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FUSSBALL: Johanssons Angriff auf FIFA-Chef Blatter

Schweren Vorwürfen muss sich FIFA-Präsident Sepp Blatter stellen. UEFA-Präsident Lennart Johansson startete einen Brief an 51 Mitgliedsverbände, in denen er Blatters Verhalten beklagt.

Schwere Vorwürfe

Fünf Wochen vor den Neuwahlen in Seoul ist der Machtkampf im Fußball-Weltverband FIFA zu einer erbitterten Auseinandersetzung auf allen Ebenen ausgeartet. UEFA-Präsident Lennart Johansson startete mit einem Brief an die 51 Mitgliedsverbände der Europäischen Fußball-Union zum Angriff auf FIFA-Präsident Joseph Blatter. In dem Schreiben warf der Schwede dem Schweizer »anti-europäisches Gebaren«, Amtsmissbrauch und Selbstherrlichkeit vor. »Der Präsident handelt, als ob die FIFA sein privates Eigentum wäre. Er kündigt neue Maßnahmen an und versteigt sich zu Versprechungen, ohne sich mit seinem Exekutivkomitee abzusprechen«, formulierte Johansson. Eindringlich forderte er die »Wackelkandidaten« unter den nationalen Verbandschefs, darunter auch DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, auf, beim FIFA-Kongress am 29. Mai für den Blatter-Herausforderer Issa Hayatou aus Kamerun zu votieren.

»Stimmungsmache« gegen Blatter

Mayer-Vorfelder wies die Forderung am Montag ebenso wie Franz Beckenbauer zurück. »Ich bin nicht bereit, jeder Stimmungsmache zu folgen. Die Sachen sind nicht dafür angetan, meine Meinung zu ändern«, hält Mayer-Vorfelder weiter an Blatter fest. Beckenbauer sprach von einer »Politik der Nadelstiche« und sagte an die Adresse von Johansson: »Dümmer kann man die Kampagne nicht machen.« Pünktlich zum UEFA-Kongress am Donnerstag in Stockholm, wo auch Blatter erwartet wird, hielt Johansson in einem neunseitigen Dossier die Verfehlungen des FIFA-Chefs seit dessen Wahl 1998 in Paris fest. Er zelebriere eine Ein-Mann-Show, missbrauche die FIFA zu persönlichen politischen Zwecken, betreibe eine riskante Finanzpolitik und sei für das schlechte Klima und die Turbulenzen in der FIFA verantwortlich.

Schaden für die Glaubwürdigkeit

»Mit seiner unberechenbaren Politik und seinen unverhofften Initiativen hat er dem Ruf der FIFA geschadet und den Weltverband kommerziellen und finanziellen Risiken ausgesetzt«, fasste Johansson zusammen. Die Situation sei außer Kontrolle geraten, weil sich die FIFA-Administration mit dem Präsidentenstab auf der einen Seite und dem Generalsekretariat um Michel Zen-Ruffinen auf der anderen Seite in zwei Lager gespalten habe. »Die persönlichen Berater des Präsidenten arbeiten am Kompetenzbereich des Generalsekretärs vorbei und«, so Johansson: »Diese Geschehnisse laufen der Glaubwürdigkeit und Integrität der FIFA zuwider.«

Europafeindlich

Der Schwede hob hervor, dass vor allem die UEFA unter der Blatter- Politik gelitten habe: »Seit seinem Amtsantritt hat Herr Blatter seinen Konfrontationskurs gegen Europa zunehmend verschärft und unnötig Konflikte provoziert.« So wolle der Schweizer die WM- Startplätze für Europa reduzieren, die europäische Mitgliederzahl in der FIFA-Exekutive reduzieren, die Bedeutung der Europameisterschaft durch eine WM im Zwei-Jahres-Rhythmus untergraben. Gegen den Willen der UEFA habe Blatter die Club-WM und den Konföderationen-Pokal durchgeboxt. Angesichts dieser Bilanz kann für Johansson nur die Abwahl Blatters das Ziel der UEFA-Verbände sein: »Herr Blatter [...] will doch Europas Stellung im Weltfußball weiter schwächen.«

Blatter schwer enttäuscht

Blatter wird beim UEFA-Kongress am Donnerstag in Stockholm direkt auf Johansson treffen und voraussichtlich dann auf dessen Vorwürfe reagieren. Am Montag traf sich der 66 Jahre alte FIFA-Chef in Zürich mit seinem Generalsekretär Zen-Ruffinen, der am Wochenende in mehreren Interviews schwerwiegende Vorwürfe gegen seinen Chef erhoben hatte. Unter anderem hatte Zen-Ruffinen von Betrug bei Blatters Wahlsieg 1998 über Johansson und von finanziellen Unregelmäßigkeiten in der FIFA-Zentrale gesprochen. Blatter stellte Zen-Ruffinen nun ein Ultimatum, die Angriffe bis zum Dienstagabend zurück zu nehmen oder der FIFA-Exekutive schriftlich zu belegen. »Ich bin enttäuscht und traurig, dass jemand, den ich 14 Jahre lang wie einen Sohn betrachtet habe, solche Vorwürfe in der Öffentlichkeit erhebt«, sagte Blatter.

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