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Interview mit Jan Ullrich: "Mein grösster Gegner bin ich selbst"

Bei der Tour de France entfachte Jan Ullrich die Liebe der Nation zum Radsport neu. Der Athlet des Jahres über sein Comeback, das Duell mit Lance Armstrong und sein Leben als Familienvater.

Herr Ullrich, Sie sind die letzte Hoffnung des Radsports. Seit dieser Tour de France ist klar: Nur Sie können den Dauersieger Lance Armstrong schlagen.

Lance nennt mich seine größte Motivation. Dabei gibt es noch etliche andere starke Fahrer. Wie Joseba Beloki oder Alexander Winokourow. Lance wird es in den nächsten Jahren nicht leichter haben. Er wird gejagt wie nie zuvor.

Der Favorit seien Sie, sagt Armstrong, weil Ihr bestes Jahr vor Ihnen liege. Gehört diese Aussage schon zu seinen Psychotricks?

Klar, das war typisch für Lance. Nur, als fünfmaliger Toursieger kann er nicht den Druck bei mir abladen. Aber eine gezielte Ruhestörung ist das schon.

Weil er Sie fürchtet wie keinen anderen?

Er konzentriert sich ganz auf dieses Duell; er liebt diesen Kampf Mann gegen Mann.

Armstrong baut seinen Gegner gern zum Feindbild auf, im Sattel wird er manchmal sogar zum Krieger. Brauchen Sie das auch, diese Konfrontation?

Nö, ich möchte es mir lieber selbst beweisen. Ich will Rad fahren. Nach dem Jahr mit all den Turbulenzen und den Knieoperationen habe ich gemerkt, dass es nicht nur mein Beruf ist, es ist Leidenschaft. Und ich weiß, ich kann die Tour noch mal gewinnen. Das spüre ich.

Ist Ihr größter Gegner also Jan Ullrich?

Hmm, tja ... das ist eine interessante These. Armstrong braucht mich als Rivalen, um sich zu motivieren. Ich brauche ihn nicht. So gesehen: Ja, mein größter Gegner bin ich selbst. Es gibt genug Tage, an denen ich mich überwinden muss, ein paar Stunden im Sattel zu verbringen. Du musst raus, egal, ob es regnet, friert, schneit. Manchmal tut Training verdammt weh. Ich habe diesen Kampf angenommen - das ist der neue Ullrich. Früher bin ich die Kilometer einfach runtergerollt, jetzt aber fahre ich jeden Kilometer bewusst. Das bringt mir mehr. Das Jahr Pause hat mich verändert. Ich höre mehr auf meinen Körper, bin offener für neue Trainingsformen. Davor hab ich alles gemacht wie immer, ich war ja erfolgreich. Aber das reicht mir nicht mehr. Deshalb habe ich bereits Anfang Dezember auf Mallorca mit dem Training begonnen.

Hat es Sie erstaunt, dass auch Armstrong seine Vorbereitung ändert?

Das ist schon sehr mutig. So wie dieses Jahr bei der Tour habe ich Lance noch nie gesehen. Er hat gelitten, geschwächelt, Emotionen gezeigt. Sonst ist er uns ja allen weggefahren, dieses Mal hat er Kraft gespart, wo er nur konnte. Er fühlt wohl, dass ich ihm gefährlich werde.

Wie ist Ihr Verhältnis?

Small Talk, wenn man sich bei den Rennen sieht, mehr nicht. Ich hätte nichts dagegen, mit ihm ein Bier trinken zu gehen, aber solange er mich als Gegner sieht, ist er da blockiert. Nach der Karriere kann ich mir vorstellen, dass man sich auch mal näher kommt, weil der Kampf durch ist, da hat er nichts mehr zu verlieren. Es würde mich auch wirklich mal interessieren, wie er als Typ so tickt. Aber das wird er mir jetzt bestimmt nicht erzählen.

In seinem Buch schreibt Armstrong, er glaube nicht, dass Sie nach seinem Sturz bei der Tour auf ihn gewartet hätten?

Quatsch, ich bin eindeutig nicht mehr hundert Prozent gefahren. Vielleicht bin ich zu nett, das hat wohl damit zu tun, dass ich keinen Gegner brauche, um mich zu motivieren. Ich bin halt ein fairer Typ und habe einen Gang rausgenommen.

Ärgert es Sie, dass er so was behauptet?

Nö. Ich weiß ja, wie solche Bücher geschrieben werden, da muss so was drinstehen. Was mich stört, ist, dass er nach der Tour sagt: Ich war so schlecht, ich habe nur mit einer Minute Vorsprung gewonnen, damit wertet er unsere Leistung ab. Aber das ist wohl seine Mentalität - er ist halt Texaner.

Nächstes Jahr können Sie?s ihm richtig zeigen, dann haben Sie das beste Team.

Ich hoffe es. Für mich gibt?s nur ein Ziel, ich geh nächstes Jahr so ernsthaft wie noch nie den Toursieg an.

Sie kehren zurück zur Telekom, die nächstes Jahr als T-Mobile Team antritt. Wird unter den vielen Stars dort Erik Zabel das schmerzlichste Opfer bringen müssen?

Natürlich hat er so oft wie kein anderer das grüne Trikot für den stärksten Sprinter rausgefahren. Aber wenn einer im Team fürs Gelbe infrage kommt, sollten wir keine großen Kräfte raushauen, um Erik zu unterstützen. Wir haben zwar 1996 und 1997 beide Trikots gewonnen, aber das geht heute nicht mehr.

Also komplett auf Zabel verzichten?

Ganz klar: nein! Wir brauchen Erik im Team. Er ist ein sehr guter Mannschafts-zeitfahrer. Allerdings, die Tour können nur ganz wenige gewinnen - und die anderen müssen dafür alles tun. Ich würde mich übrigens auch unterordnen, falls Alexander Winokourow der Bessere wäre.

Sie haben vor der Tour gesagt, Telekom brauche Sie mehr als Sie die Telekom.

Die Telekom braucht halt einen großen Siegfahrer. In Frankreich hat man gesehen, dass ich auch ohne sie fast gewonnen hätte. Andererseits weiß ich nicht, ob ich nicht die Tour gewonnen hätte, wenn ich schon dieses Jahr mit Winokourow zusammen gefahren wäre. Ich finde es gut, dass es ein deutsches Team gibt, das führend ist in der Welt. Deshalb bin ich wieder zurück.

Erkennt T-Mobile Ihren Reifeprozess eigentlich an? Behandelt man Sie dort jetzt anders als früher?

Ich habe ihnen gesagt: Ich bin ein anderer geworden, ihr seht, wenn ihr mir meine Freiheiten lasst, dann bringe ich meine Leistungen. Es ist heute nicht mehr nötig, mir einen Aufpasser zu schicken, der schaut, ob ich auch wirklich zum Training fahre. Bei allem, was passiert ist, muss ich aber auch zugeben, dass ich nicht schuldlos daran war. Die Teamführung weiß nun, dass ich mich gewandelt habe.

Sind Sie jetzt mächtig genug, Ihren Berater Rudy Pevenage bei T-Mobile durchzudrücken? Der ist mit Walter Godefroot, dem Leiter des Teams, arg zerstritten?

Beide haben mir erzählt, warum sie Probleme miteinander haben. Trotzdem hoffe ich auf ein gutes Ende. Die beiden müssen sich nun von selbst wieder näher kommen. Allerdings steht für mich absolut fest, dass ich mit Rudy weiterarbeite. Er hat ja auch immer zu mir gehalten.

Ist das eine Lehre aus den vergangenen zwei Jahren? Dass Sie nun wissen, wer Ihre Freunde sind und wer nur die Schulterklopfer?

Das ist so. Und ich weiß, ich kann nicht die ganze Welt ändern, sondern ich muss mich selbst ändern. Ich wohne jetzt in der Schweiz, meine Freunde kommen mich besuchen, die anderen halt nicht mehr, denen sind die paar Kilometer schon zu weit.

Ihr Sponsor Adidas hatte nach Ihrer Pillenaffäre sofort den Vertrag gekündigt. Kommt er wieder zurück?

Adidas unterstützt das Team, einen Privatvertrag habe ich noch nicht. Da laufen Gespräche. Natürlich war ich enttäuscht, weil ich immer ein hundertprozentiger Adidas-Mann war. Aber man muss die richtige Geschichte kennen, um das alles richtig zu verstehen.

Lange Geschichte?

Lange Geschichte. Jeder versteht, dass es kein Doping war. Die Definition von Doping ist, dass ich bewusst mit fremden Mitteln meine Leistung verbessere, um andere zu betrügen. Das war bei mir nicht der Fall.

So war's ein lustiger Abend in Münchens Schickeria-Disco P1.

Ja, es? es war einfach kein Doping. Trotzdem ist der Sponsor abgesprungen, das hätte ich so nicht erwartet.

Zu dem Zeitpunkt waren Sie sportlich und auch privat in der Krise. Haben Sie damals auch Angst gehabt, dass Ihre Freundin Gaby sich von Ihnen abwendet?

In einer Beziehung erwarte ich von meiner Partnerin, dass sie zu mir steht, auch, wenn?s nicht so läuft. Es hätte mich sehr enttäuscht, wenn Gaby bei unserer ersten Krise gleich gesagt hätte: So, Jan, ich haue jetzt ab. Ich wundere mich über Leute, die meinen: Mensch, du hast 'ne tolle Frau, eine andere wäre schon längst weg gewesen. Das war für mich ganz normal.

So normal ist das nicht. Als Sie mit Ihrem Porsche in den Fahrradständer gefahren sind, waren noch zwei Frauen dabei. Das tolerieren nicht viele.

Das haben wir untereinander geklärt, die Gaby und ich. Wir konnten das, weil es zwischen uns einfach stimmt.

Aber das Vertrauen von Gaby mussten Sie zurückgewinnen?

Klar, ich musste ihr schon zeigen, dass ich wieder will. Natürlich haben wir eine schwere Zeit durchgemacht, aber dafür ist es nachher noch besser gelaufen.

Im Juli, kurz vor der Tour, kam Ihr gemeinsames Kind auf die Welt. Wenn man so zurückrechnet - ein Versöhnungskind?

Wir haben uns damals dazu entschieden. Wir wollten unsere gemeinsame Zukunft durch ein Kind zementieren. Wir hatten schon früher darüber gesprochen. Nach dem Krisensommer haben wir uns gesagt: Es klappt super zwischen uns, wir haben eine schwierige Situation gemeistert, jetzt steht einem Kind nichts mehr im Wege. Das Baby war perfekt geplant.

Wären Sie auch ohne Ihre Tochter Sarah-Maria die Tour so klasse gefahren?

Sie hat mir noch mehr Rückenwind gebracht, die kleine Maus. Das war optimal für mich. Wenn ich noch mal daran denke, ich habe wegen der Geburt vier Tage nicht trainieren können, ich wollte unbedingt im Krankenhaus dabei sein. Vier Tage nicht trainieren vor dem Höhepunkt der Saison, das hätte ich mir nie vorstellen können. Aber das hat meine Moral gesteigert. Hat man ja dann beim Prolog gesehen, wie ich abgegangen bin. Da verschwinden Probleme, über die du dir viele Gedanken gemacht hast. Du fährst ganz befreit. Ich habe diese Zeit genossen.

Und wann heiraten Sie Gaby endlich?

Wir haben da eine ganz coole Einstellung. Wenn es passt, machen wir das. Die ganze Welt fragt uns, das löst bei mir eher eine Antireaktion aus.

Geben Sie's doch zu: Ihnen fällt nur kein vernünftiger Antrag ein.

Nee, nee, wenn es so weit ist, werde ich ganz kreativ. Versprochen!

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