Frauenfußball-EM "Nickelig, aggressiv und ständig lamentierend"


Im Viertelfinale der Frauenfußball-EM in Finnland muss die Nationalelf gegen Italien ran. Kein leichter Gegner, denn die italienischen Frauen gelten als wahre Defensivkünstler. Trotzdem geht das deutsche Team als klarer Favorit in die Partie, auch weil zwei Stürmerinnen wieder topfit sind.

Die Besichtigung der Skischanzen von Lahti hat zwar "keinen Symbolcharakter", dennoch wollen sich die deutschen Frauen den Sprung ins Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft von Italien nicht vermasseln lassen. "Die Schanzen hier sind halt die Attraktion. Deswegen haben wir den Spielerinnen den Besuch angeboten. Viele waren dabei und hatten großen Spaß", berichtete Cheftrainerin Silvia Neid gut gelaunt vor dem Viertelfinale gegen die "Squadra Azzurra" im finnischen Wintersport-Mekka an diesem Freitag (15.00 Uhr/ZDF und Eurosport).

Die als "nickelig, aggressiv und ständig lamentierend" titulierten Italienerinnen haben sich bei der EURO dank zweier Vorrundensiege gegen England (2:1) und Russland (2:0) etwas überraschend in der schweren Gruppe C durchgesetzt und die K.o.-Runde als Zweite hinter Schweden erreicht. "Sie waren zwar nie die bessere Mannschaft, aber haben aus wenigen Chancen eiskalt ihre Tore gemacht. Ich erwarte sie sehr defensiv, aber mit ihren Kontern sind sie unheimlich gefährlich", fasste Neid ihre Eindrücke zusammen. "Wir haben Respekt vor Italien, aber keine Angst. Sie schweben momentan auf Wolke sieben, aber auch wir sind nach drei Siegen selbstbewusst."

Einziges "Problemchen" beim sechsmaligen Titelträger ist die Sprunggelenksblessur von Birgit Prinz. Die 31 Jahre alte Spielführerin war im Training umgeknickt und laboriert noch an einem Bluterguss. "Bei Birgit gibt es noch leichte Bedenken. Der Erguss ist noch nicht ganz raus", erklärte Neid. Die Cheftrainerin geht zurzeit aber davon aus, dass ihre Topstürmerin, der bei der EM zwar noch kein Tor gelang, die aber als Führungspersönlichkeit fast unersetzlich ist, bis zum Duell mit dem Weltranglisten-13. wieder fit ist. Am Morgen absolvierte Prinz nur leichtes Lauftraining. Neid: "Aber ich denke, dass es bis zum Spiel reicht."

Endgültige Entwarnung gab es bei Inka Grings. Die Knieprellung bei der Stürmerin (zwei EM-Tore) sei so weit abgeklungen, dass sie ihr kaum noch Probleme bereite, so Neid. "Bei Inka sieht es gut aus." Sollten beide Leistungsträgerinnen für das 24. Duell mit Italien (11 Siege, 8 Unentschieden, 4 Niederlagen) bereit sein, wird die Trainerin dieselbe Elf aufbieten wie bei den Erfolgen über Norwegen (4:0) und Frankreich (5:1). Zumal sich aus der "zweiten Garnitur" beim faden Auftritt gegen Island (1:0) keine Akteurin aufgedrängte.

Neid ist sicher, dass ihre Elf nicht noch einmal solch eine Vorstellung bietet, wie beim letzten Aufeinandertreffen beim Algarve- Cup 2007. "Das war ein furchtbares Spiel von uns. Da lief nichts zusammen. Und dann haben die Italienerinnen auch noch ein Tor geschossen", erinnert sich die Trainerin mit Grausen.

Doch die Angst des zweimaligen EM-Finalisten (1993, 1997) vor den Deutschen ist ohnehin viel größer als umgekehrt. Die Mannschaft von Chefcoach Pietro Ghedin scheint froh, überhaupt so weit gekommen zu sein. "Das ganze Turnier ist für uns eine Party", sagte die schon 34- jährige Stürmerin Patrizia Panico, neben der flinken Flügelstürmerin Melanie Gabbiadini noch immer die gefährlichste Angreiferin. Den beiden gilt auch das größte Augenmerk der DFB-Elf. "Aber natürlich wollen wir unser eigenes Spiel machen", sagte Neid.

Panico bezeichnete den zweimaligen Weltmeister Deutschland, dessen zehn Vorrundentore offenbar mächtig Eindruck bei der Konkurrenz hinterlassen haben, etwas despektierlich als "Dampfwalze". "Die Deutschen haben keine Schwächen, sie sind wie eine Dampfwalze. Sie machen alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Sie haben zwar schon alles gewonnen, aber sie sind immer noch hungrig", betonte die Stürmerin voller Respekt. Sie wäre im Viertelfinale lieber auf ein anderes Team getroffen. "Aber jetzt sind wir hier und müssen versuchen, das Spiel zu gewinnen."

Wömöglich wird die Europäische Fußball-Union Uefa das Teilnehmerfeld der Frauen-Europameisterschaft erneut aufstocken und künftig wie bei der Weltmeisterschaft mit 16 statt zwölf Mannschaften spielen lassen. "Wir hatten in Helsinki eine Sitzung der Uefa-Kommission für Frauenfußball. Dort wurde darüber diskutiert, ob man die nächste EM-Endrunde in vier Jahren für zwölf oder 16 Mannschaften ausschreiben soll. Wir haben uns dafür ausgesprochen, intensiv darüber nachzudenken, auf 16 Mannschaften zu erhöhen", sagte DFB- Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg am Mittwoch.

Ulli Brünger/DPA


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