Leute in Deutschland betreiben Freestyle FMX eigentlich professionell?

Es gibt vier Vollprofis, die sich davon ernähren können. Und ungefähr 30 Fahrer. Aber sehr viele Shows – auch reine Spaßveranstaltungen, auf denen keine Weltcup-Punkte gezählt werden, zum Beispiel auf Messen, Strassenfesten und Festivals.

Hat das ein bisschen was von Rock’n’Roll – Motorenöl, Groupies und Parties?

Natürlich gibt es Groupies. Und ein bisschen Rock’n’Roll ist es auch, die Fahrer sind keine Anzugträger, das ist klar. Aber sie vollbringen Spitzenleistungen, das darf man nicht vergessen. Der Weltranglisten-Erste Mathieu Rebeaud sagte mir letztens, dass er, wenn er Sonntags eine Veranstaltung hatte, am Montag völlig kaputt ist, sich am Dienstag erholt, und am Mittwoch wieder übers Motorradfahren nachdenken kann.

Also doch eher Eiskunstlauf mit Motor?

Man könnte es damit vergleichen, sicher.

Stiften die Sprünge nicht auch ein paar Naive im Publikum an, es auch mal selber zu versuchen?

Allen Ernstes: Die Rampen stehen mindestens 17 Meter auseinander, die Fahrer springen zehn Meter hoch. Da glaubt niemand, dass er das mal einfach so nachmachen kann.

Das Interview führten Bernd Grubmann und Lutz Kinkel

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