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Henning Fritz: "Quatsch, das kriegen wir hin"

Keiner hat einen solchen Absturz erlebt: Der deutsche Nationaltorwart Henning Fritz ist bei seinem Club THW Kiel nur noch dritte Wahl - 2004 war er noch Welthandballer des Jahres. Trotzdem wird er zunächst die deutsche Nummer eins sein.

Er hat wenig Spielpraxis, aber viel Verantwortung, war Welthandballer des Jahres 2004, doch im Verein zuletzt nur dritte Wahl. Von einer ungestörten Vorbereitung auf die am Freitag beginnende Handball-WM kann bei Henning Fritz keine Rede sein. Statt sich im Bundesliga-Alltag das nötige Selbstvertrauen für den Auftritt auf großer Bühne zu holen, fristete der Nationaltorhüter beim THW Kiel in den vergangenen Monaten ein Schattendasein. Bedenken schiebt Fritz beiseite: "Natürlich ist das nicht optimal. Aber solch eine Situation kann man auch als Chance sehen. Und mit dieser Einstellung gehe ich daran."

Der Keeper hat gute Chancen, dass ihm ein ähnliches Schicksal wie beim THW Kiel in der Nationalmannschaft erspart bleibt. Denn anders als Vereinscoach Zvonimir "Noka" Serdarusic, der beim Branchenprimus auf Thierry Omeyer (Frankreich) und Mattias Andersson (Schweden) setzt, hält Heiner Brand noch immer große Stücke auf Fritz. Der Bundestrainer ist guten Mutes, dass sein einstmals großer Rückhalt die frustrierende Degradierung in Kiel mit Turnierbeginn ausblenden kann: "Wenn alles normal läuft, ist er bei der WM unsere Nummer 1. Er ist auf gutem Weg, das Problem zu lösen."

Großer Teamgeist in der Mannschaft

Es spricht für den großen Teamgeist innerhalb der Nationalmannschaft, dass keiner seiner Konkurrenten sich die Situation mit markigen Sprüchen zu Nutze macht - anders als beim monatelangen Vor-WM-Scharmützel der Fußballer Oliver Kahn und Jens Lehmann. Mit aufmunternden Worten stärken Johannes Bitter (SC Magdeburg) und Carsten Lichtlein (TBV Lemgo) ihrem Mitstreiter den Rücken. Der Magdeburger Bitter, derzeit aussichtreichster Anwärter auf die Fritz-Nachfolge, ist voll des Lobes: "Für mich ist Henning die Nummer 1. Er ist im Training aggressiv wie nie."

Zum unbändigen Trainingseifer trägt vor allem Andreas Thiel bei. Auf der Suche des Kielers nach der verlorenen Form spielt der einstige Weltklassekeeper eine große Rolle. "Die intensive Arbeit mit ihm ist extrem wichtig für mich", lobte Fritz die Arbeit des Aushilfs-Torwarttrainers, der allein auf Grund seiner sportlichen Vita bei allen drei Torhütern höchsten Respekt genießt.

Adäquater Ersatz steht bereit

Thiel hält wenig von den aufkommenden Diskussionen, dass die Deutschen bei der der WM ein Torwartproblem haben könnten: "Quatsch, das kriegen wir hin. Fritz muss in der Lage sein, sich drei Wochen nur auf die WM zu konzentrieren und den THW und den bösen Noka zu vergessen." Sollte das nicht gelingen, steht nach Einschätzung des Juristen adäquater Ersatz bereit: "Wer weiß, vielleicht wird das ja auch die WM von Bitter."

Viel wird davon abhängen, wie Fritz, der seinen Vertrag in Kiel trotz der misslichen Situation kürzlich bis 2009 verlängert hatte, in das Turnier findet. Die vermeintlich leichten Gegner aus Brasilien und Argentinien zum WM-Beginn tragen dazu bei, dass der Druck zunächst nicht allzu hoch sein dürfte. Leistungen wie im Jahr 2004, als er sich beim EM-Titel in Slowenien und dem Gewinn der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Athen die Aura des Unbezwingbaren erwarb, könnten auch seinen größten Kritiker Serdarusic wieder umstimmen. "Wenn er bei der WM stark hält, wird er auch in Kiel wieder erste Wahl", glaubt Bitter.

Heinz Büse/DPA / DPA

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