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Handball: Bundestrainer Martin Heuberger im Interview

Es war ein schmaler Grat, auf dem sich die deutschen Handballer bewegten. Das Halbfinale bei der EM in Serbien war ebenso möglich, wie die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012. Im Exklusiv-Interview spricht Bundestrainer Martin Heuberger über das Turnier, die fehlende Cleverness und Kapitän Pascal Hens.

Die Europameisterschaft in Serbien war das erste große Turnier für Martin Heuberger als verantwortlicher Bundestrainer der Handball-Nationalmannschaft. Nach einem klassischen Fehlstart steigerte sich die Mannschaft, verpasste am Ende aber durch zwei Niederlagen und viel Pech das Halbfinale sowie die Chance auf die Olympischen Spiele.

Mit ein paar Tagen Abstand: Wie fällt Ihr Fazit von der EM in Serbien aus?

Martin Heuberger: Das Fazit an sich ist positiv, zumindest was den Auftritt und den Kampf der Mannschaft angeht. Dazu steckt eine gute Moral im Team und sie haben sich im Verlauf gut entwickelt. Sicherlich haben wir sportlich Defizite, aber die Mannschaft muss erst reifen und in der Zusammensetzung und Konstellation mit mir als Trainer braucht sie vielleicht ein oder auch zwei Turniere, um auch ganz oben wieder angreifen zu können.

Im Vorfeld wurde der Mannschaft nicht sonderlich viel zugetraut, dann kam das Spiel gegen die Schweden. Was haben Sie nach diesem Sieg gedacht?

Martin Heuberger: So schlecht, wie wir begonnen haben, so schnell ist dann die Euphorie gewachsen. Auch bei der Mannschaft war dies so, wobei wir gesagt haben, dass wir von Spiel zu Spiel denken wollen. Von dieser Maxime sind wir aber auch nicht abgewichen. Das Ziel war, einen der Qualifikationsplätze für die Olympischen Spiele zu erreichen. Dass wir dann in der Hauptrunde den Punkt gegen Serbien erreicht haben, war das Glück des Tüchtigen und eine unglaublich kämpferische Leistung, bei der wir acht Tore aufgeholt haben und mit Silvio Heinevetter zudem auch den überragenden Torhüter gestellt haben.

Haben Sie denn Ihre Ziele nach dem Sieg gegen die Schweden schon korrigiert?

Martin Heuberger: Ich war von der Mannschaft immer überzeugt. So wie wir vor dem Turnier abgeschrieben wurden, so habe ich das nicht gesehen. Ich wusste, dass Potenzial da ist und wenn wir als Einheit auftreten würden und einen guten Teamgeist entwickeln, auch etwas möglich ist. Das hat die Mannschaft auch rübergebracht.

Auffällig waren die vielen technischen Fehler. War der Druck einfach zu hoch auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele?

Martin Heuberger: Das hat mit Druck nichts zu tun. Da muss man sagen, es fehlt uns eine spielerische Reife. Auch die Serben spielen keinen schöneren Handball, aber sie schaffen es, die Spieldisziplin zu halten und auch taktische Fouls zu provozieren – dazu waren wir nicht in der Lage. Dann haben wir bei halbfertigen Situationen gemeint, ein Tor werfen zu müssen und dann war der Ball eben weg. Oder haben in der Bedrängnis eben den Fehlpass gespielt. Das haben uns andere Mannschaft noch voraus.

Dennoch gab es zwei Chancen, das Halbfinale zu erreichen. Warum hat es nicht funktioniert?

Martin Heuberger: Zum Ersten haben wir gegen eine sehr starke dänische Mannschaft verloren, die als amtierender Vizeweltmeister ihr bestes Turnierspiel gezeigt hat. Wir haben lange Zeit mitgehalten und letztendlich sind wir im Angriff gescheitert, da wir den einen oder anderen einfachen Fehler zu viel gemacht haben. Und dann verliert man eben mit zwei Toren. Das war aber kein Beinbruch, denn das Niveau war gut. Dass es gegen Polen nicht gereicht hat, war der Abwehrleistung geschuldet. In der ersten Halbzeit haben wir zu viele Treffer über außen bekommen – ich glaube, da waren die Jungs nicht so frisch. Die Grundaggressivität hat da gefehlt. Auch die Torhüterleistung war da nicht so gut, wie in den Spielen zuvor.

Schaut man sich die Leistung insgesamt an, hat die Abwehr durchaus überzeugen können und auch die Außen im Angriff haben positive Akzente gesetzt – über die Torhüter muss man wohl nicht sprechen. Wo sehen Sie genau die Defizite im Team?

Martin Heuberger: Unsere Stärke war sicherlich die Abwehr und die Torhüterleistung. Wir müssen uns im Gegenstoß verbessern, da haben wir sicherlich noch Luft nach oben. Und auch das Überzahlspiel war über das gesamte Turnier nicht ausreichend. Dann natürlich Fehler in der einen oder anderen Spielsituation, da fehlt uns eben noch die Cleverness. Da hatte ich oft das Gefühl, dass die Mannschaft zu viel wollte.

Auch über den Kapitän muss man noch sprechen: Pascal Hens ist eigentlich zu keiner Phase wirklich im Turnier gewesen. Hatte sich das zuvor schon angedeutet oder wurden Sie von seiner Entwicklung komplett überrascht?

Martin Heuberger: Pommes hat gut trainiert und zwei gute Vorbereitungsspiele gegen Ungarn gemacht. Ich war mir sicher, den alten Pommes wieder zu sehen. Leider kam dann das erste Spiel gegen die Tschechen, das für ihn sehr unglücklich gelaufen ist. Dann habe ich aus taktischer Sicht im zweiten Spiel gegen Mazedonien die Abwehr stark gemacht und habe Lars Kaufmann gebracht. Der hat dann auch im Angriff ein sehr gutes Spiel gezeigt. Pascal hatte dann keine gute Quote zum Auftakt und saß im zweiten Spiel komplett auf der Bank. Danach kam er wohl nicht mehr in den richtigen Rhythmus.

(Kurz nach diesem Interview trat Pascal Hens aus der Nationalmannschaft zurück. Martin Heuberger erklärte in einer Pressemitteilung: Schade, dass Pommes sich zu diesem Schritt entschlossen hat, er hat die Kapitänsrolle in unserer Mannschaft vorbildlich ausgefüllt. Aber ich habe vollstes Verständnis für seine Entscheidung und wünsche ihm im Verein alles Gute.)

Spätestens mit der Niederlage gegen die Polen ist die Euphorie verflogen. Hätte man gewonnen, wäre es ein überragend gutes Turnier gewesen, nun wird alles in Frage gestellt. Wie sehen Sie diesen unheimlich schmalen Grat?

Martin Heuberger: Dieser Grat war wirklich sehr schmal. Durch Hilfe von anderen hätten wir Platz fünf oder sechs auch noch erreichen können. Die Slowenen sind Dritter in ihrer Gruppe geworden und haben einen Punkt weniger als wir. Das zeigt das Verhältnis. Hätten die Ungarn gegen Kroatien gewonnen, wären wir weitergekommen und hätten das Spiel bestreiten können. Die Franzosen haben ausgerechnet gegen Island unentschieden gespielt. Mit einem Sieg für Frankreich wären die Franzosen Dritter gewesen und wir hätten das Relegationsspiel gehabt. Es ist eben auch sonst alles danebengegangen und daran sieht man, wie schmal der Grat ist. Ich möchte dieses Turnier für uns aber trotzdem nicht als Misserfolg werten. Man hat gesehen, dass die Mannschaft sich entwickelt hat und den nötigen Stolz hatte, zudem eine Euphorie entfacht hat. Darauf bauen wir auf.

Sie sind der absolute Fachmann, wenn es um den Nachwuchs geht und haben gerade dort viele Erfolge gefeiert. Wer kann helfen, um die Löcher in der Mannschaft zu stopfen?

Martin Heuberger: Natürlich ist da die Liga gefordert, den Nachwuchs mit individuellem Training zu fördern. Dazu brauchen die Spieler die Einsatzzeit, um international bestehen zu können. Ich setzte dabei große Hoffnungen auf Christian Dissinger, der ja leider einen Kreuzbandriss hat. Aber es gibt auch Spieler wie Petar Djordjic, der irgendwann im Rückraum vielleicht eine Alternative ist. Dann haben wir Hendrik Pekeler am Kreis zu Patrick Wiencek und Christoph Theuerkauf, der eine gute Alternative ist, aber sich noch entwickeln muss. Da hoffe ich auf den nächsten Schritt beim TBV Lemgo. Auf den Außen haben wir noch ein paar gute Talente, das Manko ist aber der Rückraum, da müssen wir sehen, mehr in der Breite auszubilden.

Kurz nach dem Turnier überwog sicherlich der Frust, dennoch gab es von Silvio Heinevetter sehr kritische Töne zu hören. Er erklärte, DHB-Präsident Ulrich Strombach habe keine Ahnung vom Handball. Wie sehen Sie diese Aktion?

Martin Heuberger: Silvio soll sich auf die handballerischen Dinge beschränken. Diese Diskussionen werden uns sportlich nicht weiterbringen.

Mit welchem Gefühl gehen Sie als Bundestrainer nun aus diesem Turnier und haben Sie es schon geschafft, den Blick wieder nach vorne zu richten?

Martin Heuberger: Ich bin noch an der Aufarbeitung des Ganzen und möchte es auch ganz gezielt und detailliert machen. Ich muss auch die Fehleranalyse bis ins Detail betreiben, um dann strategisch und konzeptionell die nächsten Schritte zu planen.

Was stimmt Sie positiv, bis zur WM 2013 in Spanien den nächsten Schritt gemacht zu haben?

Martin Heuberger: Es gab auch in der jüngsten Vergangenheit positive Ansätze aus der Liga, was die Nachwuchsarbeit angeht. Aber wir müssen es schaffen, die Leute, die uns helfen können, nach der Juniorenzeit nach vorne zu bringen. Wir haben griffige Konzepte für die 14–18-Jährigen, die uns aber kurzfristig nicht weiterhelfen. Das geht nur über die Einsatzzeiten in der Liga. Da hoffe ich, dass wir in einem Boot sitzen und gemeinsam versuchen, die Nationalmannschaft nach vorne zu bringen. Ich bin sicher, dass die Mannschaft in Serbien viel dazugelernt hat. Über eine erfolgreiche WM-Qualifikation werden wir uns dann mit den gemachten Erfahrungen weiter entwickeln,

Sie sehen der Zukunft also positiv entgegen oder befürchten Sie einen Abwärtstrend des deutschen Handballs?

Martin Heuberger: Ganz sicher nicht. Ich werde alles daransetzen, das wir als größte Handballnation der Welt nach den guten Ansätzen den nächsten Schritt machen.

Das Inteview führte Gunnar Beuth

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