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Handball-WM: Schweigende Riesenkrake

Was passiert, wenn Island gegen Dänemark Handball spielt? Normalerweise nichts ­ das Ergebnis lautet meist unentschieden. Nur im schlimmsten Fall sinken bärtige Männer nach der Partie weinend auf den Boden. Wie gestern nach dem packenden Viertelfinalspiel in der Hamburger ColorLine Arena.

Von Iris Hellmuth

In Island sagen die Menschen, dass es immer gut ist, noch jemanden unter sich zu haben. Deshalb sind die Isländer froh, dass es die Grönländer gibt, und die Grönländer mögen es, ab und zu mal bei den Färöern vorbeizuschauen. Island gehörte bis 1944 zu Dänemark, was die Isländer den Dänen nicht übel nehmen, sie sind keine nachtragenden Menschen. Und schließlich, das betonen die Isländer gern, haben die Dänen ja auch viel Gutes auf die Insel gebracht: Schulen zum Beispiel, oder Krankenhäuser, oder das Kartenspiel Olsen Olsen - eine vereinfachte Form von MauMau, das die Isländer grundsätzlich spielen, ohne die Punkte aufzuschreiben. Und irgendwann haben die Dänen den Handball nach Island gebracht.

Spiel mit Tradition

Es ist nie ein normales Spiel, wenn Island im Handball auf Dänemark trifft; der Wille, es den alten Lehnsherren so richtig zu zeigen, ist einfach zu groß. Die Ergebnisse sind meist eng, was zum einen daran liegt, dass man bei einem Handballturnier im Gegensatz zu Olsen Olsen die Punkte notieren muss, und zum anderen, dass beide Länder eine sehr ähnliche Spielweise haben. Beides hat in der Vergangenheit sogar so weit geführt, dass sich die Mannschaften schlicht weigerten, einen Sieger zu küren - fünf Mal hintereinander endeten die Spiele unentschieden.

Auch im Viertelfinale der Handball-WM am Dienstagabend haben sie es wieder versucht, 34:34 lautete der Endstand am Ende der zweiten Halbzeit, es war ein aufreibendes Handballspiel gewesen, in dem die Dänen oft vorne lagen (einmal sogar mit vier Toren), die Isländer sich aber immer wieder heran kämpften. "Ich zähle uns nicht zu den besten sechs bis acht Mannschaften", hatte der isländische Nationaltrainer Alfred Gislason noch am Montag gesagt, um seiner Mannschaft vor dem besonderen Spiel den Druck zu nehmen. Eigentlich ist Alfred Gislason ein ruhiger Mensch, zu Beginn eines Spiels geht er meist mit verschränkten Armen die Außenlinie auf und beobachtet das Treiben auf dem Feld, in Magdeburg kennen sie diesen Alfred-Gislason-Gang sehr gut, sieben Jahre lang hat er dort die Handball-Mannschaft trainiert.

Es ging in die Verlängerung

Doch wenn Alfred Gislason sich aufregt, was meist gegen Ende der zweiten Halbzeit der Fall ist, ist das ein wirklich sehenswertes Spektakel: Dann hüpft der Isländer an der Außenlinie auf einer Stelle und schüttelt seine vier Gliedmaßen in abwechselnder Reihenfolge, was vor allem deshalb lustig aussieht, weil Gislason mit ausgestreckten Armen die Spannbreite einer Riesenkrake hat und mit seinen bloßen Händen ohne Probleme einen Truthahn tranchieren könnte. Im Spiel gegen Dänemark erfuhr diese Vorführung allerdings noch eine Steigerung: Als die Isländer beim Spielstand 33:34 acht Sekunden vor Schluss noch einen Siebenmeter zugesprochen bekamen und sich Snorri Gudjohnsson zum Werfen bereit machte, sprang Alfred Gislason mit gespreizten Beinen auf der Stelle, schüttelte gleichzeitig die Hände, winkte mit den Unterarmen und verschob seinen Körper abwechselnd von links nach rechts. Gudjohnsson verwandelte, Gislason ballte die Hände zur Faust, das Spiel ging in die Verlängerung.

Jetzt hielt es auch die Zuschauer in der ausverkauften Color Line Arena nicht mehr auf den Plätzen. Drei Viertel der Fans waren aus Dänemark gekommen, die Fans aus Island brüllten sie einfach nieder, schon bei der Hymne waren sie lauter gewesen, es war ein ungleiches Duell. Nur auf dem Bildschirm über dem Spielfeld stand es weiterhin unentschieden, 41:41, fünfzehn Sekunden vor Schluss.

Bärtige Männer am Boden

"Dieses Spiel hatte keinen Sieger verdient", sagte der Isländer Logi Geirsson ein paar Minuten nach dem Abpfiff. Er war einer der wenigen, der Worte dafür fand, was in den letzten Sekunden der Verlängerung passiert war: Wie Alexander Petterson durch die dänische Mauer gebrochen war und den Ball an die Torlatte knallte. Wie der Isländer Olafur Stefansson seinen Gegenspieler Lars Madsen beim Tempogegenstoß leicht touchierte und dafür noch eine Zeitstrafe einsackte. Wie Dänemark schließlich, eine Sekunde vor Schluss, das 41:42 warf. Und wie die isländischen Spieler anschließend zu Boden sanken, bärtige Männer mit verzerrten Gesichtern, viele von ihnen weinend.

In der Kabine, sagte Gudjon Sigurdsson später, hätte kein Spieler ein Wort gesagt, was soll man auch sagen nach so einem Spiel. Er war in das Medienzentrum geschlichen, um sich an der Bar einen Kaffee mit Milch zu holen; Kaffee ist das Lieblingsgetränk der Isländer, sie trinken ihn morgens, mittags und oft sogar zum Abendbrot. Doch wahrscheinlich hat noch nie ein Isländer beim Kaffeetrinken so traurig ausgesehen wie Gudjon Valur Gudjonsson. Ich wünsche den Dänen alles Gute für den Rest des Turniers, sagte er noch, und er meinte es ehrlich. An diesem Abend waren Island und Dänemark ebenbürtige Gegner gewesen.

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